Matthias Schöck ist seit 2015 WFV-Präsident. Foto: imago/Ulmer

Vor dem Verbandstag des WFV spricht Präsident Matthias Schöck über die EM, ihre Auswirkungen auf die Basis und er erklärt, warum es auf absehbare Zeit keinen baden-württembergischen Fußballverband geben wird.

Am 20. Juli findet in der Carl-Benz-Arena im Stuttgarter Neckarpark der 34. Ordentliche Verbandstag des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) statt. Präsident Matthias Schöck stellt sich für weitere drei Jahre zur Wiederwahl, einen Gegenkandidaten gibt es nicht.

 

Herr Schöck, was ist Ihnen von der EM haften geblieben?

Absolute Highlights waren für mich die Spiele der deutschen Mannschaft und dabei vor allem wie positiv sich die Stimmung im Land entwickelt hat. Beim Public Viewing, in den Fanzonen, bei den Fanmärschen – das war beeindruckend und von einer Identifikation geprägt, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Und was die Atmosphäre in einem Stadion betrifft, habe ich seit zig Jahren keine bessere erlebt als beim Duell Deutschland gegen Spanien in Stuttgart.

Die Pfiffe danach gegen den Spanier Marc Cucurella nach seinem Handspiel gegen Deutschland waren weniger schön.

Ich war bei diesem Spiel gegen Frankreich in München. Das war vom Publikum nicht in Ordnung, nicht fair, so zu reagieren.

An diesem Handspiel erhitzten sich die Gemüter – oder hätten Sie auch keinen Elfmeter gepfiffen?

Wenn man die Bilder sieht, war das Handspiel eindeutig. Ob dann ein Elfmeter gepfiffen wird, lag aber wohl auch in diesem Fall im Ermessensspielraum des Schiedsrichters. Dass man als Fan der Meinung ist, man kann oder muss sogar den Elfmeter pfeifen, kann ich voll und ganz verstehen.

Warum mischte sich der Videoassistent (VAR) nicht ein, und warum schaute sich der Schiedsrichter die Szene nicht am Bildschirm an?

Bestimmt gab es einen Dialog zwischen Schiedsrichter und Videoassistent, der so eindeutig war, dass der Unparteiische nicht nach draußen ging, aber das bekommt der Fan ja nicht mit.

„Weniger fehlerbehaftete Entscheidungen“

Schadet diese Intransparenz nicht dem Fußball?

Ganz nüchtern und statistisch betrachtet, gibt es durch den VAR eindeutig weniger fehlerbehaftete Entscheidungen, dadurch ist das Ganze ein Stück weit gerechter geworden. Aber natürlich wären Informationen für das Publikum absolut hilfreich, zumal es oft eine gefühlte Ewigkeit warten muss, bis die finale Entscheidung getroffen wird.

Ohnehin läuft jeder Fan immer mehr Gefahr, bei einem Tor für sein Team zu früh zu jubeln.

Ja, auch ich habe mich bei der EM dabei ertappt. Je nach Perspektive hofft man, dass nach einem Tor eine schnelle Spielfortsetzung erfolgt oder eben die Entscheidung korrigiert wird. Aber ich bin sicher, dass die Strahlkraft dieser EM davon nicht getrübt wird, gerade was den Zustrom von Nachwuchsspielern in die Vereine betrifft.

Das Wegbrechen vieler Spieler im Bereich der A-Jugend, wo der Spielbetrieb oft nur noch durch Spielgemeinschaften aufrechtzuerhalten ist, dürften Sie durch einen möglichen EM-Boom nicht in den Griff bekommen.

Das ist tatsächlich ein Problem. Aber zunächst einmal gilt es auch festzustellen, dass wir 2023 mit 580 000 Mitgliedern einen neuen Rekord für den WFV verzeichnen können.

Der hauptsächlich neuen, passiven Mitgliedern des VfB und des 1. FC Heidenheim zu verdanken ist.

Das spielt eine Rolle, gar keine Frage, und die Entwicklung wird sich 2024 durch den Zweitliga-Aufstieg des SSV Ulm 1846 vermutlich fortsetzen. Doch auch im Bereich Kinder und Jugendliche haben wir Zuwächse zu verzeichnen, was im Übrigen insgesamt für den Sport festzustellen ist und was ich sehr erfreulich finde. Aber, und da haben Sie ein wichtiges Thema angesprochen, wir müssen schauen, dass wir die Jugendlichen mit einer breiten Ausbildung länger als bis zur B- und A-Jugend an uns binden.

Bundesweit führend bei Trainerausbildung

Stichwort Ausbildung: Muss in diesem Zusammenhang das Hauptamt das Ehrenamt nicht noch stärker unterstützen?

Wir sind, was die Ausbildung von Trainern betrifft, bundesweit mit führend. Da hat sich extrem viel getan. Wir haben regionale Ausbildungszentren, wir gehen zu den Vereinen, wir bieten vor Ort an, Trainerlizenzen dezentral zu erwerben.

Dennoch werden die Teams zu 90 bis 95 Prozent von Papas oder Mamas trainiert. Laut dem Kinderfußballexperten Martin Hägele machen es 80 Prozent davon schlecht, weil sie nur den Erwachsenenfußball kennen.

Wir versuchen, den Horizont zu erweitern, bieten vielfältige Ausbildungen an, Schulungen an Wochenenden oder an einzelnen Abenden. Wir haben seit Einführung der neuen DFB-Ausbildungsordnung am 1. Januar 2023 bereits 102 Lehrgänge zum Kindertrainer-Zertifikat durchgeführt und 1853 Teilnehmende zertifiziert. Hinzu kommen 88 DFB-Basis-Coach-Lehrgänge mit 2397 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Uns ist es ein großes Anliegen, so viele Spielerinnen und Spieler wie möglich bis in den Aktivenbereich zu halten.

Um die Wettbewerbsfähigkeit im Spielbetrieb und den Zugang zu Fußballangeboten flächendeckend aufrechtzuerhalten, wurde auch die Reduzierung der Bezirke von 16 auf zwölf beschlossen.

Ja, es war ein über sechseinhalb Jahre andauernder Prozess, bei dem sich am Ende alle zusammengerauft haben. Die formale Umsetzung der Verbandsstrukturreform erfolgte zum 1. Juli, bis zur Saison 2026/27 gibt es nun verstärkte Abstiege, dann ist der WFV mittel- und langfristig gut aufgestellt.

Was ist Ihre persönliche Motivation, für weitere drei Jahre als Präsident anzutreten?

Mir macht die Aufgabe nach wie vor sehr viel Freude. Ich fühle mich wohl im Kreis der ehrenamtlichen Gremien. Wir sind hauptamtlich sehr gut aufgestellt, genauso finanziell, das sind gute Voraussetzungen für die Zukunft.

Hauptberuf genießt Priorität

Sie sind auch im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), würde Sie nicht das Amt des Präsidenten reizen?

(lacht) Der DFB hat mit Bernd Neuendorf einen sehr, sehr guten Präsidenten. Ich gehöre seit März 2022 dem Aufsichtsrat der DFB GmbH & Co. KG an, in die der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb, also Nationalmannschaften, DFB-Pokal, dritte Liga sowie die Frauen-Bundesligen und die Akademie ausgelagert ist. Diese Aufgabe bereitet mir viel Freude und füllt mich aus – neben meinem Hauptberuf als Bürgermeister, der immer Priorität genießt.

Welche Priorität genießt ein möglicher gemeinsamer baden-württembergischer Fußball-Verband?

Die Zusammenarbeit haben wir als klaren Auftrag aus dem vergangenen ordentlichen Verbandstag mitgenommen. Wir haben das Thema intensivst beackert, wir sind auch enger zusammengewachsen und werden noch enger zusammenwachsen.

Aber?

Es wird diesen gemeinsamen Fußballverband auf absehbare Zeit nicht geben. Auf badischer und südbadischer Seite genießt das Thema aktuell keine Priorität, das ist zu akzeptieren und zu respektieren.

Haben Sie dafür Verständnis?

Ein Zusammenschluss hätte schon auch Nachteile. Zum Beispiel was die finanziellen Zuweisungen von Seiten des DFB betrifft, oder die Stimmen, die Baden-Württemberg beim DFB hätte. Zudem würde es auch keine drei baden-württembergischen Teilnehmer am DFB-Pokal mehr geben. Es gibt also harte Fakten, die dagegensprechen.

Dieses Jahr fand das WFV-Pokal-Endspiel in Großaspach statt. Wird es 2025 wieder nach Stuttgart zurückkehren?

Ja, das Gazi-Stadion auf der Waldau hat sich mit seinen optimalen Rahmenbedingungen total bewährt. Wir waren auch sehr gerne zu Gast in Großaspach, setzen aber auch in den kommenden Jahren auf den Standort auf der Waldau – vorausgesetzt wir können unseren Vertrag mit der Landeshauptstadt Stuttgart erneuern, wovon wir aber ausgehen.

Info

Karriere
Matthias Schöck wurde am 18. Dezember 1974 in Herrenberg geboren. Bis er 28 war, spielte er als Torwart beim SV Mötzingen. 2002 wurde er Bürgermeister der Gemeinde Hildrizhausen, er ist bis 2026 gewählt. 2015 wurde er ehrenamtlicher Präsident des Württembergischen Fußballverbandes (WFV). Damit gehört er dem Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an. Als WFV-Präsident stellt er sich beim ordentlichen Verbandstag am 20. Juli 2024 zur Wiederwahl bis 2027, einen Gegenkandidaten gibt es nicht.

Persönliches
Verheiratet mit Simone, ein Sohn (16), eine Tochter (12)

Personalwechsel
Folgende Personalwechsel stehen im Präsidium beim Verbandstag an: Erstmals kandidieren wird Angelika Fioranelli-Petersohn (bisher Vorsitzende Ausschuss für Frauen- und Mädchensport) als Vizepräsidentin für Spielbetrieb/Schulfußball. Neu im Vorstand: Matthias Harzer (Vorsitzender Verbandsspielausschuss) für Harald Müller; Sandra Mülherr (Vorsitzende Ausschuss für Frauen- und Mädchensport) für Angelika Fioranelli-Petersohn; Jens Zimmermann (Beisitzer für besondere Aufgaben Kommunikation, Vermarktung & Events) für Siegfried Bauer; Hannelore Pink (Vorsitzende Ausschuss für Freizeit- und Breitensport) für Margarete Lehmann; Simon Letsche (Beisitzer für besondere Aufgaben Politische Beziehungen, Compliance, Integrität) für Thomas Halder; Uwe Hamel (Beisitzer für besondere Aufgaben Gewaltprävention, Anti-Diskriminierung, Vorsitzender Kommission „WFV für Toleranz und Fairness – gegen Gewalt!“) für Klaus Moosmann. Aus Reihen der neu gewählten Bezirksvorsitzenden kandidieren Hans-Peter Füller, Marcus Kiekbusch, Michael Spörer und Siegfried Trittner für ein Vorstandsamt als Beisitzer und Vertreter der Bezirksvorsitzenden. (jüf)