Der Württembergische Kunstverein Stuttgart brilliert mit einer Ausstellung zum Werk der US-amerikanischen Künstlerin Carrie Mae Weems
Die Gewalt kommt unscheinbar daher, kleidet sich als Dokumentation. Der Fotograf Joseph T. Zealy wählt afroamerikanische Frauen und Männer aus, die er mit entblößtem Oberkörper in Frontalansicht zeigt. Das Ziel: die Ideen des Schweizer Forschers Louis Agassiz zur Unterlegenheit der People of Colour fotografisch zu illustrieren.
Welche Zukunft für die Vergangenheit?
Wie beeinflussen diese Fotos gewollt oder ungewollt unsere Wahrnehmung weißer beziehungsweise afroamerikanischer und grundsätzlich indigener Kultur(en)? Welche Wirkmacht haben sie bis in die Gegenwart? Lassen sie sich überhaupt korrigieren?
Carrie Mae Weems antwortet auf diese Fragen mit Aneignung und Verwandlung. In scheinbarer Wiederholung der Fotos schafft sie durch veränderte Ausschnitte und die Noblesse versprechende runde Rahmung eine Umkehrung der historisch intendierten Realität. Nicht Abwertung, Aufwertung ist nun das Ziel und auch das Ergebnis. Die Fotografierten erhalten ihre Individualität, ihre Würde, ihr von aller kulturellen Identität unabhängiges Menschsein zurück – und werden doch zugleich zu machtvollen Kronzeugen afroamerikanischer Identität.
Ein poetischer Ton
„From Here I Saw What Happened and I Cried“ (Von hier aus habe ich gesehen, was passiert ist, und ich habe geweint) ist die Serie aus den Jahren 1995 und 1996 überschrieben – und auch dieser Titel unterstreicht den poetischen Ton, der das gesamte Schaffen von Carrie Mae Weems durchzieht. Ebendiesem Ton folgen Iris Dressler und Hans D. Christ, Direktorenduo des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart, im Vierecksaal des Kunstgebäudes am Schlossplatz mit einer (wieder einmal) bemerkenswert eindringlichen und präzisen Präsentation.
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Gerade so, als folge man den Worten Weems’ durch das klug gebildete und immer wieder auch Schutz – etwa für zentrale Serien wie „From Here I Saw What Happened and I Cried“ oder die „Kitchen-Series“ – bietende Raum-im-Raum-Geflecht, ergibt sich ein individuell lesbarer Parcours.
Am zunächst bitter wirkenden Auftritt einer clownesken Conférencier-Figur kommt indes niemand vorbei. Zentral gestellt, lädt uns Carrie Mae Weems, 1953 in Portland geboren, zu einer Bühnen-Reise durch die US-amerikanische Geschichte ein. In harter Anklage gegen den selbstverständlichen Rassismus in den USA und offener Drohung mit Rache gipfelnd, ist „Lincoln, Lonnie, And Me“ – brillant mit der im 19. Jahrhundert begründeten Illusion eines Live-Geschehens spielend – aber zugleich eine berührende Annäherung an die Grundlagen und Wirkmächte geschlechtlicher Identifikation.
Was bergen die Museen?
Wer sich umdreht, sieht den roten Samtvorhang aus „Lincoln, Lonnie, And Me“ in einer gefärbten Glasscheibe fortgeführt, durch die man in den Vierecksaal zurück und auf eine Phalanx bekannter Museumsbauten blickt. Der Blick wird zum Zeitsprung: Wir sehen Carrie Mae Weems in dem 2006 begonnenen Zyklus „Museum Series“ auf den Pariser Louvre zugehen, auf den Dresdner Zwinger oder das British Museum in London – und nehmen mit jedem ihrer Schritte die Verwurzelung dieser Orte, ihrer Sammlungen und des aus diesen gebildeten Selbstverständnisses auch des gesuchten Publikums als Teil politisch-kultureller Prägung wahr.
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Die Dekolonialisierungsdebatte braucht Carrie Mae Weems nicht zu befeuern – sie zeigt uns die koloniale Prägung fast tänzelnd leicht und gerade deshalb umso härter.
Das Leben am Küchentisch
Forcierte die Riege der Reenactment-Künstlerinnen und -Künstler in den ausgehenden 1990er Jahren in der Aneignung historischer Ereignisse die empfundene wie die reale Gewalt, beobachtet man bei Carrie Mae Weems gänzlich anderes: Mit ihren Aneignungen und bewusst übersetzten Wiederaufführungen (immer wieder etwa der Attentate auf Martin Luther King und John F. Kennedy) hebt sie die Gewalt auf und bringt die Debatte buchstäblich an jenen Küchentisch zurück, an dem die „Kitchen Table Series“ spielt.
In dieser Ausstellung dankenswert mit Abzügen in großem Format präsent, entzieht sich der Zyklus, längst selbst zur Marke avancierter Rezeptionshit, jedwedem schnellen Zugriff.
Steter Zwischenton
Hervor tritt vielmehr wiederum der stete Zwischenton, der bewusste Bruch auch zwischen historisch verankertem Bildgedächtnis und seiner Verwandlung. Immer identifiziert Carrie Mae Weems, 2014 als erste afroamerikanische Künstlerin mit einer Retrospektive im Guggenheim-Museum in New York gewürdigt, dabei männliche Sucht nach Geltung und Wirkung – um sie damit zugleich im zu bewältigenden Alltag verschwinden zu lassen.
Eigene Kraft
„Carrie Mae Weems – The Evidence of Things Not Seen“ ist eine weithin herausragende Antwort auf die Frage, was Kunst kann, was eine als Aufführung verstandene Ausstellung kann. Das Nichtgesehene gewinnt hier fürwahr eine eigene Kraft zurück – ganz ohne Ausrufezeichen, aber mit Verdopplung ihrer Intensität.
Carrie Mae Weems im Gespräch
Im Dialog
mit Elvira Dyangani Ose (Direktorin MACBA, Barcelona) und Iris Dressler (Direktorin des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart) erläutert Carrie Mae Weems an diesem Samstag, 2. April, von 13 bis 15.30 Uhr ihr Werk. Vorträge und Diskussionen schließen sich an.
Die Ausstellung
„Carrie Mae Weems. The Evidence of Things Not Seen“ ist im Kunstgebäude zu sehen bis zum 10. Juli. Di bis Do 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro (ermäßigt 3 Euro).