„Kunst und Leben in Zeiten des Krieges“ heißt die neue Schau im Kunstverein. Queere Positionen stehen im Mittelpunkt der feinen, präzisen Ausstellung. Unbedingt empfehlenswert.
Kann man die mit dem russischen Angriffskrieg verbundenen und doch schon zuvor spürbaren kriegerischen Verwerfungen in Europa zu einem Ausstellungsthema machen, ohne voreilig die Fahne der Gerechten zu hissen?
Kriegszustand seit 2014
Es ist ein Wagnis, dass Iris Dressler und Hans D. Christ, Direktorenduo des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart, mit der neuen Ausstellung „Kunst und Leben in Zeiten des Krieges“ Arbeiten zeigen, „die den Situationen und Kontexten von Krieg, Vertreibung und militärischen Konflikten, wie sie in der Ukraine seit 2014 bestehen, mit feministischen, queeren und ökologischen Positionen und/oder mit der Schaffung von Kunsträumen begegnen“.
Können wir uns wirklich in der Bundesrepublik Deutschland, scheinbar ewig weit entfernt von den bitteren Realitäten in der Ukraine, mit „Anliegen“ beschäftigen, „die beharrlich dem Leben zugewandt sind und dennoch in Kriegszeiten als sekundär gelten“? Anton Shebetko gibt gleich am Eingang zum Vierecksaal des Kunstgebäudes eine doppelbödige Antwort. Drei Buchstaben leuchten in einer roten Neonschrift immer wieder auf. „Not“. Eingebettet in die hinterleuchteten Worte „It’s“ und „your problem“ markiert das so harmlose „not“ Widerspruch, Scham, Mitleid, Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit. Warum ist „es“ eigentlich „nicht“ unser Problem? Und warum umgekehrt doch?
Handelnde bleiben
Handelnde zu bleiben, nicht nur Getriebenen zu sein eint die in„Kunst und Leben in Zeiten des Krieges“ versammelten Künstlerinnen und Künstler. Und die Kooperation mit der aus Diskursen über die Zeichnung kommende Stuttgarter Gruppe Die Linienscharen und mit der auf das internationale Geflecht setzenden Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen forciert noch die Idee der Forschung als künstlerische Praxis.
So sehen wir nun auch eigenwillig überlichtete, gleichermaßen überfüllte wie entleerte Landschaftsfotos von Serhii Lymanskyi, Direktor des Naturschutzgebiets Kreidova Flora im Osten der Ukraine, und die Künstlerin Darya Tsymbalyuk gibt den Pflanzen des seit 2018 wiederholt zur Frontlinie gewordenen Naturschutzgebietes mehr als eine Seele. Sie macht sie zu Leidenden.
Gemeinsam von der Steppe träumen
„I Dream of Seeing the Steppe Again (Ich träume davon, die Steppe wieder zu sehen)“ heißt eine Buch gewordene Zeichnungsfolge Tsymbalyuks. Es sind Antworten auf die Fotos Lymanskyis, und gerade ihre Realität als vorsichtige Annäherung an die Vielfalt der Pflanzenarten macht sie eindringlich. Die Kunst des Horchengehens wie des Schauens, so die Botschaft, darf selbst im Krieg nicht verloren gehen. Ziel sei, sagt Darya Tsymbalyuk, „gemeinsam von der ukrainischen Steppe zu träumen, die unter Beschuss und Landminen leidet und in der viele Arten leben, die durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine bedroht sind“.
Poesie und Konzept
Immer wieder vermengen sich in den künstlerischen Äußerungen Poesie und Konzept – punktgenau auch bei Anton Shebetko. Das queere Leben ist sein Thema – schwer genug in der Ukraine an sich, aber mehr noch im Zeichen einer kriegsbestimmten Gesellschaft. „To Know Us Better“ heißt eine (Foto-)Porträtserie über 53 Menschen, die seit 2014 aus der Ukraine geflohen sind. Es sind Szenen der Hoffnung – begründet aus Shebetkos Überzeugung, die Fortschritte für queeres Leben in der Ukraine könnten sich beschleunigen. Und wenn er sagt: „Die Ukraine der Zukunft ist ein Land, in dem Menschenrechte, Inklusion, Respekt und der Glaube an demokratische Werte keine leeren Worte sind“, spricht daraus auch das Selbstbewusstsein, Teil dieser Entwicklung sein zu können.
Zu den Widersprüchen des Krieges gehört das Bekennen einer wachsenden Zahl aktiver Soldatinnen und Soldaten zu queerem Leben. „We Were here“ heißt ein Shebetko-Projekt, das LGBTQI+-Militärangehörige in doppeltem Sinn uniformiert zeigt. Auf dem Sprung, alle Verkleidung abzulegen.
Fehlstelle Normalität
Die Kinder, daran erinnert Bogdan Tomashevsky, haben all diese Chancen der Verwandlung nicht. Ihr Körper wird zur Notizfläche für Adressen und Telefonnummern. Die Gegenwelt scheinbarer Normalität: 44 gereihte, einzeln hinterleuchtete Kinder- und Jugend-T-Shirts. „Untitled Names“ identifiziert die Normalität ebenso klug als Fehlstelle wie Tomashevskys Installation und Raumzeichnung „Phantom“ (über eine im Bombenhagel verschwundene Schule) und seine Raumskulptur „Kalender“ als dem Vergessen trotzendes, 17-teiliges Archiv zu den Medienreaktionen seit Beginn des russischen Angriffskriegs.
Ausstellung und Werkstatt
Dass die unbedingt überzeugende Ausstellung „Kunst und Leben in Zeiten des Krieges“ bis in ihren Auftakt mit dem „Arbeitsraum“ des Kollektivs Assortment Room zugleich Archiv, Bibliothek und Werkstatt ist, unterstreicht das Selbstverständnis des Kunstvereins als Forum einer offenen Stadtgesellschaft.
In Kürze
Die Ausstellung
„Kunst und Leben in Zeiten des Krieges“, Württembergischer Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz), bis zum 13. August (Di, Do bis So 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr).
Projektpartner
„Kunst und Leben in Zeiten des Krieges“ ist ein gemeinsames Projekt von Württembergischem Kunstverein, Linienscharen und Ifa-Galerie Stuttgart. Der Eintritt kostet 5 Euro ( 3 Euro ermäßigt). Freier Eintritt für Schülerinnen und Schüler sowie Studierende aus Stuttgart.