Beim Stadtteilverein Weil am Rhein-Friedlingen informierte Data-Scientist Marc Schmieder über den Einfluss sozialer Medien auf politische Themen und Wahlen.
TikTok, Instagram und Co. sind allgegenwärtig. In einem Workshop, zu dem der Stadtteilverein Friedlingen eingeladen hatte, konnten Teilnehmer im Selbstversuch erleben, wie Emotionen gezielt genutzt werden, um Reichweite zu erzeugen. Sie erfuhren auch, was sie als Nutzer gegen Falschinformationen tun können.
Noch lange nach dem Ende des 90-minütigen Workshops diskutierten die Anwesenden über politische und persönliche Konsequenzen.
In Interaktionen beteiligte Schmieder das Publikum. Er nannte es „Doomscrollen für Anfänger“. Doomscrollen wird in der Fachwelt als „Unkontrolliertes, oft zeitlich ausuferndes Scrollen durch überwiegend negative oder stark emotionale Inhalte“ bezeichnet.
Durch Selbstbeobachtung über einen Zeitraum von einer bis drei Minuten kann man schon feststellen, wie unbewusst der Medienkonsum geschieht.
Im vergangenen Jahr haben nach einer aktuellen Medienstudie von ARD und ZDF 5,22 Milliarden Menschen Social Media genutzt, also etwa 65 Prozent der Weltbevölkerung. Dabei wurde errechnet, dass zum Beispiel die durchschnittliche Tiktok-Nutzung bei 56 Minuten täglich lag – je nach Altersgruppe bis zu fünf Stunden.
Social-Media-Plattformen aus der Nähe betrachtet
So lag die tägliche Nutzung insgesamt bei 43 Minuten, bei den 14 bis 29-jährigen durchschnittlich bei 70 Minuten. Dabei rangiert Instagram an erster Stelle, gefolgt von Facebook, TikTok, Snapchat und Pinterest. Erst an siebter Stelle X von Elon Musk, während neue Plattformen wie BeReal oder bluesky allmählich an Beliebtheit steigen.
Insgesamt, so die von Schmieder zitierte Studie, konsumieren Menschen aller Altersstufen pro Tag durchschnittlich 196 Minuten Medien, davon 58 Prozent Fernsehprogramme, acht Prozent Sendungen von Mediatheken, 16 Prozent Videos von Streamingdiensten und 19 Prozent Videos von Social Media-Anbietern. Bei den 14 bis 29-Jährigen zeigt sich ein völlig konträres Bild: 44 Prozent Social Media, 32 Prozent Videos von Streamingdiensten, der kleine Rest öffentlich rechtliche oder private Medien.
Mehr Likes – mehr Werbung
Wenn man sich die Inhalte vor Augen hält, wird die Auswirkung der auf Marketing-Wirkung hin programmierten Algorithmen deutlich. So werden Videos gezeigt, von „denen der Algorithmus denkt, sie entertainen, interessieren oder triggern“, wie Schmieder formulierte. Je mehr Likes oder Interaktionen, desto mehr Werbung.
Selbst wenn das Handy nur „mithört“, werde man auf Social Media geflutet von entsprechenden Angeboten, wie eine Besucherin eigene Erfahrungen beschrieb, nachdem sie ein Gespräch über ein Darlehen hatte und binnen weniger Stunden auf dem Handy mehrere Angebote von völlig anderen Anbietern fand.
Sogenannte „Hooks“ (Haken) sollen bei clever produzierten Videos innerhalb von drei Sekunden Interesse so stark wecken, dass man weiterschaut.
Wer es schafft große Communities aufzubauen, erhält eine exponentiell gestiegene Wahrnehmung. So entstehen aber auch sogenannte Blasen, insbesondere wenn der sogenannte „Feed“ polarisierend ist und Emotionen anspricht.
Alle Nutzerdaten werden ausgewertet
Dabei nutzt der Algorithmus bei der Erstnutzung allgemeine Beliebtheits-Erkenntnisse, um dann mit den Metadaten wie Alter oder Herkunftsland alle Informationen auszuwerten, die der Nutzer preisgibt: Kommentare, Likes, geteilte Videos bis hin zur Verweildauer im Netz. Denn Reichweite definiert sich über diese Kriterien.
Neben nützlichen Inhalten wie Erklärvideos erregen im Netz auch Verschwörungserzählungen und Desinformationen hohe Aufmerksamkeit. Das beeinflusst politische Stimmungen und Wahlen. Schmieder demonstrierte dies anhand der rumänischen Präsidentschaftswahl oder der jüngsten Wahlen in den USA.
Inzwischen sind KI und Bots (also beauftragte oder KI-generierte vermeintliche User) allgegenwärtig. Ein Fünftel aller Social-Media-Interaktionen stammen von Bots, weiß man nach einer Auswertung von 200 Millionen Accounts. Der englische „Guardian“ hat kürzlich hinzugefügt, dass ein Fünftel aller Videos, die neuen Nutzern empfohlen werden, von KI generierte „Low Quality-Inhalte“ hatten.
Die Fachleute sprechen von „AI-Slops“, was so viel wie AI-Schrott heißt.
Negative Aussagen werden durch höhere Wahrnehmung belohnt
Wer glaubte, dass nur die Häufigkeit von Posts über die Wahrnehmung im Netz entscheidet, den musste Schmieder enttäuschen. Anhand der Auswertung der Wahrnehmung und Häufigkeit von politischen Posts wurde deutlich, dass Parteien an den politischen Rändern erfolgreich sind mit dem populistischen Triggern von Gefühlen. Negative Aussagen werden durch höhere Wahrnehmung belohnt.
Was tun? Es gibt Möglichkeiten, im Netz selber aktiv zu werden. Indem Demokratie-stärkende Beiträge kommentiert, geteilt oder ganz angeschaut werden.
Bei rechtswidrigen oder Fake-Inhalten sollte Meldung an die Plattform erfolgen.
Handlungssicherheit entsteht durch die Wahrnehmung alternativer Informationsquellen.
Es gibt auch Internetseiten, die Fake News enttarnen wie #Faktenfuchs oder Mimikama, wie Workshop-Teilnehmer ergänzten.