Zecken haben Hochsaison – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis leiden an den Folgen immer mehr Betroffene.
Gustav S. fühlte sich schwach. Stundenlange Spaziergänge waren für den Rentner früher gar kein Problem. Doch mit einem Mal wurde selbst der kurze Anstieg von der Einkaufsstraße zum höher gelegenen Parkplatz in Donaueschingen zum mühevollen Unterfangen.
Und die Enkelkinder mal kurz als Engel am ausgestreckten Arm in den Himmel zu schwingen, das ist für den 75-Jährigen gerade gar nicht mehr möglich. „Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist“, erzählte Gustav im Gespräch mit unserer Redaktion. Ratlosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dass die Ursache großer Schmerzen ein kleiner Parasit sein könnte, dem Gustav offenbar vor Langem einmal begegnet war, auf die Idee wäre der Rentner nie gekommen.
Ein Spitzenjahr für Zecken
Erst Monate später wurde die Sache klar: Borreliose.
Dass Gustav kein Einzelfall ist, das geht auch aus einem aktuellen Bericht der AOK im Schwarzwald-Baar-Kreis hervor. „Die Gefahr von Infektionskrankheiten wie Lyme-Borreliose nimmt zu“, informiert die Krankenkasse in einer Mitteilung über die aktuelle Hochsaison der Zecken. Im Schwarzwald-Baar-Kreis steige die Zahl der Betroffenen.
Durch die klimatische Erwärmung seien Zecken mittlerweile mitunter auch in den Wintermonaten anzutreffen. Jetzt, im Frühjahr, seien sie aber besonders aktiv. Bei einem Aufenthalt im Freien sei daher Vorsicht geboten: „Die wechselwarmen Spinnentiere können ein ernstes Gesundheitsrisiko darstellen und Lyme-Borreliose und FSME übertragen.“
Aktuelle Zahlen
Laut einer aktuellen Auswertung der Gesundheitskasse befanden sich im Jahr 2022 im Schwarzwald-Baar-Kreis 214 AOK-Versicherte wegen einer Lyme-Borreliose in ärztlicher Behandlung.
Viel eindrücklicher ist die Tatsache, wie sehr diese Zahlen steigen: Der Anteil der Betroffenen ist von 2018 bis 2022 im Mittel um knapp 22 Prozent jährlich gestiegen – eine Besonderheit, denn landesweit, so ein Sprecher der AOK, sei er eigentlich rückläufig gewesen.
So spüren das Betroffene
Lyme-Borreliose wird von Bakterien ausgelöst. Unbehandelt kann sie Organsysteme betreffen, insbesondere die Haut, das Nervensystem und die Gelenke. „Meist tritt an der Einstichstelle eine juckende Rötung der Haut auf. Dabei handelt es sich um eine normale Reaktion auf den Zeckenstich, nicht um das Anzeichen einer Borreliose.
Die sogenannte Wanderröte sei hingegen auf eine Borreliose-Infektion zurückzuführen. Sie tritt einige Tage, manchmal auch erst einige Wochen, nach einem Zeckenstich auf“, erläutert Ralph Bier, Mediziner bei der AOK Baden-Württemberg. Das erklärt auch, warum viele Infektionen erst einmal unbemerkt bleiben oder nicht mit dem Zeckenbiss als solchem in Verbindung gebracht werden.
Merkmal: die Wanderröte
Diese deutliche ringförmige Hautrötung ist oft im Zentrum blasser als am Rand. Der rote Ring wandert dann allmählich nach außen. In einigen Fällen erscheint nur eine unspezifische Hautrötung, die wandert. So wie bei Gustav: Ja, er habe eine Rötung bemerkt, erinnert er sich, aber weder einen Zeckenbiss festgestellt, noch eine ringförmige Zeichnung der Rötung – und auch ob die Rötung „gewandert“ ist, vermag er nicht mehr zu sagen.
Die Gesundheitsexperten empfehlen: Tritt eine wandernde, auch nicht kreisförmige Rötung auf, sollte der Hausarzt zur Abklärung aufgesucht werden. Und besonders tückisch: „Die Wanderröte zeigt sich jedoch nicht bei allen Infizierten. Deshalb ist es wichtig, sich auch dann an einen Arzt zu wenden, wenn innerhalb von etwa sechs Wochen nach dem Zeckenstich grippeähnliche Beschwerden wie zum Beispiel Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen sowie Müdigkeit auftreten“, so Bier weiter.
Die Behandlung
Borreliose wird in der Regel mit Antibiotika behandelt und heilt meist komplett aus.
Ohne Antibiotikabehandlung ist das Risiko für einen schweren Verlauf erhöht. Dann kann es in der Folge zu einer Neuroborreliose mit Lähmungserscheinungen, Nervenentzündungen oder einer Gehirnhautentzündung kommen. Selten entwickelt sich nach einer unbehandelten Borreliose auch eine Lyme-Arthritis mit Entzündungen und Schwellungen der Gelenke. Beide Erkrankungen können mit Antibiotika behandelt werden und bleiben meist ohne Spätfolgen.
Auch Gustav S. hatte Glück: „Ich hätte nie gedacht, dass das mal wieder so normal wird“, erzählt er, heute schmerzfrei, erleichtert.
Kommt es zu einer Infektion mit dem FSME-Virus, können rund ein bis zwei Wochen nach dem Zeckenstich grippeähnliche Beschwerden wie Fieber oder Kopfschmerzen auftreten. Bei einer Mehrzahl der Betroffenen heilt die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, ohne Folgen aus.
Es gibt schwere Fälle
Ist das zentrale Nervensystem oder das Rückenmark betroffen, kann dies zu bleibenden Schäden führen. Eine antivirale Therapie steht bei einer Infektion mit FSME nicht zur Verfügung. Es können lediglich die Symptome behandelt werden. Anders als gegen Borreliose-Bakterien gibt es gegen die FSME-Viren jedoch eine Impfung. Sie wird vor allem Menschen in Risikogebieten empfohlen, die sich viel im Freien aufhalten.
Der Schwarzwald-Baar-Kreis zählt zu den FSME-Risikogebieten.
Um Zeckenstiche möglichst zu vermeiden, gelten folgende Tipps
Die richtige Kleidung:
Bei Aufenthalten auf Wiesen, im Wald sowie in Grünanlagen helfen geschlossene Schuhe, lange Hosen und Kleidung mit langen Ärmeln. Zusätzlich ist es sinnvoll, die Hosenbeine in die Socken zu stecken. Wer helle Klamotten trägt, findet Zecken anschließend leichter.
Vorsichtsmaßnahmen
Nach einem Aufenthalt im Freien sollte der Körper sorgfältig nach Zecken abgesucht werden. Das gilt besonders auch für Kinder, die im Freien gespielt haben.
Diese Stellen lieben Zecken
Zecken bevorzugen Stichstellen wie zum Beispiel Haaransatz, Ohren, Hals, Achseln, Ellenbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich oder Kniekehlen, aber auch auf der Haut unter dem Hosenbund sind sie häufiger zu finden.
Im Falle des Falles
Hat eine Zecke gestochen, sollte sie so schnell wie möglich mit einer Zeckenpinzette oder Zeckenkarte entfernt und die Wunde sorgfältig desinfiziert werden. Die Zecke dabei nicht drehen und auf keinen Fall mit Öl oder Klebstoff beträufeln, da das dazu führen kann, dass sie mögliche Krankheitserreger abgibt.