Ein möglicher Surfpark in Lahr ist das derzeit mit Abstand am meisten – und hitzigsten – diskutierte Thema in der Stadt. Vertreter aus Gemeinderat und Verwaltung reisten nach England, um sich in einem bereits laufenden Betrieb umzusehen. Unsere Zeitung war dabei.
Ankunft am Donnerstag um 8.45 Uhr, Rückflug am Freitag um 17.30 Uhr: Die Stadtverwaltung hatte die Tour nach Bristol im Vorfeld als „effizienten Arbeitsbesuch“ bezeichnet. Der Auftrag: nichts weniger, als herauszufinden, ob ein Surfpark in Lahr funktionieren kann. Tatsächlich sollte die 16-köpfige Delegation nach anderthalb Tagen mit unzähligen Eindrücken im Gepäck zurück reisen – und mit der Überzeugung, dass ihrer Stadt eine Freizeiteinrichtung nach dem Vorbild von „The Wave“ gut zu Gesicht stehen würde.
Der Surfpark: Die 2019 eröffnete Anlage liegt etwa eine halbe Stunde vom Stadtzentrum Bristols entfernt – „mitten in der Pampa“, wie die Verantwortlichen vor Ort selbst erklärten. Das Herzstück ist ein riesiger Pool mit einem Ruder, das etwa alle zehn Sekunden eine Welle erzeugt. Ergänzt wird das Freizeitangebot durch einen Abenteuerspielplatz und eine Skateranlage. Dazu gibt es ein Restaurant und einen Shop mit Merchandise-Artikeln. Übernachtet werden kann in einem Camp, das aus fest verbauten Zelten mit solider Inneneinrichtung besteht.
Der Betrieb: Im Schnitt zwischen 155 000 bis 180 000 Menschen besuchen laut den Verantwortlichen jährlich „The Wave“. Der ganzjährig geöffnete Surfpark locke nicht nur im Sommer Surfer aus ganz England und Europa an. Tatsächlich zeigte sich beim Besuch der Lahrer: Bei sonnigem Wetter, aber recht frischen Außentemperaturen von maximal 17 Grad war das Becken den ganzen Tag über bevölkert. Auch das Gelände drumherum und der Gastro-Bereich waren durchgehend gut besucht.
Der Gründer: Nick Hounsfield, Jahrgang 1973, präsentierte sich den Lahrer als charismatischer und authentischer Unternehmer, der lange kämpfen musste für seinen Traum – fast 15 Jahre Vorlaufzeit hatte der Bristoler Surfpark. „Wir waren Pioniere mit einer langen Lernkurve. Wir mussten immer wieder neu und umplanen“, berichtete Hounsfield. Von diesem Prozess würden nun andere Vorhabenträger weltweit profitieren.
Die Politik: Den Fragen der Lahrer stellten sich neben Hounsfield der Vizechef des örtlichen Regionalverbands Ian Boulton und Marie Bath. Letztere begleitete die Planung des Surfparks für die Verwaltung – und räumte unumwunden ein: „Nick hatte viele Hürden zu überspringen.“ Die größten hätten ihm die Anwohner in den Weg gestellt. Sie seien wie die politisch Verantwortlichen lange „sehr skeptisch“ gewesen. Am Ende sei das Projekt aber ein solch „besonderes“ gewesen, dass es sogar in einem eigentlich unbebaubaren Grüngürtel entstand. Bath machte deutlich, dass „The Wave“ ein Projekt sei, „das sich ständig weiterentwickelt“. Zuletzt dank Flutlichtmasten, die Surfen auch in der Nacht ermöglichen.
Die Umwelt: Hounsfield wurde nicht müde zu betonen, wie wichtig ihm nachhaltiges Handeln sei. So sei der Surfpool nur einmal ganz zu Beginn mit Trinkwasser befüllt worden. Seitdem kompensiere der Niederschlag die Verdunstung. Für Strom sorgt laut dem Surfpark-Chef eine Solaranlage mit einer Leistung von drei Megawatt. Was nicht direkt vor Ort verbraucht wird, wird ins öffentliche Netz eingespeist, an sonnenarmen Tagen fließt die Energie in die andere Richtung. Die Landfläche überwiegt auf dem Surfpark-Gelände die Wasserfläche deutlich. Darauf, so Hounsfield, versuche man, Flora und Fauna möglichst viel ungestörten Raum zu geben.
Die Finanzen: Umgerechnet mehr als 30 Millionen Euro hat Hounsfield nach eigenen Angaben in sein Lebenswerk gesteckt, oder besser: stecken lassen. 75 Prozent von „The Wave“ gehören einem einzigen Investor, einer Firma, der Rest verteilt sich auf eine Gruppe von Anteilseignern, zu der er selbst gehört. Was die Lahrer interessiert aufhorchen ließ: Öffentliche Gelder sind nicht in den Surfpark-Bau geflossen. Und: Laut Hounsfield wird nur ein Drittel des „Wave“-Umsatzes über das Surfen erwirtschaftet; eine Stunde kostet umgerechnet knapp 80 Euro. Die anderen zwei Drittel werden zu weiten Teilen über den Gastrobetrieb und das Camping-Ressort generiert. Der Zugang zum Surfpark-Gelände ist gratis.
Der Tourismus: An Tag zwei in Bristol trafen sich die Lahrernach einer Stadtführung mit Helen Applin vom regionalen Tourismusverband. Welchen Einfluss hat „The Wave“ auf den Fremdenverkehr vor Ort? Die Antwort: einen spürbaren, speziell auf die Aufenthaltsdauer. „Viele Besucher kommen für einen Tag zum Surfen und hängen einen zweiten dran, an dem sie etwas anderes unternehmen. Oder andersrum“, berichtete Applin. Positiv hervor hob die Tourismus-Expertin die Kooperationen, die „The Wave“ mit Gastronomen und Hoteliers eingegangen ist.
Der Projektentwickler: Für Mario Gerlach, Teilzeit-Ingenieur bei BMW in München, war es wie für den Rest der Reisegruppe der erste Besuch in „The Wave“. Die Anlage und vor allem dessen Konzept kannte er freilich bereits bestens. Das Bild, das sich der gebürtige Freiburger aus der Ferne gemacht hatte, sah er vor Ort bestätigt: „Vor allem die Nachhaltigkeit, die in Bristol verfolgt wird, imponiert mir. Ich bin überzeugt, dass das auch in Lahr funktionieren kann.“
Die Teilnehmer: Sowohl die mitgereisten Vertreter aus der Stadtverwaltung als auch die Mitglieder des (Jugend-)Gemeinderats zeigten sich angetan von „The Wave“. OB Markus Ibert ließ auf einen emotionalen Ersteindruck („Wow!“) bei der Rückfahrt ein sachlich-positives Fazit folgen: „Die Anlage ist rundum gelungen, passt sich sehr gut in die Landschaft ein. Man sieht, dass sie angenommen wird, es waren nicht nur Surfer da. Die Reise war richtig und wichtig.“ Die Stadträte kündigten an, das gewonnene, überzeugende Bild zu Hause in die Fraktionen und die Bevölkerung zu tragen.
Die Zukunft: Mario Gerlach will schnell Klarheit über den Standort, möglichst noch in diesem Jahr. „Dann können wir loslegen mit der Detailplanung.“ Und mit der Suche nach Investoren. OB Ibert sagte zu, im Gemeinderat zeitnah eine Entscheidung herbeizuführen. Gerlach ließ durchblicken, dass er den Lahrer Surfpark in zentraler Lage sieht – also eher in der Nähe des LGS-Geländes als auf dem Flugplatz.
Sie waren dabei
Gemeinderat: Klaus Schwarzwälder (FW), Hartmut Vogt (AfD), Stefanie Kremling-Deinert (SPD), Jörg Uffelmann (FDP), Hadi Sayed-Ahmad (Jugendgemeinderat)
Stadtverwaltung: OB Markus Ibert, Wirtschaftsförderer Robin Derdau (Organisation), Stadtmarketing-Leiterin Martina Mundinger (Organisation), Senja Dewes, Amtsleiterin für Soziales, Bildung und Sport, Fabian Roßmanith, Leiter der Abteilung Grün und Umwelt, Marion Haid, stellvertretende Pressesprecherin, Sabine Maier-Hochbaum, stellvertretende Leiterin des Stadtplanungsamts
Projektentwickler: Mario Gerlach, Eugen Göppert
Presse: Alena Ehrlich (Badische Zeitung), Felix Bender (Lahrer Zeitung)