Die in Schramberg aufgewachsene „Kryptoqueen“ Ruja Ignatova bei einem Auftritt vor der OneCoin-Community am 11. Juni 2016 in London. Foto: /“Die Hochstaplerin - Der große Krypto-Betrug“ vom 18.12.2024

Es ist einer der größten Betrugsskandale der Geschichte – und derzeit ein überaus beliebtes Thema für Fernsehdokumentationen. Für den Beitrag „Die Hochstaplerin - Der große Krypto-Betrug“ hat sich nun auch das ZDF auf Spurensuche im Fall OneCoin um die in Schramberg aufgewachsenen Ruja Ignatova begeben.

Tausende Besucher warten auf den Auftritt ihrer Heldin. Ein Mann mit schwarz-rotem Sakko und roter Fliege steht auf der Bühne und kündigt den „großartigsten Auftritt der Geschichte“ an. Dann knallt es. Feuerwerk schießt in die Luft, gefolgt von Stichflammen. Eine Frau betritt in einem roten Glitzer-Kleid die Bühne, nickt dem jubelnden Publikum freundlich lächelnd zu.

 

Es ist der gewohnt pompöse Auftritt von Ruja Ignatova, dem Gesicht der Kryptofirma OneCoin. Der Mann, der sie so euphorisch angekündigt hatte, ist Mitgründer Sebastian Greenwood, ein Experte des Netzwerkmarketings. Mit besagten Szenen, aufgezeichnet am 11. Juni 2016 im Londoner Wembley-Stadion, beginnt die Doku „Die Hochstaplerin – Der große Krypto-Betrug“.

Der 43-minütige Film bietet einen Einblick, wie OneCoin so groß wurde – und wie der Betrug aufgeflogen ist. „Es war der erste Betrug, der Kryptowährungen und Netzwerkmarketing kombinierte“, erklärt Erica Stanford, Expertin für Kryptowährungen. Wer mit dem Begriff Netzwerkmarketing bisher nichts anfangen kann, der bekommt durch die Aufnahmen der OneCoin-Events eine Idee davon, was damit gemeint ist. „Wir sind mehr als OneCoin. Wir sind ein Leben, ein Netzwerk. Diese Gemeinschaft macht uns stark“, versichert Ignatova. Was dann folgt, sind die üblichen Szenen: Die jubelnden Zuschauer hält es kaum noch auf den Stühlen, sie schießen Fotos von ihrer Heldin, formen ihre Hand zu einem O – dem OneCoin-Symbol.

Für manche zu perfekt

Das Versprechen: „Du wirst reich, und wenn deine Freunde auch investieren, wirst du noch viel reicher“ – so beschreibt es Krypto-Expertin Stanford.

Eine scheinbar perfekte Welt – für manche zu perfekt, um daran zu glauben. Björn Bjercke, Experte der für Kryptowährungen essenziellen Blockchain-Technologie, wurde 2016 ein Job bei einer Kryptowährungsfirma angeboten. „Ich war elektrisiert. Ein gutes Gehalt, Autos, Wohnungen in London und Bulgarien“, erzählt Bjercke. Doch als er erfuhr, dass es sich um OneCoin handelt, sei ihm das Herz in die Hose gerutscht. Denn Bjercke sollte für die Firma eine Blockchain programmieren – aber als er gerade erst sein Bewerbungsgespräch hatte, verkündete Ignatova bereits den Start einer neuen Blockchain. „Da stimmte etwas nicht“, sagt Bjercke.

Die Wahrheit ist hart

Währenddessen flossen weiter Unsummen an Geld in OneCoin. Einer der Investoren, Jonatan Wigerup, war auf einer Infoveranstaltung mit der Kursentwicklung von Bitcoin gelockt worden – „stellt Euch vor, OneCoin schafft die Hälfte“, hieß es. Er kaufte ein Paket für 5000 Euro, dann eines für 10 000 Euro, dann weitere kleine. Schließlich besaß er 194 000 OneCoins – die 8,245 Millionen Euro wert sein sollten. „Sieht toll aus auf dem Bildschirm. Die große Freiheit. Die Wahrheit ist manchmal hart“, sagt Wigerup, der den Betrug mittlerweile erkannt hat.

Lügen über Lügen

Einen ersten Beweis für den Betrug lieferte schließlich Blockchain-Experte Bjercke. In einem Video zeigte er, dass die Transaktionen, die er vornahm, nicht in der angeblichen Blockchain gespeichert wurden. Die Firma OneCoin machte daraufhin das, was sie immer machte, wenn Kritik aufkam: Den Investoren wurde eine Lüge aufgetischt, und die Kritiker wurden als „Hater“ diffamiert, teils sogar bedroht.

Doch die Firma stand vor einem weiteren Problem: Das digitale Geld konnte praktisch nicht verwendet werden. Also brachte OneCoin die Handelsplattform Deal Shaker an den Start, um die Investoren zu befrieden. Dort konnten mit den Coins Produkte gekauft und verkauft werden – allerdings nur gegen eine Gebühr von 25 Prozent, zahlbar in Euro.

Der Plan ging scheinbar auf: 2017 explodierte der Umsatz von OneCoin, heißt es. Dann verschwindet Ignatova, landet auf der Most-Wanted-Liste des FBI. Ihr Bruder Konstantin Ignatov übernimmt bei OneCoin. Mitgründer Greenwood wird 2018 verhaftet, später in den USA schuldig gesprochen.

Die Geschichte geht weiter

Die Geschichte von OneCoin geht dennoch weiter – unter dem Namen OneEcosystem. Der neue Manager Tommi Vuorinen behauptet: „Wir sind heute besser denn je. Wir betreiben ein absolut legales Geschäft.“ Dem ZDF gibt er bereitwillig ein Interview: „Niemand hat irgendeinen Verlust gemacht. Alle haben ihre Coins. (...) Also, wo ist das Problem?“, fragt Vuorinen.

OneEcosystem bietet den Investoren an, ihre Coins in die neue Währung One zu übertragen – natürlich gegen Gebühr. „Machst Du es?“, wird OneCoin-Besitzer Wigerup am Ende der Doku gefragt. Er zögert. „Für mich ging es eigentlich nie um eine Summe. Ich wollte Teil einer Erfolgsstory sein.“ Er trifft sich mit Experte Bjercke, der ihm rät: „Verbrenn deine Coins. (...) Dir geht es besser, wenn Du das hinter dir lässt.“ Der Schritt fällt Wigerup schwer. Aber er weiß: „Es gibt hier keine Gewinner. Es ist eine Tragödie. Alle haben verloren.“ Wie viele verloren haben, verrät der Abspann: „Mehr als 3,8 Millionen Menschen in 175 Ländern wurden Opfer des OneCoin-Betrugs. Etwa 60 000 davon in Deutschland.“

Die Doku „Die Hochstaplerin – Der große Krypto-Betrug“ wird am Mittwoch, 18. Dezember, ab 21 Uhr auf ZDFinfo abgestrahlt und ist schon jetzt in der ZDF-Mediathek abrufbar.