Traditionell ist die Schau der Künstlermitglieder des Württembergischen Kunstvereins eine ganz besondere Ausstellung. „Unberührt Berührt“ überzeugt jetzt mit vielen Entdeckungen.
Es ist ein eigentümliches Bündnis, das die jüngst verstorbene Malerin Anna Huxel in ihrem Bild „Trilogie“ präsentiert: Zwei merkwürdig verkürzte Figuren tanzen gestisch heiter und tragen in ihrer Freude eine wesentlich kleinere dritte Figuration. Rettungsringe bilden die Oberkörper jener links und rechts, der Oberkörper in der Mitte wiederum öffnet sich fast lächelnd zu einem Kussmund. Huxels „Trilogie“ ist damit ein Ankerbild der seit vergangenen Samstag unter der Themenflagge „Unberührt Berührt“ zu sehenden Ausstellung der Künstlermitglieder des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart. Alle zwei Jahre sind eben diese eingeladen, sich an „ihrer“ Ausstellung zu beteiligen. Mehr als 400 Einreichungen zählten die Kunstvereinsverantwortlichen Iris Dressler und Hans D. Christ dieses Jahr – 250 Arbeiten sind nun im Vierecksaal des Kunstgebäudes am Schlossplatz zu sehen.
Und wie schon in den vergangenen eigenen Projekten von Dressler und Christ ist auch dieses Mal das Entrée in die Ausstellung signalhaft gehalten.
Der Grafikdesigner Demian Bern, seit langem als Ermöglicher und Macher von Kunst- und Kulturprojekten unterwegs, zeigt eine Szene aus dem von Louis Stiens und Shaked Heller im Frühjahr 2022 in der Stuttgarter tri-Bühne präsentierten Stück „In my room“. Die beiden Tänzerchoreografen, bis Herbst 2022 im Ensemble des Stuttgarter Balletts, verschmolzen zu einer Körpereinheit wie die Figuren-„Trilogie“ von Anna Huxel. Berühren sich Stiens und Heller aber wirklich? Und umgekehrt: Ist nach solcher Innigkeit ein Loslassen überhaupt noch möglich?
In Rot getauchte Blicke aus dem Appartment
Bogdan Tomashevsky, zuletzt die eindringliche Kunstvereins-Schau „Leben in Zeiten des Krieges“ mit prägend, tritt nur scheinbar hinter diese Intensität zurück, wenn er unzählige Knetmännchen neben- und übereinander setzt. Eine konkrete Figuration entsteht – zu verdanken ausschließlich unmittelbarer Berührung, im Ausdruck des Gesamten aber gänzlich deren Verweigerung betonend.
Solche Widersprüche ziehen sich durch die Ausstellung und bestätigen sich selbst noch in deren Präsentationsform zwischen überbordendem Angebot und individuellem Raumanspruch. Stephan Köperls Videoarbeit „Ali Dawara malt ,The Blue Black Wizard Storm’“, Dokumentation des aus eigener Verstörung begründeten Malprozesses eines Flüchtlingskindes, steht hier ebenso stellvertretend wie eine Fotoserie von Gonde Kiessler.
Sicher eine der Überraschungen dieser Schau, zeigen Kiesslers in Rot getauchte, sich aus dem Rot entwickelnde Szenarien Blicke aus ihrem Appartement eben dies: „Nähe und Distanz“. Die Stadtlandschaft als nur mehr zu betrachtender, nicht aber mehr erlebbarer Sehnsuchtsort – da ist Gary Duszynskis aus dem eigenen Bilderlager geholtes, aber passgenaues fotografisches Bild „Warten in Dessau“ von 2005 in der Haltung plötzlich sehr nahe, nicht anders als Marvin Berners stilles „Approach Form“.
Immer schwingt in „Unberührt Berührt“ die Fragestellung mit, was ich von mir preisgebe. Jorge Garzon antwortet radikal. Sein „Fragmentarisches Selbstporträt“ lässt einen Körper systematisch zerfallen – in einzelne Blickmomente, die zugleich doch trauernde Tiefe andeuten. Die konzeptuelle Struktur hält Garzons „Fragmentarisches Selbstporträt“ buchstäblich im Lot – und schafft eine gedankliche Brücke zu Eva Maria Reiners Umkehrung: „Und und und“ ruft sie uns entgegen – wissend, dass das so bezeichnete Szenario nur wenig Verbindendes hat.
Wie nah können wir Menschen, die übers Mittelmeer fliehen überhaupt sein?
Brauchen wir also die Unsicherheit, um Nähe zuzulassen? Schafft Sicherheit gar Distanz? Fragen, die Johannes Raves bildnerisches Arbeiten bestimmt und sich in der schönen Serie „Balance“ in fast lyrischer Weise bestätigen. Fragen aber auch, die Doris Graf in „Ich, Quarantäne“ immer wieder zur Beantwortung freigibt und die in äußerst vielfältiger und erfrischend gegensätzlicher Form in den Film- und Videoprogrammen der Ausstellung erlebbar sind.
Eine bitterböse Antwort-Variante liefert Annagreta König Danschkos „toushé“: Sie macht aus dem Schrecken der Mittelmeer-Überquerung in kaum seetauglichen Booten eine kommerzielle Tugend. Wetterfeste Kleidung wird da empfohlen – Seemannsgarn schützt nicht vor realer Zuspitzung bis hin zur fluchttauglichen Fashion-Kollektion, die dann wiederum Ausgangspunkt für Mode-Hochglanzfotos ist. Aus der erzwungenen Nähe der Flüchtenden zueinander auf meist seeuntauglichen Booten wird die Frage, ob uns eben dies überhaupt berührt, ja, ob es uns wirklich berühren kann.
Ja, „Unberührt Berührt“ ist einerseits als Panorama widerstreitender Interessen künstlerischer Äußerung zu lesen. Andererseits aber verblüfft die Stringenz, mit der wesentliche Werke eigene Fäden ziehen und Bande knüpfen.
Bestimmt sind diese durch eine Sicherheit – dass, wie Co-Kuratorin Anne Volk zutreffend formuliert, die „Nähe- und Distanzverhältnisse zwischen Menschen sowie zwischen Menschen und anderen Lebewesen oder Dingen individuell wie gesellschaftlich immer wieder neu verhandelt werden müssen“.
All dies verdichtet sich in Anna Huxels „Trilogie“ ebenso eindringlich wie selbstverständlich. Als Betrachtende sind wir dem lebenserhaltenden unbedingten Vorwärts ebenso nahe wie der gerne zur Seite gewischten steten Gefährdung.
Debatte über Wahrnehmung
Die Ausstellung
Unberührt Berührt, WKV Stuttgart, bis zum 1. Oktober, Di bis So 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro (ermäßigt 3 Euro, Schülerinnen und Schüler sowie Studierende frei).
Diskussion
An diesem Donnerstag, 7. September, gibt es um 19 Uhr einen Abend zum Thema „Wahrnehmung und öffentlicher Raum. Die Décollage als stille Beobachterin urbanen Geschehens“. Mit dabei: Johannes Becker-Pfaff, Psychoanalytiker und Arzt, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Marienhospital Stuttgart, Omar Pirija und Dezso B. Szabo, Institutsleiter Liszt Institut, Ungarisches Kulturzentrum Stuttgart. Moderiert wird die Runde von Frank Ulmer.