Um den Wolf "GW852m" war es zuletzt sehr ruhig. Aber der Rüde ist noch da im Nordschwarzwald, wie zwei Rissnachweise in Baiersbronn belegen.
Kreis Freudenstadt - Unsere Redaktion befragte Hannah Weber, Wildtierökologin bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg mit Sitz in Freiburg.
Frau Weber, in den zurückliegenden Monaten gab es kaum Meldungen über Risse oder sonstige Spuren des Wolfs im Kreis. War das ein Corona-Effekt mit eingeengter Wahrnehmung oder war GW852m tatsächlich abgetaucht?
Nach wie vor gibt es regelmäßige Hinweise auf GW852m im Nordschwarzwald, zuletzt wurde er an einem am 23. Mai gerissenen Schaf auf dem Gebiet der Gemeinde Baiersbronn nachgewiesen. Bei einigen Nachweisen aus dem Nordschwarzwald war auf Grund der Probenqualität oder der Hinweisart wie Bildern aus "Fotofallen" keine Aussage zum Individuum möglich. Wir gehen jedoch davon aus, dass es sich auch bei diesen Nachweisen um GW852m handelt. Bei genetischen Spuren, die Umwelteinflüssen wie Regen ausgesetzt sind, ist es normal, dass die Probenqualität nicht gleichbleibend hoch ist und entsprechend nicht in allen Fällen eine Individualisierung erfolgreich ist.
Wie viele Risse von Nutztieren und andere Nachweise gab es zuletzt?
Sämtliche Ereignisse, bei denen nachweislich Nutztiere durch einen Wolf getötet werden, werden auf der Seite des Umweltministeriums Baden-Württemberg veröffentlicht. Der Übergriff auf Nutztiere durch GW852m betraf am 23. Mai ein Schaf auf dem Gebiet der Gemeinde Baiersbronn. Zuvor war am 27. April eine gerissene Ziege ebenfalls auf dem Gebiet der Gemeinde Baiersbronn aufgefunden werden. In diesem Fall reichte die Probenqualität nicht aus, um GW852m persönlich zu identifizieren. Es konnte lediglich festgestellt werden, dass der Riss durch einen Wolfs verursacht wurde.
Wovon ernähren sich Wölfe überwiegend, und wie viel Fleisch braucht so ein Rüde pro Tag?
Wölfe ernähren sich überwiegend von heimischem Huftieren. Rehe stehen dabei in der Regel an vorderster Stelle der Beutetiere. Pro Tag geht man von einem durchschnittlichen Bedarf von etwa drei Kilo Fleisch pro Wolf aus.
Mittlerweile tummeln sich nachweislich drei Wölfe im Schwarzwald. Ist damit zu rechnen, dass weitere Tiere kommen, um hier sesshaft zu werden?
Weite Teile Baden-Württemberg und insbesondere der Schwarzwald eignen sich sehr gut als Habitat für den Wolf. Junge Wölfe verlassen in der Regel im Alter von zehn bis 22 Monaten ihr Elternterritorium, um sich ein eigenes Territorium zu suchen. Dabei können sie mehrere hundert Kilometer zurücklegen. Die Ausbreitung ist also sehr dynamisch. Es ist damit zu rechnen, dass sich weitere Wölfe im Schwarzwald ansiedeln und es auch zur Reproduktion und somit zur Gründung von Rudeln kommen wird. Eine zeitliche Vorhersage dazu ist allerdings nicht möglich, da diese Entwicklung von zahlreichen Faktoren abhängt.
Wie muss man sich das als Laie vorstellen: Woher kommen sie, und leben die drei Rüden im Rudel oder als Einzelgänger mit jeweils eigenem Revier?
Wölfe leben stets im Familienverbund. Ein Rudel besteht aus den Elterntieren, einigen Jungtieren – das sind die Welpen vom Vorjahr – und den Welpen. Die drei im Schwarzwald ansässigen Wölfe sind allesamt Rüden, die sich auf der Suche nach einem eigenen Territorium hier niedergelassen haben. Aktuell leben die drei Tiere jeweils allein. Sollte sich ein weibliches Tier im jeweiligen Gebiet niederlassen, ist jedoch mit einer Rudelbildung zu rechnen.
Warum breitet sich der Wolf überhaupt aus? Rund 150 Jahre lang waren die Tiere in der Region ausgerottet.
Wölfe sind heutzutage umfassend geschützt. Dadurch, aber auch durch eine veränderte gesellschaftliche Einstellung, war es in den jüngsten Jahrzehnten möglich, dass Wölfe begannen, sich wieder in Deutschland auszubreiten. Ein vergleichbarer Prozess ist in vielen europäischen Ländern zu beobachten.
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Wie groß ist das Gebiet, dass die drei Wölfe durchstreifen?
Ein Territorium ist in der Regel etwa 250 Quadratkilometer groß.
Müssen sich Besucher im Wald Sorgen machen, plötzlich vor einem Wolf mit gefletschten Zähnen zu stehen?
Nein. In der Regel bekommt der Mensch den Wolf nur selten zu Gesicht. Wölfe sind, wie andere Wildtiere auch, vorsichtig und bemerken den Menschen in der Regel lange bevor der Mensch den Wolf bemerkt. Kommt es dennoch einmal zu Begegnungen, wird der Wolf sich in der Regel entfernen.
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Von Tierhaltern und aus der Öffentlichkeit kam zuletzt ebenfalls wenig Druck, die Ansiedlung der Raubtiere zu verhindern. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen oder täuscht das?
Die Erfahrung zeigt, dass sich die Aufregung um den Wolf in der Regel legt, sobald sich ein Tier länger in einem bestimmten Gebiet aufhält.
Dabei hatten anfangs selbst Politiker gefordert, den Wolf notfalls zu "entnehmen", wie ein Abschuss beschönigend im offiziellen Wortlaut bezeichnet wird. Hat sich der Nordschwarzwald also daran gewöhnt, wieder mit dem Wolf zu leben?
Der Wolfsrüde hält sich nachweislich seit 2017 im Nordschwarzwald auf und es scheint, dass hier eine Gewöhnung an die Anwesenheit des Wolfes stattfindet.