Manche Bergbauernhöfe können ihre Wiesen nur bewirtschaften und erhalten, wenn sich freiwillige Helfer daran beteiligen. Foto: Fotos: Köhler

Soziales: Wolfgang Köhler unterstützt Bergbauern in Südtirol / Beschwerliche Arbeit schärft Blick für das Wichtige im Leben

Die einen verbringen ihre Ferien gerne am Meer, andere wandern oder machen Fahrradtouren. Wolfgang Köhler verbringt seinen Urlaub dagegen mit harter Arbeit. Passt dies überhaupt zusammen? Die Antwort lautet Ja, jedenfalls bei dem 68-Jährigen aus Wolterdingen. Er packt auf einem Bergbauernhof in Südtirol an.

Donaueschingen-Wolterdingen/Südtiro. Er verbringt seit fünf Jahren während der Zeit der Heuernte sechs bis sieben Wochen in der Nähe des ­Stilfserjochs als Bergbauernhelfer. Und dies mit Leib und Seele, wie er erzählt. "Da wirst du wieder geerdet. Man merkt, wie wenig man braucht zum Leben. Es geht auch ohne viel Wohlstand und Konsum. Arbeiten, Essen, Schlafen. Schon nach drei Tagen wird man richtig frei im Kopf", sagt Köhler mit einem Lächeln im Gesicht.

Ein Bericht im Fernsehen über die Südtiroler Bergbauern und deren beschwerliche Arbeit, die sie bis ins hohe Alter ausüben, um das Landschaftsbild zu erhalten, brachte ihn auf die Idee. Ohne fremde Hilfe sei die Heuernte etwa für den Bauern, bei dem er sich aufhält und dessen Hof in 1700 Metern Höhe im ­Stilfsernationalpark steht, nur sehr schwer zu bewältigen, erklärt Wolfgang Köhler. Und da er als Jugendlicher fast täglich gerne auf einem Bauernhof mitgeholfen habe, "lag es nahe, dass ich dies einmal ausprobieren möchte".

Ein weiterer Grund für den Vater einer erwachsenen Tochter, dessen Ehefrau Regina voll hinter seinem Wirken stehe, sei, die Einheimischen nicht als Tourist zu sehen, sondern deren wahres Leben kennenzulernen. "Viele Leute, die als Erntehelfer auf einen Hof gehen, verwechseln dies mit Ferien auf dem Bauernhof", erklärt Wolfgang Köhler. Aber das sei bei Weitem nicht so.

Der Tag laufe nach einem straffen Zeitplan ab: Um 4 Uhr heißt es aufstehen, eineinhalb Stunden später geht es in den Stall, um 7 Uhr wird gefrühstückt. Ab 7.30 Uhr beginnt man, die Wiesen größtenteils von Hand mit der Sense zu mähen. Um 10 Uhr ist Brotzeit – dort auch halber Mittag genannt. Danach muss das Heu gewendet werden, bis es um 12 Uhr Mittagessen gibt. Eine halbe Stunde später heißt es wieder Stallarbeit, anschließend muss das trockene Heu auf eine Plane geworfen und zum Hof gezogen werden. Um 17 Uhr gibt es Abendessen – Marende, wie dort das Vesper heißt.

Süchtig nach dem Duft des wilden Thymians

Das Tagwerk ist dann aber noch lange nicht geschafft. Ab 17.30 Uhr ruft nochmals die Stallarbeit. Um 19 Uhr müssen die Sensen wieder geschärft werden, und um 21 Uhr legt man sich zum Schlafen. Und sollte es mal regnen – was in der Gegend nicht oft vorkommen würde, da das Klima mit Sizilien vergleichbar sei – "wird einem auch nicht langweilig, denn dann wird das Holz für den Winter gespalten", lacht der gelernte Maler. Der Höhepunkt der Woche sei der Sonntag: Zunächst geht es ins Dorf zum Gottesdienst, danach zum Einkaufen und dann noch zu einem Plausch ins Wirtshaus.

Und was ist – neben Kost und Logis – der Lohn für die harten Arbeitswochen? "Genügsamkeit und Bescheidenheit hinterlassen einen starken Eindruck. Man selbst erhält wieder den Blick für das wirklich Wichtige im Leben. Mittlerweile verbindet uns eine tiefe Freundschaft, auch mit den anderen Bauern der Lichtenbergerhöfe", resümiert Wolfgang Köhler.

Doch auch die Natur sei dort eben noch unverbraucht. Auf den Wiesen seien Blumenarten zu sehen, die es bei uns schon lange nicht mehr gebe. "Den Duft des wilden Thymians und Majorans möchte ich noch so lange genießen, wie es bei mir geht. Man wird süchtig danach", schwärmt der 68-Jährige abschließend.

Der Verein Freiwillige Arbeitskräfte Südtirol, getragen von der Caritas, der Lebenshilfe, dem Jugendring und dem Bergbauernbund, hat sich zum Ziel gesetzt, den Bergbauern zu helfen, deren Höfe sich in extremen Lagen befinden, und bei denen aus rein wirtschaftlicher Sicht vieles überdacht werden müsste. Die erschwerten Bedingungen werden auch von der Agrarpolitik nur zu einem kleinen Teil ausgeglichen. Dennoch bewirtschaften die Bergbauern ihre Höfe weiter, denn die Liebe zum steilen Berghof und zur Natur stehen im Vordergrund. Kontakt für Interessierte gibt es unter E-Mail info@bergbauernhilfe.it.