Thomas Göhlerstählt seine Muskeln an einem Gerät im Fitnessstudio Palestro: Inzwischen sind mehr Deutsche in Fitnessstudios registriert als in Fußballvereinen. Foto: Peter Petsch

Training unter Strom, Tanzen nach Buchstaben oder Wellness in der Sauna – Fitness-Center bieten längst mehr an als nur Geräte. Der steigende Konkurrenzdruck führt zu Spezialisierungen.

Stuttgart - An diesem Vormittag ist es ruhig im Fitnessstudio Puls Fit in Degerloch. Wenige Mitglieder schwitzen an den modernen Geräten, der Wellnessbereich mit Dampfbad, Biosauna, 90-Grad-Sauna und Eisgrotte ist leer. Doch der erste Eindruck täuscht, denn der Fitnesstempel kann über fehlende Mitglieder nicht klagen. „Wir eröffnen Ende September unsere vierte Stuttgarter Filiale am Killesberg“, sagt Studioleiter Frank Fleischer. Auch in dem Immobilienprojekt Caleido an der Paulinenbrücke wird Ende Oktober ein neues Fitnessstudio aus der Schweiz öffnen.

Schaut man sich in Stuttgart um, bekommt man fast den Eindruck, dass sich ein Fitnesscenter an das andere reiht. Und tatsächlich: Fand man im Jahr 2000 nur 27 Studios im Stuttgarter Branchenverzeichnis, sind es aktuell 68 gewerbliche Einträge. Ein Trend, der deutschlandweit zu beobachten ist: Vor zehn Jahren gab es laut einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte bundesweit 5700 Anlagen, nun sind es 7566. Mehr als 7,6 Millionen Deutsche schwitzen inzwischen mit Hanteln, Kardiogeräten und auf Laufbändern. Damit schlägt das Gerätetraining sogar den Fußball als beliebteste Sportart in Deutschland. Der Deutsche Fußballbund kommt auf 6,8 Millionen registrierte Mitglieder. Am erfolgreichsten sind Discountanbieter wie Mc Fit, die mit Durchschnittsbeiträgen von 20 Euro Kunden anlocken.

Immer mehr Stuttgarter streben nach dem perfekt trainierten Körper, melden sich in den Studios an – und bleiben dabei. „Inzwischen sind 80 Prozent unserer Mitglieder wirklich aktiv, während wir vor sieben Jahren noch ein Drittel Karteileichen hatten“, sagt Frank Fleischer von Puls Fit. Er hält die Kunden bei der Stange, indem er ihre Trainingspläne alle acht Wochen überarbeitet – um neue Ziele zu setzen und Langeweile zu vermeiden.

Klassische Aerobic-Kurse weniger beliebt

Das Puls Fit oder das Palestro im Stuttgarter Westen gehören zu den Premium-Anbietern der Branche. Sie sind darauf ausgerichtet, dass Kunden viel Zeit an den Geräten, in den Kursen oder im Wellnessbereich verbringen wollen. Das Palestro bietet zusätzlich einen Lounge-Bereich an, in dem man sich nach dem Training mit Speisen und Getränken stärken kann. „Manche Kunden kommen aber auch nur hierher, um sich in unserem Café aufzuhalten“, sagt Studioleiterin Nadine Schulz.

Viele kommen auch wegen der Kurse – bei denen anstrengendes Training mit Spaß und Musik verbunden wird. Ein Beispiel dafür ist ­Zumba oder auch der neueste Trend Bokwa, bei dem Buchstaben getanzt werden. „Die klassischen Aerobic-Kurse, wie man sie aus den 1980er Jahren kennt, sind inzwischen weniger beliebt“, sagt Frank Fleischer. Im Trend liegt momentan das sogenannte funktionelle Training, bei dem hauptsächlich mit dem eigenen Körpergewicht gearbeitet wird.

„Fitnessstudios müssen alle möglichen Trends verfolgen, um für die Kunden attraktiv zu bleiben“, sagt Christian Nicolaus, Sportlehrer und Physiotherapeut an der Sportklinik Stuttgart. Doch nicht jeder Fitnesstrend sei auch für jeden Kunde geeignet. „Eine individuelle Beratung ist vor dem Training wichtig und zeichnet ein gutes Fitnessstudio aus“, rät der Experte.

Gesundheitsorientiertes Training im Trend

Das Durchschnittsalter der Trainierenden beträgt in Deutschland rund 41 Jahre, doch bereits jetzt ist ein Drittel der Mitglieder über 50 Jahre alt. Daher liegt gesundheitsorientiertes Training im Trend. Generell müssen sich die Fitnessstudios aufgrund des Konkurrenzdrucks auch in Stuttgart immer mehr spezialisieren und an ihre Kunden anpassen. Während die einen ihren Mitgliedern ein Gesamtpaket für Fitness, Wellness und Genuss bieten, setzen die Ketten eher auf günstige Preise. Andere wiederum öffnen ihre Pforten ausschließlich für Frauen, die nach der Deloitte-Umfrage inzwischen die Hälfte der Fitnessstudio-Mitglieder ausmachen. Sogenannte Mikro-Studios sprechen dagegen eine Zielgruppe an, die nur wenig Zeit für den Sport hat.

So hat sich Lukas von Kirchbach in Gablenberg einzig auf die sogenannte Elektromuskelstimulation (EMS) spezialisiert. Er ist Inhaber einer der Bodystreet-Filialen, die es im deutschsprachigen Raum an 160 Standorten gibt. „Meine Zielgruppe sind meist berufstätige Menschen, die ihre Mittagspause für ein intensives Training nutzen wollen“, sagt von Kirchbach. Diese werden in Spezialkleidung an Elektroden angeschlossen und machen unter Anleitung eines Trainers Übungen, bei denen sich die Muskeln anspannen. Zusätzlich bekommt der Muskel elektrische Impulse von außen. Nach 20 Minuten ist das Training für die ganze Woche beendet. „EMS ersetzt stundenlanges Krafttraining“, sagt von Kirchbach. Die Kunden müssen knapp 20 Euro pro Sitzung in ihr zeitsparendes Training mit Einzelbetreuung investieren.

Tatsächlich findet die Elektromuskelstimulation im Reha-Bereich bereits seit Jahren Anwendung, wie Sportphysiotherapeut Christian Nicolaus bestätigt. Jedoch: „Elektromuskelstimulation sollte man begleitend zu Kraft- und Ausdauersport betreiben“, so Nicolaus. Wer gelenkschonend die allgemeine Fitness steigern will, kann dies mit den Elektroden erreichen. „Aber ein Six-Pack bekommt man nicht allein davon, dass man sich an Elektroden hängt“, sagt Nicolaus. Generell komme es bei der Wahl des richtigen Fitnessstudios immer darauf an, wie das Ziel des Kunden sei. Wer bereits erfahren ist, für den kann ein günstiges Discount-Studio ausreichend sein. Doch: „Wird man bei den Übungen nicht betreut, kann man gerade als Anfänger viel falsch machen und sich verletzen“, sagt der Experte.

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