Wie bestimmt sich öffentlicher Raum, wie ist er erlebbar? Gibt es einen solchen im Sinne einer allgemein zugänglichen offenen Bühne überhaupt noch? Der Württembergische Kunstverein Stuttgart stellt diese Fragen mit einem Panorama internationaler Gegenwartskunst.
Wie bestimmt sich öffentlicher Raum, wie ist er erlebbar? Gibt es einen solchen im Sinne einer allgemein zugänglichen offenen Bühne überhaupt noch? Der Württembergische Kunstverein Stuttgart stellt diese Fragen mit einem Panorama internationaler Gegenwartskunst.
Stuttgart - In der Skizze ihrer Themenausstellung „Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben“ schrieben Iris Dressler und Hans D. Christ, Direktoren des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart: „An die Stelle von Parodie als Kritik tritt die Parodie der Kritik. Anliegen der Ausstellung ist es, sich der Lethargie und dem Zynismus, die mit dieser Haltung einhergehen, zu widersetzen.“
Dressler/Christ haben dieses Widersetzen seit dem Projekt „Postcapital. Archive 1989 – 2001“ von Daniel García Andújar im Jahr 2008 immer wieder zum Thema gemacht. Und auch die aktuelle Schau folgt dieser Linie. „Irgendetwas im Raum entzieht sich unseren Versuchen des Überfliegens“ ist sie betitelt – und die leise Poesie, einer Formulierung des französischen Philosophen und Wahrnehmungstheoretikers Maurice Merleau-Ponty entnommen, ist buchstäblich nicht nur ein Wort.
So wird die zentrale Künstler-Entdeckung dieser Schau, Ester Vonplon, sich kaum nur wegen ihres Themas – die Wege und das Stranden einer Roma-Familie in einem KFOR Stützpunkt im Kosovo – bald einer noch breiteren Aufmerksamkeit sicher sein können. Fotografisch begleitet Vonplon die Menschen, sie ist ihnen nahe, indem sie Distanz wahrt. Zugleich hebt sie in ihren stillen Bilderzählungen die Behauptungen jener völlig auf, die glauben, Raum ließe sich immer und überall produzieren. Vonplon zeigt den Versuch einer Verortung als tragischen Irrtum – umgekehrt ein Hinweis darauf, dass die Konstruktion öffentlicher Räume im eigentlichen Sinn entsprechende gesellschaftliche Verhältnisse voraussetzt.
Auf die gefürchtete Black Box wird verzichtet
Vonplons Fotoarbeiten sind in einen Parcours eingebettet, der einmal mehr das Labyrinthische als Grundzug der Kunst spiegelt. Dressler/Christ wahren dabei die Eigenwelt und Eigenwirkung aller Einzelbeiträge der 19 beteiligten Künstlerinnen und Künstler. Dies ist umso bemerkenswerter, als auch in der Präsentation der Videoarbeiten auf die gefürchtete Black Box verzichtet wird.
Auch die Rumänen Mona Vatamanu & Florin Tudor agieren als Wegbegleiter mit der Kamera. In „Rite of Spring“ folgen sie Kindern, die in den Straßen einer unbestimmten osteuropäischen Stadt Brände legen. Bewegungsfelder werden so abgesteckt, Territorien. Doch hier brennen keine Autos oder Barrikaden. Die Kinder zünden Stränge des ebenso schnell aufflammenden wie erlöschenden weißen Samens der Pappelbäume ab. Eine Feuerspur bleibt es gleichwohl – und die Hand am drohenden Feuerzeug in Nahaufnahme verschiebt zwanghaft die Interpretationsmöglichkeiten in weit gefahrvolle re Felder.
Immer wieder haben Dressler/Christ in den vergangenen Jahren kritische Fragen zur Aneignung öffentlichen Raumes durch privatwirschaftliche oder politische Entscheidungen gestellt. Und wie selbstverständlich ist darüber der Württembergische Kunstverein Stuttgart zu einem ständigen Diskussionsforum geworden. In den Ausstellungsprojekten selbst ist das Direktoren-Duo vordergründig zurückhaltender, vielleicht aber gerade deshalb präziser.
„Roaming Around the Ruins“ heißt die Summe verschiedener Fotozyklen von Yao Jui-Chung. Der Taiwanese dokumentiert darin die Wandlung des Küstenraumes Taiwans als Bühne der politischen und militärischen Spannungen mit China, aber auch unter den Folgen deutlich spürbarer klimatischer Veränderungen. Durch die Erwärmung verstärkt auftretende Taifune fegen über sinnlos gewordene Militäranlagen ebenso hinweg wie über Ruinen von Vergnügungsparks als Kronzeugen verirrter Ansiedlungspolitik.
Moskitos nehmen Industrieruinen in Besitz
Wird Raum also zuvorderst unter ökonomischem Druck aufgegeben? Yao Jui-Chung verfolgt diese Frage auch in einem zweiten Zyklus. „The Mosquito Project“ dokumentiert Industrieruinen überall in Taiwan. Die Leere ist Konsequenz staatlicher Träume und mafiöser Geldflüsse. Die neuen „Besitzer“ der Industrieruinen sind schon da – die Moskitos fühlen sich in diesen Räumen besonders wohl.
Kann es auch wichtig sein, dass sich ein Raum nicht verändert? Diese Frage beschäftigt die Russin Olga Chernysheva in ihrer 2003 fertig gestellten Videoarbeit „The Train“. Langsam bewegt sich ihre Kamera vom letzten Wagen eines Zuges aus bis hin zur Lokomotive. Ihr Interesse gilt dem Zug als einem Raum, der in den Wirren und von steter Neudefinition der Orte geprägten russischen Gegenwart Sicherheit in doppelter Hinsicht verspricht. Ungeachtet der steten Bewegung der Waggons ist ihr Raum unverändert. Und zugleich sichert der Zug als ein sich bewegender Raum die eigene Existenz, während das bedrohende Außen vorüberzieht.
In vielfacher Hinsicht also provoziert Politik – in Veränderungen, Setzungen oder Brüchen – die jeweilige Realität von Raum. Charbel Ackermanns „Axis of Evil Mostly in the Dark“ führt diese Logik bis an jenen Punkt, an dem Politik über Bilder und Parolen übernationale Raumdefinitionen schafft. So nimmt Ackermann die von US-Präsident George W. Bush behauptete „Achse des Bösen“ zum Anlass, auf einer die nächtliche Helligkeit kenntlich machenden Weltkarte eine verblüffende Seite dieser „Achse“ vorzuführen. Gemessen am Energieverbrauch liegen die auch weitgehend von der Energieproduktion abgeschnittenen „Schurkenstaaten“ schlicht im Dunkeln.