Spott, Anekdoten und viel Lokalkolorit: Mit den Narrenblättern halten die Zünfte ihren Mitbürgern genüsslich den Spiegel vor. Sie werden dieser Tage wieder verteilt.
Sie sind die Zeitungen der Fastnacht und werden jedes Jahr sehnsüchtig erwartet: In den Narrenblättern des Kinzigtals werden genüsslich Missgeschicke der Bürger ausgebreitet, Historisches erklärt, Anekdoten erzählt und lustige Zeichnungen veröffentlicht. Auch in diesem Jahr sind die Narren – die meisten am heutigen Samstag – wieder unterwegs, um die Werke unter die Leute zu bringen. Aber die Narrenblätter verbreiten nicht nur Freude. Sie blicken meistens auch auf eine jahrzehntelange Tradition zurück – manche sind schon 100 Jahre alt.
Haslach: Das Haslacher Narrenblättle gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Jürgen Burger von der Haslacher Narrenzunft weiß. Wegen der beiden Weltkriege wurde es jedoch eingestellt, bevor es im Jahr 1983 „wiedergeboren“ wurde. Damit wird das Haslacher Narrenblättle in diesem Jahr 43 Jahre alt. Burger und drei weitere Personen bilden das Kernteam der Redaktion, es gibt aber auch einige freie Mitarbeiter, wie etwa Alois Krafczyk, der in diesem Jahr einen historischen Beitrag beisteuert. Die Geschichten für das Narrenblättle werden dem Redaktionsteam laut Burger zugetragen. „Und wir sind auch gut vernetzt, da erfährt man viel“, sagt er. Das Haslacher Narrenblättle wird seit dem gestrigen Freitag im Städtle verteilt. Auch heute ziehen die Narren noch von Haus zu Haus und verkaufen es zum Preis von drei Euro – oder, wie es offiziell von Seiten der Zunft heißt, für 300 Cent.
Hausach: Wunderfitzig, also neugierig, warteten die Hausacher Jahr für Jahr auf ihr Narrenblatt – und so hieß es ab dem Jahr 2000 „Wunderfitz“. Seine Geschichte reicht jedoch viel weiter zurück: Bereits seit 1901 gab es in der Stadt unter der Burg ein Narrenblatt, das anfangs auch so hieß. Bis 2024 kümmerte sich die Familie Agüera um die Herausgabe des „Wunderfitz“. Nachdem sie bekannt gegeben hatte, diese Aufgabe abgeben zu wollen, fand sich kein Nachfolger. Nachdem es bereits im vergangenen Jahr kein Narrenblatt gegeben hatte, werden die Hausacher wohl auch in diesem Jahr vergeblich wunderfitzig bleiben.
Hofstetten: „Dorfgschwätz“ heißt das Narrenblatt der Gemeinde Hofstetten. Es erschien erstmals 1998, damals noch unter dem Namen „Echo“ und mit einer Auflage von 280 Exemplaren. Seitdem hat sich viel getan: Nicht nur wurde das Blättle 2017 in „Hofstetter Dorfgeschwätz“ umbenannt, auch die Auflage hat sich fast verdoppelt. 450 Stück werden am heutigen Samstag zum Preis von 3,70 Euro in Hofstetten verteilt, in den Außenbezirken bereits etwas früher, wie Hans-Peter Singler von der Narrenzunft berichtet. Um die Redaktion des Narrenblättles kümmerten sich im Vorfeld hauptsächlich fünf Hofstetter. „Wir haben aber auch einige Ghostwriter sowie Leute, die sich um Layout und Werbung kümmern“, so Singler.
Mühlenbach: 40 Jahre Narrenblatt feiert die Mühlenbacher Narrenzunft in diesem Jahr. Um den Inhalt kümmern sich laut Milena Kaiser von den Mühlenbacher Narren zwischen sechs und acht Schreiber. „Sie bringen die Geschichten in Reimform“, berichtet sie. Die Inhalte werden über das ganze Jahr hinweg gesammelt. „Wir bekommen sie am Rande mit oder es kommen gezielt Personen auf uns zu und sagen: Wir haben da etwas. Viele freuen sich auch, wenn sie ins Narreblättli kommen, und erzählen uns die Geschichten selbst“, so Kaiser. Illustriert werden die Texte mit eigens erstellten Bildern. „Wir haben sechs bis acht ,Maler‘ und außerdem fünf Personen, die alles koordinieren, sortieren und zusammenführen“, sagt die Vorsitzende. Das „Narreblättli“ wird von mehreren Gruppen in jeder Straße von Tür zu Tür verkauft und liegt anschließend beim Bäcker aus.
Steinach: Sage und schreibe seit 100 Jahren gibt es das Steinacher Narrenblättle. Die Narrenzunft feiert in diesem Jahr also ein ganz besonderes Jubiläum. Aus diesem Grund gibt es bei Getränke Klos auch eine Ausstellung im Schaufenster. Doch nicht nur das Alter des Narrenblättles ist außergewöhnlich, auch sein Name ist es: „Steinacher Heckegackser“ nennt es sich. Woher der Ausdruck kommt? „Das hat etwas mit ,durch die Hecke schwätzen‘ zu tun“, weiß Heinrich Diener von den Steinacher Narren. „Heckegackser“ hieß jedoch nicht die erste Ausgabe aus dem Jahr 1926. Damals erschien das Werk unter dem Titel „Steinacher Narrozeitung – erste und letzte Ausgabe“. Weitere Unterlagen oder Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind nicht vorhanden. Diese Ankündigung war offenbar nicht ganz ernst gemeint, denn 1952 erschien wieder ein Narrenblättle. Dieses trug den Titel „Steinacher Narreblättle – erscheint jährlich einmal“.
An diesem Vorsatz hielt man fest – mehr oder weniger: In den Jahren 1954, 1956 sowie von 1958 bis 1961 wurde das Narrenblatt als „Schnitzelbank“ präsentiert. Seit 1962 erscheint das Narrenblättle regelmäßig – mit einer Ausnahme: 1991, als wegen des Golfkriegs ein Fasentsverbot galt. Die Ereignisse der Jahre 1990 und 1991 wurden deshalb in einem gemeinsamen Narrenblättle aufgearbeitet. Heute sorgen fünf bis zehn Personen dafür, dass jeder Steinacher von den Missgeschicken seiner Mitbürger erfährt. Die Verspotteten nehmen den Hohn meist gelassen, denn es gilt als Ehre, im Narrenblättle vorzukommen. Verteilt wird es am heutigen Samstag. Die Auflage beträgt 350 Exemplare, der Preis liegt bei drei Euro.
Wolfach: Luisa Lehmann und Ann-Kathrin Hirt sind die Hauptverantwortlichen für das Wolfacher Narrenblättle, das es seit 1971 gibt. Der Inhalt wird ihnen häufig zugetragen. „Die Leute schicken uns das zu oder berichten uns davon, wir schreiben es dann auf“, fasst Lehmann zusammen. In diesem Jahr werden 750 Ausgaben zum Preis von vier Euro an die Wolfacher gebracht, meist am Wochenende der Jungnarrenversammlung. Auch bei der eigentlichen Narrenversammlung ist das Blättle erhältlich.
Halbmeil: Nicht nur Wolfach hat ein Narrenblättle, auch der Teilort Halbmeil. „Und wir machen es dieses Jahr zum 46. Mal“, berichtet Narrenvater Mike Heizmann. Aktuell sind 15 Personen im Narrenblättle-Team aktiv. Diese hatten bislang sogar eine eigene Schwarz-Weiß-Druckmaschine im Einsatz. Da sich diese jedoch aufgrund ihres Alters als zunehmend unzuverlässig erwies, griffen die Halbmeiler in diesem Jahr erstmals auf einen digitalen Druck zurück. „Das hat super geklappt, auch wenn die schwarz-weißen Ausgaben natürlich einen gewissen Charme hatten“, findet Heizmann. Das erstmals bunte Werk wird am heutigen Samstag in Halbmeil verteilt. In mehreren Teams ziehen die Narren durch den Ort und verkaufen es zum Preis von vier Euro. Die Auflage beträgt 400 Exemplare.
Fischerbach: Genau hinschauen müssen die Fischerbacher, wenn sie heute ein Blättle in die Hand gedrückt bekommen. Denn was auf den ersten Blick wie ein Bürgerblatt aussieht, ist tatsächlich das Fischerbacher Narrenblatt, dessen Deckblatt stark an das Layout des offiziellen Nachrichtenblatts erinnert. Das Fischerbacher Narrenblättle gibt es seit etwa 35 Jahren, erklärt Jenny Braig von den Waldsteinhexen. „Früher wurde es von Kindern verteilt, seit zwölf Jahren machen das aber Erwachsene“, weiß sie. Als Redakteure nennt sie lachend „das ganze Dorf“. Jeder trägt etwas bei, außerdem kümmern sich ein bis zwei Personen um die Grafiken, ein bis zwei um den Satz und eine weitere Person sammelt die Geschichten. Am heutigen Samstag werden insgesamt elf Teams in Fischerbach von Haus zu Haus ziehen und das Narrenblättle verteilen. Die Auflage liegt bei 500 Exemplaren, der Preis bei 2,51 Euro. Was übrig bleibt, wird im ,Lädele‘ ausgelegt. Da dieses demnächst auf Selbstbedienung umstellt, werden im kommenden Jahr voraussichtlich Ausgaben im Rathaus erhältlich sein.
Mitarbeiter gesucht
Das Erstellen der Narrenblättle macht viel Arbeit. Aus diesem Grund sucht das Haslacher Redaktionsteam Verstärkung. Interessierte können sich bei Jürgen Burger unter Telefon 07832/46 60 melden. Wer sich vorstellen kann, den Hausacher „Wunderfitz“ weiterzuführen, soll über die Internetseite der Narrenzunft www.narrenzunft-hausach.de Kontakt aufnehmen.