Bei der Videosequenz die derzeit im Internet kursiert handelt es sich offenbar tatsächlich um eine Aufnahme eines Wolfs. Foto: Bender

Ein Video, das im Netz kursiert, soll eines der Raubtiere zeigen, das bei Kehl über ein Feld läuft. Das Wildtierinstitut Freiburg bestätigt, dass es sich wahrscheinlich um einen Wolf handelt. Wir haben Experten gefragt, was das für die Ortenau bedeutet.

Die Videosequenz, die derzeit über Sozialen Medien und Chatdienste in der Region weitergereicht wird, ist gerade mal 15 Sekunden lang. Zu sehen ist ein brachliegendes Feld zwischen Wiesen und einem Waldstück in einiger Entfernung, über das sich ein Tier auf vier Pfoten bewegt. „Das ist doch ein Wolf“, ist der erstaunte Ausruf eines Mannes zu hören. Kurz danach bricht die Sequenz ab. Diese soll irgendwo beim Kehler Teilort Hohnhurst entstanden sein. Das Tier hat tatsächlich große Ähnlichkeit mit einem Wolf.

 

Zeigt das Video wirklich einen Wolf bei Kehl?

„Die Ortsangabe zum Video ist korrekt“, bestätigte Johanna Fritz vom Wildtierinstitut der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg auf Anfrage. „Wir halten es für wahrscheinlich, dass es sich bei dem Tier um einen Wolf handelt.“ Die Sichtung war der FVA bereits vergangene Woche gemeldet worden. Eine abschließende Bestätigung sei jedoch nicht möglich, da zu wenig eindeutige Merkmale erkennbar seien, so Fritz am Montag. Auch Maximilian Lang, Wildtierbeauftragter des Ortenaukreises, zeigt sich überzeugt: Die Art sich zu bewegen, den Kopf zu halten – das passe auf einen Wolf, bestätigt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Nur Speichelproben an einem einem gerissenen Tier oder Kotspuren würden eine genetische Analyse – und damit eine sichere Bestätigung – zulassen. Beides habe es bislang nicht gegeben.

Wird das Raubtier in der Rheinebene sesshaft ?

„Es handelt sich sehr wahrscheinlich um einen durchziehenden Wolf“, erläutert Lang im Gespräch mit unserer Redaktion. Er gehe nicht davon aus, dass es sich um einen sesshaften Wolf handelt, sondern um einen Rüden auf Reviersuche. Wölfe besiedelten in der Regel zunächst „Ideallebensräume“.

„Die Tiere brauchen Ruhe und genügend Nahrung“, erläutert Lang. Beides finden die Raubtiere im Schwarzwald viel eher, drum sind die drei bekannten „territorialen Wölfe“ in Baden-Württemberg bislang auch dort zu verorten. Erst wenn es im Schwarzwald eng werde, wagten sich die Tiere dauerhaft in die durchsiedelte Rheinebene. „Da sind wir in Baden-Württemberg aber noch weit weg von“, betont Lang. Es könne sein, dass das Tier den Kreis bereits wieder verlassen habe. Denn ein Rüde auf Reviersuche, so Lang, könne am Tag bis zu 80 Kilometer zurücklegen.

Geht von dem Wolf eine Gefahr aus?

„Grund zur Sorge besteht immer, wenn sich ein Großraubtier in der Nähe aufhält“, konstatiert Rainer Hempelmann, Kreisjägermeister des Bezirks Kehl-Achern, im Gespräch mit unserer Redaktion. Übergriffe auf Weidetiere könne es dann immer geben. Besonders gefährlich werde es jedoch für Hunde beim Spazierengehen. „Hunde sind für Wölfe sowohl potenzielle Beutetiere als auch Konkurrenz“, so Hempelmann. Übergriffe auf Hunde habe es in Deutschland schon mehrfach gegeben.

Die FVA rät Haltern daher, ihre Hunde in Gebieten mit Wolfsvorkommen bei sich zu behalten und an der Leine zu führen. „Wölfe sind vorsichtige Tiere, die versuchen direkten Menschenkontakt zu minimieren“, heißt es in einem FVA-Flyer zum Thema. Komme es doch zu einer Begegnung, gelte es Abstand zu halten und mittels lautem Redens, Rufens oder Klatschens auf sich aufmerksam zu machen. Bleibt der Wolf, solle man sich weiterhin geräuschvoll aber langsam entfernen. Komme es zum unwahrscheinlichen Fall, dass sich ein Tier nähert, könne man mit Steinen oder Ästen werfen und das Tier so vertreiben.

Wie reagiert die Landwirtschaft?

„Die Weidehaltung ist in der Rheintalebene nicht so weit verbreitet“, erläuterte Klaus Dorner vom Badischen Bauernverband BLHV. Daher stelle sich die Situation nicht so bedrohlich dar, wie in den Schwarzwaldtälern – etwa Schutter- und Kinzigtal. Allerdings gebe es durchaus auch Mutterkuh-Haltungen in der Rheinebene, oder Betriebe mit Schafen und Ziegen. Deren Schutzmaßnahmen seien wahrscheinlich nicht so ausgeprägt, wie in den bekannten Wolfsgebieten. „Damit haben wir bislang noch nicht wirklich gerechnet“, konstatierte Dorner.

Nicht der erste Wolf

Im Ortenaukreis hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Wolfsnachweise gegeben – etwa durch Risse bei Nutztieren. Diese beschränkten sich in den allermeisten Fällen jedoch auf den Schwarzwald. So gibt es laut des Ortenauer Wildtierbeauftragten Maximilian Lang auch ein sesshaftes Tier, dass immer wieder in der nördlichen Ortenau auftaucht, da sein Revier an den Kreis grenzt – der „Hornisgrinde-Wolf“. Als sogenannte territoriale Wölfe gelten im Schwarzwald insgesamt drei Tiere. Einzelne Wolfsrisse hat es in der Vergangenheit in Wolfach und auch in Mühlenbach oder Oppenau gegeben. Ungewöhnlich sind Wolfsnachweise in der Rheinebene. Hier gab es bislang nur einen Fall eines durchreisenden Wolfs, der 2015 auf der Autobahn bei Mahlberg überfahren wurde. Der genetische Nachweis erbrachte damals, dass das Tier aus der Schweiz stammte.