Bei einer Infoveranstaltung erfuhren die Kinzigtäler, wo sie am Wochenende medizinische Hilfe bekommen. Aber sie machten auch ihrem Ärger Luft.
Eine Mischung aus Resignation, Frust und Unverständnis begleitete den vorletzten Akt vor der Schließung der Wolfacher Notfallpraxis, zu dem die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) am Freitagabend in die Wolfacher Schlosshalle geladen hatte.
Das ist bisher passiert: Wie berichtet, hatte die KVBW vor rund einem Jahr bekannt gegeben, im Land 18 Notfallpraxen schließen zu wollen, darunter auch die in Wolfach. Während einige Standorte schon Anfang 2025 das letzte Mal öffneten, setzte die KVBW als Datum für das Ende der in Wolfach den 31. Oktober 2025 fest. Patienten aus dem Kinzigtal sollten ab diesem Zeitpunkt für eine hausärztliche Versorgung an Wochen-end- und Feiertagen die Notfallpraxen in Lahr, Freudenstadt oder Offenburg anvisieren oder telemedizinisch Angebote in Anspruch nehmen.
Trotz Widerstands seitens der Kommunen und Bürger hielt die KVBW an ihren Plänen fest, die am Freitagabend in der Infoveranstaltung mündeten. Bei dieser sollten die Kinzigtäler erfahren, an welche Stellen sie sich als Patienten ab Anfang November zukünftig zu wenden haben, wenn man am Wochenende oder an Feiertagen gesundheitliche Probleme hat.
Darum werden 18 Bereitschaftspraxen geschlossen: Zunächst ging Doris Reinhardt, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW, auf die Gründe ein, die zu den Schließungen der Notfallpraxen geführt hatten. Einer der Hauptursachen sei der demografische Wandel. „Es gibt immer mehr Ärzte, die älter als 60 Jahre alt sind. 21 Prozent sind mittlerweile schon über 65. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen zurück. Allein in Baden-Württemberg fehlen 1000 Hausärzte“, führte sie aus. Viele der älteren Ärzte würden ihre Praxen desweiteren an Angestelltenverhältnis gewesen. „Aber das bedeutet, dass es einen Mediziner geben muss, der diese beschäftigt und auch das unternehmerische Risiko auf sich nimmt, das damit einhergeht“, so Reinhardt. Langfristiges Ziel sei es, dass Baden-Württemberg Ärzte bekommt, die auf der Fläche unter der Woche zur Verfügung stehen.
Erreichbarkeit unter 45 Minuten: Trotz der Schließungen soll künftig eine Notfallpraxis innerhalb einer Anfahrtszeit von 45 Minuten von allen Standorten aus garantiert sei, auch im Kinzigtal. 95 Prozent der Patienten würden es sogar unter 30 Minuten schaffen. Eine Zwischenfrage, ob das auch für Menschen gelte, die kein Auto besitze, beantwortete Reinhardt damit, dass diese Erreichbarkeit aus gesetzlichen Gründen mit dem Transportmittel Auto berechnet würde, „und auf dem Land braucht man ein Auto auch für viele andere Dinge“, meinte die Vorstandsvorsitzende. Für Patienten, die keinen PKW nutzen könnten, gebe es auch noch die Option eines Hausbesuchs eines Arztes.
Längere Öffnungszeiten in Lahr, Offenburg und Freudenstadt: Auf Hinweis Sonntags ging Reinhardt auch auf Erfahrungen ein, die die KV bei der Schließung der Bereitschaftspraxen Anfang des Jahres bereits sammeln konnte. Bei den Praxen, auf die die Patienten ausweichen mussten, seien die Öffnungszeiten angepasst und mehr Ärzte eingesetzt worden. Auch in Lahr, seien beispielsweise 16 zusätzliche Arztstunden eingeplant, die Bereitschaftspraxen dort sowie die in Offenburg und Freudenstadt wären jeweils von 9 bis 19 Uhr geöffnet.
Auch Telemedizin soll die Lücke schließen: Desweiteren stünde auch der ärztliche Notdienst unter Telefon 116117 zur Verfügung. „Diese Nummer vermittelt alles, was nicht Aufgabe des Rettungsdienstes ist“, erklärte Reinhardt. Am Ende der Leitung säße ausgebildetes Fachpersonal, das gesetzlich verpflichtet sei, nach Schilderung der Symptome sowie Beschwerden eine erste medizinische Einschätzung zu tätigen und, wenn nötig, an einen Arzt zu vermitteln.
Das sagte der Bürgermeister: Wolfachs Bürgermeister Thomas Geppert zeigte sich resigniert, aber auch wütend. „Es fällt mir schwer, betroffen zu sein. Ich bin verärgert“, fasste er zusammen. „Das hier höre ich alles schon zum, sechsten Mal“, sagte er Bezug nehmend auf die vielen Gespräche, die kommunale Vertreter in vergangenen Jahr mit der KV geführt hatten und kritisierte vor allem deren Kommunikation. „Ich finde es gut, dass das heute diese Infoveranstaltung stattfindet“, stellte Geppert klar. „Aber 14 Tage vor der geplanten Schließung? Von Anfang an blieb die Kommunikation mit den Bürgern an den Kommunen hängen. Wir haben monatelang den Erklärbär gespielt“, sagte der Bürgermeister. Er hätte sich von Seiten der KV bei den Rahmenbedingungen mehr Flexibilität gewünscht, vor allem in Bezug auf den Schließungstermin. Das Ende der Wolfacher Notfallpraxis sei ein Paradebeispiel, dass man die kommunalen Interessen zwar erhöre, aber nicht berücksichtige.
Das sagte der Vorstand der Ortenau-Klinken: „Wir fragen uns, was auf uns zukommt“, fasste Claudia Bauer-Rabe, kaufmännische Vorständin des Ortenau-Klinkums, die Gedanken des medizinischen Personals zusammen. Sie versprach aber: „Wir werden unserer Verpflichtung der Gesundheitsversorgung weiter nachkommen. Wir sind für Sie da, 24 Stunden, sieben Tage.“ Aber die Schließung der Wolfacher Bereitschaftspraxis sei „erschütternd und ernüchternd, weil wir mehr für die Patientenversorgung tun sollten und weil wir wissen, dass Mehrarbeit auf uns zukommt.“
Das sagten die Bürger: Joachim Haller, Wolfacher Gemeinderat und Mitinitiator einer Unterschriftenaktion gegen die Schließung der Notfallpraxis, kritisierte: „Mir fehlt, dass man auf die Bedenken der Bürger eingegangen ist. Wir haben keinerlei Bewegung seitens der KV gesehen, es war alles von Anfang an in Stein gemeißelt.“ Eine Bürgerin bemängelte, dass der ärztliche Notdienst unter Telefon 116117 schwer zu erreichen sei: „Es dauert mehr als 30 Minuten bis man jemanden am Telefon hat.“ Ein anderer bezeichnete es als „Lottogewinn“, dort jemanden zu erreichen. Dem widersprach Reinhardt: „50 Prozent kommen innerhalb von drei Minuten durch, zehn Prozent in zehn Minuten.“ Sie empfahl, auf jeden Fall in der Leitung zu bleiben. Die Wolfacher Rätin Kordula Kovac, die eine Petition für eine aufschiebende Wirkung der Schließung veranlasst hat (wir berichteten), wurde Reinhardt gegenüber deutlich: „So geht man nicht mit der Bevölkerung um!“, befand sie. Kovac kritisierte den Zeitpunkt der Schließung, da gerade jetzt an einem neuen Gesetz für die Notfallversorgung gearbeitet werde. „Hätten Sie Verständnis gehabt, hätten Sie das abgewartet“, meinte Kovac. Auch fragte sie, was passiere, wenn der Petition statt gegeben werde und die Praxis schon geschlossen sei. Reinhardt entgegnete, dass sie ganz Baden-Württemberg im Blick haben müsse und die Notfallpraxen nicht schließe, um Geld zu sparen. „Wir müssen vorausschauend planen“, sagte sie.
„Bereitschaftspraxis“
Reinhardt und Kai Sonntag von der KV betonten, dass nicht die Notfallmedizin wegbreche, sondern die Bereitschaftspraxis geschlossen werde. Diese sei beispielsweise für hohes Fieber oder starke Halsschmerzen zuständig. „Alles, bei dem man am Wochenende gerne eine Hausarzt aufsuchen würde“, fasste Reinhardt zusammen. Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen sei weiterhin die 112 zu wählen oder eine Notaufnahme aufzusuchen.