Als der Nationalpark Schwarzwald vor zehn Jahren gegründet wurde, war Willi Seid noch ein Gegner. Heute hält er das Naturschutzprojekt für ein Juwel in der Region.
Wenn er von den Höhen des Nationalparks auf Obertal blickt, geht Willi Seid das Herz auf. „Auf die Heimat schauen zu können, das ist immer eine Wohltat“, sagt der 70-Jährige. Die Heimat lag Willi Seid schon immer am Herzen. Auch damals, vor der Gründung des Nationalparks Schwarzwald, als er noch zu den überzeugten Gegnern des Naturschutzprojekts gehörte – wie viele Menschen in der Region zu dieser Zeit.
An den teils heftigen Demonstrationen gegen den Park hat er allerdings nicht teilgenommen: „Ich habe damals gedacht, dass einige Teilnehmer den Protest nur instrumentalisieren, um ihren Unmut loszuwerden, da ging es vielleicht auch um ganz andere Unzufriedenheiten“, erinnert er sich.
Willi Seid ging es um den Wald, den er als Bezirks- und Hauptwegewart des Schwarzwaldvereins und ehemaliger Waldarbeiter wie seine Westentasche kennt. „Ich habe 35 Jahre in diesem Wald gearbeitet, mit den Kollegen immer die Bestände gepflegt und gegen den Borkenkäfer gekämpft“, erzählt er. „Der Wald muss sauber sein“, habe es früher immer geheißen, schließlich hätten schon die Vorfahren dafür gesorgt, dass Holz geerntet werden kann. „Der Landeswald war ‚unser Wald‘, um den man sich gekümmert hat, das war nicht nur ein Job“, erinnert sich Seid.
Keine Wege verloren
Die Natur in einem 10 000 Hektar großen Nationalpark einfach sich selbst zu überlassen und in den Beständen nicht mehr für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, war für ihn daher unvorstellbar. Wie viele Gegner damals befürchtete auch er Borkenkäferplagen, Einbußen für Sägeindustrie und Waldbesitzer und nicht zuletzt Einschränkungen für Wanderer, was gerade auch beim Schwarzwaldverein für Skepsis sorgte.
Heute, zehn Jahre nach Gründung des Nationalparks Schwarzwald, hat sich seine Einstellung zu diesem Projekt völlig geändert: „Man muss der Natur auch mal was zurückgeben, irgendwo braucht sie Stellen, wo sie sich entwickeln kann, wie sie will.“
Seid ist vom Gegner zum Befürworter des Parks geworden. Die schlimmen Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet und auch beim Wegekonzept, das der Schwarzwaldverein mit der Nationalparkverwaltung entwickelt und umgesetzt hat, sind die Einschränkungen ausgeblieben. „Wir haben mit dem neuen Konzept im Nationalpark keine Wege verloren, das sind eher mehr geworden“, sagt Seid. Aktuell würden sechs neue Verbindungsstücke zwischen bestehenden Wanderwegen erstellt.
Der Gegner von einst sieht heute eher den Gewinn durch das Naturschutzprojekt: „Der Nationalpark ist ein Juwel in dieser Gegend“, meint er. Die Natur im Park zeige, dass Tod auch immer neues Leben bedeutet. Man könne beobachten, wie Flächen erst absterben, sich dann aber weiterentwickeln und zu einem Geschenk für Tier- und Pflanzenwelt werden.
Wichtiger Erholungsraum
Auch für die Besucher sei der Park als Erholungsraum wichtig: „Die Natur strahlt Ruhe aus, das tut bei der heutigen Hektik und dem ganzen Stress gut, das bringt die Menschen runter und entschleunigt“, ist Seid überzeugt. Gäste, mit denen er den neuen Spechtpfad oder den Lotharpfad besuche, seien immer begeistert, wie fantastisch sich die Natur dort entwickle.
Früher habe im Forst die Frage, wie viel Geld der Wald am Jahresende bringt, immer an erster Stelle gestanden. Der Nationalpark koste Geld, habe aber auch gezeigt, dass der Wald noch wichtigere Funktionen habe. Er sei Luftfilter, Sauerstoffspender, Wasserspeicher und Erholungsgebiet. „Wir Menschen denken immer, die Natur braucht uns. Das ist aber nicht so. Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur!“, meint Seid.