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Ein Experte erklärt, warum auch zuckerfreie Light-Getränke schlecht für die Zähne sind und wann man am besten die Zähne putzt.

Stuttgart - Neben Karies bedrohen auch Erosionen unsere Zähne – ausgelöst durch verschiedene Getränke und Speisen. Adrian Lussi hat erforscht, was Schmelz und Dentin weich macht – und was es mit der Vorgabe auf sich hat, nach dem Essen eine halbe Stunde mit dem Zähneputzen zu warten.

 

Herr Lussi, was sind Erosionen?

Bei Karies verstoffwechseln Bakterien Zucker, und als Abbauprodukt entsteht Säure, die Karies verursacht. Erosion dagegen schädigt Zähne direkt, ohne Bakterien. In Deutschland gibt es dazu eine gute Untersuchung, die Deutsche Mund- und Gesundheitsuntersuchung. Bei 12-Jährigen hatten nur drei Prozent direkte Schäden durch Säure. Bei den 35-Jährigen waren es schon fast 30 Prozent und bei den Älteren noch mehr. Vielen Menschen ist nicht bewusst, welche Nahrungsmittel auf diese Weise direkt die Zähne schädigen.

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Nämlich welche?

Unter anderem Sportgetränke, Cola, Fanta, auch Energy-Drinks – sie sind sauer und greifen die Zähne direkt an. Insbesondere, wenn man über Stunden daran nippt, löst man den Zahnschmelz regelrecht auf.

Bedeutet das, auch Light-Getränke ohne Zucker sind schädlich für die Zähne?

Ja, weil sie so sauer sind. In meiner Arbeitsgruppe haben wir menschliche Zähne genommen und sie zunächst in Speichel eingelegt, damit sie die typische Schutzschicht aus Speichelproteinen bekommen. Danach haben wir geschaut, inwiefern Speisen und Getränke diese Zähne erweichen. Ganz vorne lagen die sauren Getränke. Zwar ist zum Beispiel Joghurt auch sauer – macht den Zähnen aber überhaupt nichts. Weil es sehr viel Kalzium enthält. Orangensaft ist ebenfalls sauer – aber wenn er mit Kalzium angereichert ist, schadet er den Zähnen ebenfalls nicht. Der Zahn hat keinen Grund, das wertvolle Kalzium abzugeben, wenn es in der Umgebung genügend davon gibt. Nicht alle Speisen, die sauer sind, schädigen die Zähne.

Zum Beispiel?

Bier ist zwar sauer, hat einen pH-Wert von vier – aber es erodiert die Zähne nicht. Das Gleiche gilt für Honig. Das liegt wahrscheinlich an dem jeweils enthaltenen Kalzium sowie Proteinen. Die Vorstellung ist, dass die Proteine die Zähne „ummanteln“ und die Stellen besetzen, an denen sie durch Säure angreifbar sind.

Schädigt man seine Zähne auch, wenn man etwas Saures, etwa Obst, isst und danach die Zähne putzt?

Wenn Sie einen Apfel kauen, dann kommt der Speichel und neutralisiert und remineralisiert die Zähne. Es heißt zwar immer, nachdem man etwas Saures gegessen hat, solle man eine halbe Stunde warten, bevor man Zähne putzt. Das stimmt aber nicht. Man müsste Wochen bis Monate warten, bis die Zähne wieder so hart wären, dass sie dem Zähneputzen widerstehen könnten. Wenn ich an ein Frühstück denke – zum Beispiel Orangensaft und ein Brot mit Marmelade. Damit nehme ich Säure und Zucker auf. Aber Karies ist das Hauptproblem. Und deshalb sollte man nach dem Essen die Zähne putzen.

Also nicht die halbe Stunde warten?

Man hat quasi die zwei Krankheiten bei den Zähnen: Karies und Erosion. Es dauert Wochen bis Monate, bis durch Erosion verursachte Schäden des Zahnschmelzes wieder repariert sind. So lange kann ich nicht warten mit dem Zähneputzen, denn in der Zwischenzeit bekomme ich Karies.

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Dann ist die halbe Stunde Pause vielleicht ein guter Kompromiss?

Nein, man radiert genauso viel weg, wie wenn man nicht warten würde. Äpfel und Orangen sind gesund. Ein gewisser Alterungsprozess ist doch ganz normal: Die Hände sehen mit 50 auch nicht mehr aus wie mit 20 – und genauso ist es mit den Zähnen. Wir haben bei über 3000 Europäern nach Zahnerosionen geschaut und gefragt, wann diese Menschen in ihrem Tagesablauf ihre Zähne putzen. Wenn die Halbe-Stunden-Regel sinnvoll wäre, dann müssten ja die Leute, die eine halbe Stunde warten vor dem Zähneputzen, weniger Erosionen haben. Hatten sie aber nicht, sondern genau gleich viel. Sie können auch vor dem Frühstück putzen – macht keinen Unterschied für Karies und Erosion.

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Aber dann haben die Bakterien doch freie Bahn?

Karies entsteht nicht sofort – wenn ich den Biofilm richtig entferne, sind die Bakterien, die Zucker in Säure verwandeln, weg. Das geht auch vor dem Essen. In unseren Breiten putzen fast alle Menschen nach einer Mahlzeit, in vergleichbaren Ländern aber nicht. Und die haben auch nicht weniger Karies.

Hilft der Kaugummi nach dem Essen gegen Zahnerosion?

Zuckerfreier Kaugummi ist immer gut. Es entwickelt sich durchs Kauen mehr Speichel, und dieser neutralisiert die Säure. Studien haben sogar gezeigt, dass Kaugummi gegen Schäden hilft, die an den Zähnen durch saures Aufstoßen nach dem Essen entstehen. Es wird dann so viel Speichel gebildet, dass die Säure nicht mehr hochkommen kann. Aber noch einmal – auch durch den Kaugummi werden keine Erosionsschäden repariert. Das würde Monate dauern.

Der Zahnerosions-Forscher

Studium
 Adrian Lussi ist einer der führenden Karies- und Zahnerosions-Forscher im deutschsprachigen Raum. Er studierte zuerst Chemie an der ETH Zürich, bevor er parallel mit dem Zahnmedizinstudium begann. Nach dem Staatsexamen arbeitete er an der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin der Universität Bern, wo er Oberarzt, Professor und schließlich Direktor wurde.

Forschung
Vielfach ausgezeichnet wurde Adrian Lussi 2018 emeritiert, arbeitet aber weiter Teilzeit in Forschung und Lehre an den Universitäten Bern und Freiburg.