Der Bisinger Arzt und Borreliose-Experte Harald Banzhaf erklärt: Deshalb ist es fatal, wenn eine akute Borreliose übersehen wird.
Bisingen - Zecken gibt es im Zollernalbkreis reichlich. Sie können zahlreiche Krankheiten übertragen, darunter Borreliose. Erst vor Kurzem gab es in Bisingen den Aufsehen erregenden Fall einer 31-Jährigen, die wegen ihrer Borreliose-Erkrankung öffentlich Spenden sammelte.
Wir haben mit dem Bisinger Arzt Harald Banzhaf gesprochen, wie häufig die Krankheit vorkommt – und was sie so heimtückisch macht.
Herr Banzhaf, wie häufig haben Sie mit Fällen von Lyme-Borreliose zu tun?
Ich bin Umweltmediziner. Zu mir kommen häufig Patienten, die lange krank sind, bei denen die Ursache aber nicht gefunden wurde. Borreliose wird nicht so selten übersehen. Die Diagnostik ist nicht einfach.
Welchen Krankheitsverlauf verursacht Borreliose?
Es können Erkrankungen im neurologischen, psychiatrischen oder rheumatischen Bereich folgen, auch Autoimmunerkrankungen und mehr. Die ganze Palette. Wir sehen nicht selten chronische Verlaufsformen, die eben keinen eindeutigen Nachweis auf Basis der Antikörper-Untersuchungen zeigen. Borreliose ist ein Chamäleon. Sie kann alles oder auch nichts verursachen.
Wie diagnostizieren Sie Borreliose?
Nach den Regeln der klinischen Schulmedizin wird geprüft, ob eine Wanderröte zu sehen ist. Sie kommt nach einem Zeckenstich vor, wenn die Zecke Borrelien überträgt – aber eben nicht immer. Nach meiner Erfahrung bilden zirka 30 Prozent der Patienten, die später an Borreliose erkranken, keine Wanderröte im klassischen Sinne aus. Das sind aber meine persönlichen Erfahrungswerte.
Kann dann auf die Erreger getestet werden?
Ja. Häufig erfolgt ein Bluttest auf Antikörper. Nicht wenige haben meiner Erfahrung nach aber keine Antikörper, diese Menschen fallen durch das Raster der Labordiagnostik. Ein Arzt erklärt dann möglicherweise, dass keine Borreliose vorliegt.
Ist das die einzige Möglichkeit, um zu testen?
Es gibt weitere immunologische Tests, etwa den sogenannten Lymphozyten-Transformations-Test, auch als LTT bezeichnet. Beim LTT werden nicht Antikörper getestet, sondern T–Lymphozyten, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, sie reagieren auf Erreger der Borreliose. Er ist in der schulmedizinischen Lehrmeinung aber umstritten als Borreliose-Test, ich möchte allerdings nicht auf ihn verzichten. Aus meiner Sicht ist er nicht beweisend, gibt aber einen deutlichen Hinweis. Es ist fatal, wenn eine akute Borreliose übersehen wird, ein echtes Problem.
Was kann man nach einem Zeckenstich tun?
Wer einen Zeckenstich hat, sollte den Stich beobachten. Gibt es eine Wanderröte oder Symptome wie Abgeschlagenheit, einen grippalen Infekt, plötzlich auftretende Kopfschmerzen, Gelenk- oder Weichteilschmerzen, eine Schlafstörung, eine plötzliche depressive Verstimmung?
Ich würde lieber früher als später zum Arzt gehen. Wenn die Zecke entfernt wurde, würde ich sie konservieren. Der Arzt kann sie beim Labor einreichen und auf Borrelien testen lassen. Es gibt unterschiedliche Schätzungen, nach denen 5 bis 40 Prozent der Zecken hier mit Borrelien-Erregern durchseucht sind.
Das ist eine hohe Zahl. Aber nach jedem Zeckenstich zum Arzt zu gehen, das ist kaum möglich, wenn es häufig passiert, oder?
Hinterher ist man schlauer, ich wäre lieber einmal übervorsichtig. Aber tatsächlich: Es gibt auch Kinder oder Erwachsene, die ständig Zecken haben, sie können kaum jeden dritten Tag zum Arzt. In diesen Fall könnten sie die Zecke aufbewahren – und erst testen lassen, wenn Symptome auftreten.
Wenn jemand unspezifische Symptome hat, diese aber mit einem Zeckenstich in Verbindung bringt, was würden Sie raten?
Ich würde mich nicht zu schnell abwimmeln lassen. Viele Patienten, die einen solchen Verdacht hatten, bei denen die Antikörper aber unauffällig sind, erhalten die Aussage: Das ist keine Borreliose. Ich rate zur Zweitmeinung eines Arztes, der sich näher mit dem Thema befasst hat.
Zecken können eine Vielzahl an Krankheiten übertragen, auch FSME.
Ja. FSME ist nicht spezifisch behandelbar, da es eine Virus-Erkrankung ist. Aber gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis gibt es die Schutzimpfung, das ist eine ganz andere Sache.
Wie viele Fälle von FSME und Borreliose begegnen Ihnen?
In meinen etwa 27 Jahren in Bisingen habe ich, soweit ich mich erinnere, ein bis zwei FSME-Fälle gesehen, dagegen aber eine Vielzahl an Borreliose Erkrankter.
Dies aber möglicherweise auch, weil Sie sich mit Borreliose gut auskennen, unter anderem Mitglied in der Deutschen Borreliose-Gesellschaft sind?
Ja, auch weil wir eine umweltmedizinische Praxis sind, das ist natürlich nicht unbedingt repräsentativ. Dennoch: Die Fälle sind nicht so selten.
Weitere Informationen
Keine Meldepflicht Lyme-Borreliose (Erreger Borrelia burgdorferi sensu lato) ist nicht meldepflichtig ist, "Im Südwesten existieren hierzu keine systematisch erhobenen Zahlen", berichtet Marisa Hahn, Sprecherin des Landratsamts, unserer Redaktion.
Mehr Fälle bei der AOKIm Vergleich zu ganz Baden-Württemberg sind die Zahlen im Zollernalbkreis überdurchschnittlich gestiegen, heißt es aus dem AOK KundenCenter. 2016 wurden demnach 343 Borreliose-Infektionen registriert, 2020 waren es 417 Fälle. ErkrankungsrisikoDas Vorkommen von Borrelien in Zecken schwankt laut Robert-Koch-Institut (RKI) kleinräumig sehr stark. Es kann demnach bis zu 30 Prozent betragen. Nach Antikörperuntersuchungen aus Deutschland und der Schweiz wurde nach einem Zeckenstich bei 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt laut RKI. Bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche sei mit Krankheitssymptomen zu rechnen. Borrelien befinden sich dem RKI zufolge im Darm der Zecke. "Das Infektionsrisiko steigt nach einer Saugzeit von mehr als 12 Stunden", heißt es.
BekämpfungUnstrittig ist laut RKI, "dass es sich bei der Borreliose um eine weit verbreitete Erkrankung handelt, die ernst zu nehmen ist". Meist seien die Verläufe jedoch vergleichsweise mild. Über Diagnosemöglichkeiten wird in der Medizin heftig gestritten. Während der Lymphozytentransformationstest (LTT) teilweise zumindest als richtungsweisend angesehen wird, betont das Nationale Referenzzentrum für Borrelien in Bayern dagegen; "In relevanten europäischen und amerikanischen Leitlinien wird der Lymphozytentransformationstest (LTT) explizit nicht empfohlen, da es an systematischen, unabhängigen, reproduzierbaren Validierungsstudien mangelt." Problematisch sei, dass zu viele falsch positive Ergebnisse erhalten werden. Auch das Robert-Koch-Institut drängt: Wichtig für die Bekämpfung der Lyme-Borreliose sei die Standardisierung der Labordiagnostik und die Entwicklung therapeutischer Leitlinien.