14 fantastische Bands beschallten an zwei Tagen ein begeistertes Publikum bei den Stammheimer Rottannen. Gerade in den ansonsten ruhigen Abendstunden hörte man die Musik bis an den südlichen Rand Heumadens.
Die Baby-boomer-Generation erinnert sich: 55 Jahre ist es her, dass in dem US-Örtchen Woodstock das bekannteste Open-Air-Festival aller Zeiten geschätzt 400 000 Zuhörer anzog und elektrisierte. Unsterbliche Heroes wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Joe Cocker, Santana und The Who waren nur einige, die das legendäre und unvergessliche Musikspektakel bereicherten.
Immerhin auch schon 22 Jahre ist es her, dass die kleine schwäbische Version des Woodstock-Festivals, eben das Woodstöckle, ein letztes Mal stattfand und Livemusik regionaler Bands präsentierte. Nun gelang ein fulminantes Wiedererwachen dieses Kult- Events.
Man hatte an beiden Tagen Riesenglück mit dem Wetter. War es bis zuletzt noch ungemütlich kalt und regnerisch, konnte man am Freitag bei herrlichen Abendtemperaturen mit den musikalischen Stilrichtungen Grunge, Rockabilly, Ska und Elektro in die Nacht hinein feiern. Der Samstag stand fast ununterbrochen im Zeichen der Sonne.
Public Viewing direkt nebenan
Dass das Woodstöckle verhalten startete, was die Zuschauerzahl betrifft, hatte mit dem Eröffnungsspiel der Deutschen Elf einen plausiblen Grund. Direkt gegenüber dem Festivalgelände bot der VfL Stammheim ein Public-Viewing an, welches hundertfach in Anspruch genommen wurde. Andere blieben fern, um den 5:1-Sieg der Deutschen irgendwo anders zu bejubeln, wusste Woodstöckle-Macher Alexander Strobel zu berichten. Nach dem Spiel pilgerte dann doch noch manch einer zum Woodstöckle, um die Nacht zum Tag zu machen.
Jamaikanische Tanzmusik
Dennoch: Dass gute Musik und fetzige Stimmung mehr als Ersatz für Fußball sein kann, bewiesen die atemberaubend aufspielenden Spicy Roots, die exakt zur Spielzeit auf der Bühne standen. Die sympathischen Sieben aus Schwieberdingen zelebrierten jamaikanische Tanzmusik, dem Ska verschrieben. Die Band versprach nicht zuviel mit der Ankündigung, „einer tickenden Partybombe zu gleichen und durch melodischen Third Wave Ska zu bestechen“. Da musste man sich als Zuhörer unwillkürlich zu den treibenden Rhythmen bewegen.
Der Menschenpulk unmittelbar vor der Bühne wuchs von Lied zu Lied an. Die Stimmung wurde aufgeheizter. Frontman Manuel Mack fand das alles „sehr geil“ und erinnerte sich an seinen ersten Auftritt vor 30 Jahren, als man damals „die Nacht unter der Bühne“ schlief. Alex Strobel ergänzte später, dass das erste Bühnendach aus einer Plane bestand, die an einem Baum befestigt wurde.
Bis in die Nacht hinein wird gefeiert
Gefeiert wurde wie damals bis in die Nacht hinein. Bis 1 Uhr hieß es, zu heißer Live-Musik zu rocken, bevor es dann im Disco-Zelt noch ein Weilchen zur Sache ging.
Wesentlich mehr los war am Festival-Samstag mit acht Bands aus nah und fern. Kurzfristig für eine ausgefallene Band eingesprungen, zelebrierte Songwriter Peter Mellow mit Stimme und Gitarre eine Palette von eigenen Songs, bevor dann die Mofos den Samstag einrockten.
Kultband „Wildbad Bahnhof“ist zurück
Kenner der Calwer früheren Rock- und Punk-Szene feierten dann ein Wiederhören mit der damaligen regionalen Kultband „Wildbad Bahnhof“. Ein Gesprächsfetzen eines Szene-Kenners aus früheren Tagen: „Ja, gibt es die auch noch?“ Die Band spielte laut eigener Ankündigung das „weltweit einzige Konzert“ in diesem Jahr. Sozialkritisch setzten sich mit einem „großen Boulevardblatt“ und der „Arbeit im Schlachthof“ auseinander.
Leckereien in der Entspannungsarena
Zu den musikalischen Highlights durfte auch die Kulinarik nicht zu kurz kommen: Die Festival Freaks hatten eine reiche Auswahl. Die „Eisschleckerei“ war ebenso am Start wie die „Hanfbeckerey“. Und im Stammheimer „Musikerbesen“ gab’s deftige Hausmannskost; zudem Hamburger, Elsässer Flammkuchen, Hamburger und die gute alte Currywurst. Die Tischreihen in der Entspannungsarea waren nicht nur in den Umbaupausen gut besetzt.
Alexander Strobel zog am Ende sein positives Resümee: „Das hier war ein generationenübergreifendes Festival. Von ganz jung bis über 70 – alle waren da und hörten ein vielseitiges Programm – für jeden etwas dabei. “ Strobel freute sich vor allem, dass alles friedlich zuging. Fast ganz so wie damals im Jahr 1969, als man Musik unter dem Motto „Love and Peace“ feierte.