Stummer Protest: eine junge Frau sitzt ohne Hijab in einem Café in Teheran. Foto: wpp/Ahmad-Halabisaz

Michael Rediske ist Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen. Er sagt: Auch in Deutschland werden Journalisten zum Teil mit Gewalt bedroht und sogar angegriffen.

Heute reist Rediske nach Balingen. Er wird bei der Eröffnung der World Press Photo Ausstellung dabei sein. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

 

Was hat Reporter ohne Grenzen mit dem Fotowettbewerb zu tun?

„Worldwide“ sind wir mit unserem Namen „ohne Grenzen“ auch. Und Fotos spielen für unsere Arbeit bei der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen eine große Rolle. Fotos und Filme braucht es, um die Lage der Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten auch emotional zu verstehen. Jedes Jahr geben wir einen Bildband „Fotos für die Pressefreiheit“ heraus. Den ersten Band habe ich 1994 selbst produziert.

Was ist in dem Buch zu sehen?

In diesem Jahr stehen dort ähnlich wie beim Wettbewerb die Situationen in der Ukraine und in Afghanistan im Vordergrund. Und wie beim Wettbewerb haben auch wir besonders diejenigen im Blick, die Umweltzerstörung dokumentieren und dabei in etlichen Ländern buchstäblich in die Schusslinie von Großgrundbesitzern und anderen geraten, die an der Umweltstörung verdienen.

Das Team der Guides sammelt auch in diesem Jahr wieder Spenden für Reporter ohne Grenzen. Was wird mit dem Geld geschehen?

Spenden finanzieren den allergrößten Teil unserer Arbeit – gerade auch die Nothilfe braucht Spenden, damit wir uns um Betreuung, Visa und Lebensunterhalt für gefährdete Journalisten kümmern können, zum Beispiel aus Syrien, Afghanistan oder Russland. Dass deren Journalismusprojekte auch im Exil weitergehen können, ist derzeit eine unserer Prioritäten.

Zwölf Journalisten wurden dieses Jahr in Ausübung ihrer Arbeit getötet, 533 Journalisten sind in Haft. Was geht uns das in Balingen an?

Reporter ohne Grenzen verteidigt das Recht aller, unabhängig informiert zu werden. Zensur, Mord, Haft und Einschüchterung hindern Medienschaffende daran, uns die Realität nahezubringen – in Bildern wie in Worten. Auch in Balingen.

Auf der Weltkarte der Pressefreiheit ist Deutschland nicht weiß. Wie wird hierzulande die Freiheit von Journalisten eingeschränkt?

Die Vielfalt der Medien nimmt auch in Deutschland allmählich ab, gerade bei den Tageszeitungen. Die Verschlechterung von Deutschland in unserer Rangliste und auf der Weltkarte beruht aber vor allem auf den Angriffen, denen Medienschaffende letzthin auf Corona- und anderen Demonstrationen ausgesetzt waren.

Was kann man von Balingen aus tun, um sich für die Pressefreiheit einzusetzen?

Jeder kann die Stimme erheben, um im Internet, in den sozialen Medien oder im privaten Umfeld für zivilisierte Diskussionen einzutreten – gegen Beschimpfungen und Bedrohungen von Medienschaffenden – und dagegen, dass unsere Medien pauschal als „Lügenpresse“ verunglimpft werden. Und natürlich ist Reporter ohne Grenzen für jede Spende und jedes neue Mitglied dankbar, das unsere Arbeit unterstützt.

Hat es Sie als Berliner überrascht, dass das vergleichsweise kleine Balingen eine Ausstellung von Weltrang zeigt?

Ja, durchaus. Auch wenn es ja zum Konzept von World Photo Press gehört, auf allen Kontinenten und auch nicht nur in Hauptstädten präsent zu sein. Außer Balingen gibt es dieses Jahr noch eine Stadt ähnlicher Größe: Knocke-Heist an der belgischen Nordseeküste. Die Ausstellung könnte aber nächstes Jahr gern in noch mehr kleineren Städte in anderen Ländern gezeigt werden.