Sibylle Bergs Science-Fiction-Farce „Wonderland Ave“ wird in Stuttgart am Theater tri- bühne als Kampf zwischen Mensch und Maschine aufgeführt.
Die Person schlägt die Augen auf, und schon ist sie da, die Künstliche Intelligenz. Sibylle Berg erdachte ein Spiel, in dem der Mensch allein ist mit einer Künstlichkeit, die alles weiß und alles vorschreibt, das Leben gänzlich regeln will. Acht Jahre sind vergangen, seitdem Berg „Wonderland Ave“ veröffentlichte, das Problem ist nicht verschwunden. Alejandro Quintana hat „Wonderland Ave“ nun am Theater tri-bühne inszeniert und den Chor der Künstlichen Intelligenzen auf eine einzelne Figur reduziert. Keine schlechte Idee, denn so gerät das Stück zum Duell zwischen der menschlichen Person (Natalja Maas) und der Maschine (Manuel Krstanovic). Leidenschaft und nüchterner Sarkasmus prallen unterhaltsam aufeinander.
Restbestände an Vitalität
Mathias Morgenstern gestaltete die Kostüme, hat Manuel Krstanovic eine Leiterplatte um den Kopf gelegt und einen mattschimmernden Ganzkörperanzug verpasst, über dem er manchmal einen rotschimmernden Paillettenfrack trägt. Die Person trägt einen locker gestreiften Schlafanzug. Stephen Cranes Bühne ist eine schlichte quadratische Erhebung mit einem Kreis in der Mitte – Trainingsfläche, Ort eines Workouts, Boxring späterhin, denn irgendwann einmal treten sie tatsächlich an gegeneinander, die KI und die Person. Im Hintergrund einige schmale Stellwände in matten Farben. Zu Beginn liegt die Person da und schläft, oder: Sie möchte schlafen. „Kackautomat!“, schimpft sie, dreht sich noch einmal um. Das gibt einen Punkt Abzug, ist aber noch im Rahmen gewisser Normabweichungen. Die Stromschläge kommen später.
Natalja Maas‘ Person besitzt beachtliche Restbestände an Vitalität. Sie begehrt auf, sie trauert, wütet, gibt all ihren Ängsten und Frustrationen Raum. Im Schlaf ruft sie: „Mama!“ – ihre Mutter jedoch, behauptet die KI, habe die Person längst einem „Endlager“ übergeben. Manuel Krstanovic spielt die Künstliche Intelligenz als einen höhnischen Zampano der Selbstoptimierung, der die Person nicht zu Wort kommen lässt, das Leben in der „Wonderland Avenue“ anpreist, dem letzten Wellnesspark, und aggressiv wird, wenn die Person sich erlaubt, ihr „Dasein“ zu beklagen: „Zustand!“, korrigiert die KI mit Gebrüll. Ganz zu Beginn geht die KI hinter den Stellwänden der Bühne um wie ein Dämon und flüstert von den rund 30 000 Tagen, die dem Menschen durchschnittlich an Leben gegeben sind – „Um es zu gestalten, wie sie wollen.“ Einmal beginnt sie plötzlich, die Internationale zu singen („Falsches Programm!“), später schlüpft sie in die Rolle des Mephistopheles: „Ich bin der Geist, der stets verneint…“
Humortests und Bilder einer Zukunft
„Wonderland Ave“ liefert an den Rändern Bilder einer Zukunft, die von Maschinen beherrscht wird, in der die Menschen nur noch Versuchskaninchen sind für Apparate, die ihre Humorfunktion testen, in der alle Internetfreunde verschwunden, ausgewandert sind auf Arbeitssuche in ein ominöses Afrika – im Grunde aber rechnet Sibylle Bergs Text mit hintersinniger Bosheit, Komik und einer Spur Sentimentalität die menschliche Unvollkommenheit auf gegen die maschinelle Perfektion, das „abgezählte Leben“. Höhnisch verspottet die KI die „Verklärung der Vergangenheit in der Einsamkeitsbeschreibung“, schwärmt vom neuen Anfang in einer „zauberhaften Einrichtung“, die den perfekten Zustand verspricht. „Was passiert eigentlich mit den Verliererinnen?“, fragt die Person. „Diese Information steht momentan nicht zur Verfügung“, schnarrt eine Maschinenstimme. Und wo sind all die Politiker hin? „Das möchten Sie nicht wissen.“ Die Person der Zukunft aber ist, nicht anders als die Person der Gegenwart, außer sich vor Glück, wenn sie mit einem Gutschein vom allbekannten Internethändler belohnt wird. Sie lässt sich von der KI in Folie wickeln, als sei sie selbst ein Päckchen. Wird sie sich befreien können?