Im Kunstverein: Pedro G. Romeros Videoarbeit „La Casa“, 2006 Foto: wkv

Im Württembergischen Kunstverein Stuttgart geht die Themenausstellung „Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben“ ins Finale. Immer wieder beschäftigt sich der Württembergische Kunstverein mit Kunst als Möglichkeit des gesellschaftlichen Kommentars.

Stuttgart - Wir sehen: Hände arrangieren Holzklötze. Immer wieder. Immer wieder neu. Ständig entstehen so neue Konstellationen. Wir hören: den Dialog der Mitarbeiter einer staatlichen britischen Kunsteinrichtung. Es geht um Veränderungen, um Erinnerungen an Veränderungen. Um den Stolz auf Erreichtes. Um die Abgründe dieses Stolzes. Sie heißen Wettbewerbsfähigkeit, Eigenerwirtschaftung und Marktorientierung.

 

„The Glory of the Garden“ heißt die Videoarbeit von Marion von Osten. Die Worte umkreisen Veränderungen seit den 1970er Jahren, die Formationen der Holzklötzchen erscheinen logisch und folgerichtig. Eine gefährliche Parallele, geht es doch um die Neudefinition der Aufgaben britischer Kultureinrichtungen im Zuge der von Margaret Thatcher als britischer Premierministerin (1979–1990) verfochtenen freien Fahrt für die freien Kräfte des Marktes.

„The Glory of the Garden“ identifiziert die Veränderungen, den Selbstbetrug des „Fit-Seins“ – aber wohl doch zuvorderst für jene, die bereits wissen, in welch radikaler Weise bis hin zum Einsatz der britischen Armee gegen die streikenden Bergarbeiter die Regierung Thatcher den eher abstrakten Begriff des Neoliberalismus Realität werden ließ. So droht auch eine der überzeugendsten Arbeiten im Panorama der von Iris Dressler und Hans D. Christ erarbeiteten Themenausstellung „Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben“ in eine Falle zu geraten. „Wissen“ heißt diese und meint die Fülle an Voraussetzungen, die es braucht, um nicht etwa die formale, aber doch die inhaltliche Qualität einer an politischen Bezügen interessierten künstlerischen Äußerung beurteilen zu können.

Geht es aber darum überhaupt noch? Das kann man entgegnen, wenn eine Ausstellung „die Entwicklung von der kapitalistischen Disziplinargesellschaft zur neoliberalen Kontrollgesellschaft in den Blick nimmt“, wie es in der Einführung heißt. Dressler/Christ wissen um die Gefahr einer Verengung, schreiben sie doch an anderer Stelle über die identifizierte „ironische Distanz gegenüber jedweder ästhetischen und politischen Utopie“: „An die Stelle von Parodie als Kritik tritt die Parodie der Kritik. Anliegen der Ausstellung ist es, sich der Lethargie und dem Zynismus, die mit dieser Haltung einhergehen, zu widersetzen.“

Dressler/Christ haben dieses Widersetzen seit dem Projekt „Postcapital. Archive 1989 – 2001“ von Daniel García Andújar im Jahr 2008 immer wieder zum Thema gemacht, am eindringlichsten bisher wohl in der Schau „Subversive Praktiken – Kunst unter Bedingungen politischer Repression“ im Jahr 2009. Nun also „Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben“. Ein erstes Fazit der Arbeit von Iris Dressler und Hans D. Christ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart war zu erwarten gewesen, eher eine Fortsetzung ist es geworden. Die Fortsetzung einer Debatte, die international geführt wird – was sich schon darin zeigt, dass die Schau dritter Teil von „Politik der Form“ ist, einer Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe der Wiener Festwochen, des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart und der Bergen Assembly.

Das Panorama ist – wie schon bei „Die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ (2010), „Oh My Komplex – Vom Unbehagen beim Anblick der Stadt“ und „Acts of Voicing – Über die Poetiken und Politiken der Stimme“ – perfekt inszeniert. Der Vierecksaal des Stuttgarter Kunstgebäudes am Schlossplatz ist in einen Parcours künstlerischer Äußerungen verwandelt, die jede für sich wahrgenommen werden können. Die Würde der einzelnen künstlerischen Äußerung zu wahren ist fraglos eine der Qualitäten von Iris Dressler und Hans D. Christ.

Mitunter aber scheint der Blick auf den Eigenwert einer Bestandsaufnahme dieser oder jener Verhältnisse verstellt. Kunst als Aufklärung, als „eine geduldige Arbeit, die der Ungeduld der Freiheit Gestalt gibt“, wie es im titelgebenden Zitat des französischen Philosophen Michel Foucault heißt, hat in dieser Schau nicht immer die Souveränität wie die Fotoarbeiten von Kiluanji Kia Henda (Luanda). Sehen wir in „Redefining The Power III“ Tryptichen, die sich mit der Umformung früherer Heldendenkmale aus der portugiesischen Kolonialzeit beschäftigen, so „notiert“ Kiluanji Kia Henda in „Bakumuka – Ambush“ die Anwesenheit der Skulptur einer der zentralen afrikanischen Königinnen auf einem Sammelplatz von Büsten und Denkmalen aus der Kolonialzeit. Diese fotografische Notiz erzählt von etwas, wie sie ihre Distanz zugleich auch Grundlage der formalen Intensität werden lässt. Es sind Bilder, die gerade in ihrer scheinbaren Nebensächlichkeit verblüffen, überzeugen, in Erinnerung bleiben.

Auf welcher ästhetischen Übereinkunft aber basieren diese Arbeiten, entstehen sie? Die Frage wäre vielleicht nicht wichtig, wenn nicht das Thema des weltumspannenden Marktes – auch und gerade des ästhetischen Marktes – eine der zentralen Positionen dieser Ausstellung wäre. Kiluanji Kia Henda zeigt sich als Souverän – sein dritter Beitrag „Karl Marx, Luanda“, ein Fototriptychon von 2006, lebt ganz aus der internationalisierten Formensprache der 1980er Jahre – und ist doch in sich ruhend genug, um 20 Jahre später alle Diskussionen um die strategischen Interessen einer globalisierten Westkunst für einen Moment zum Schweigen zu bringen. Zu sehen ist das Wrack eines Schiffs, stummer Zeuge des als einer der vielen Stellvertreterkriege der Großmächte geführten „Bürgerkriegs“ in Angola. Das verrottete Schiff war ein Geschenk der UdSSR, eines Staates, den es nicht mehr gibt

„Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben“, von einem umfassenden Veranstaltungsprogramm begleitet, ist noch eine Ausstellung und schon selbst ein Dokument, in der Gefahr, Teil der Diktatur der Archive zu werden. Iris Dressler und Hans D. Christ scheinen diese Gefahr sehr wohl gespürt zu haben. Und so steht, wer die Wendeltreppe zu den Versorgungsräumen unter dem Vierecksaal hinabsteigt, vor einer künstlerischen Äußerung, wie sie subjektiver und zugleich umfassender in der Aussage kaum sein könnte – Pedro G. Romeros Videoarbeit „Die Arbeiter“. Wie schon in Romeros ebenfalls präsentiertem Beitrag „Das Haus“ sieht man den Tänzer Israel Galván. Nun aber nicht die Standardabmessungen des sozialen Wohnungsbaus erkundend, sondern in der Erinnerung an eines der ältesten künstlerischen Mittel überhaupt – die Äußerungsmöglichkeiten des Körpers. Und für diesen einen Moment wird die eigentliche Sprengkraft der Kunst in all ihrer Wucht spürbar – dass nämlich, wie es der deutsche Kunsthistoriker Conrad Fiedler im 19. Jahrhundert formulierte, „die Welt ohne die Kunst unvollständig sein würde“.