Ballettlehrerin Ines Schneider hat ihre Schülerinnen schon lange nicht mehr gesehen.Foto: privat Foto: Schwarzwälder Bote

Interview: Ballettlehrerin spricht über das Wirrwarr im Lockdown und andere Formen von Unterricht

Wolfach. Ballettlehrerin Ines Schneider hat im Oktober vergangenen Jahres das letzte Mal ihre Schülerinnen vor Ort im Ballettsaal unterrichten können. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt die 26-Jährige ausgebildete Tanzpädagogin auf den Ballettunterricht unter Corona-Bedingungen zurück.

Frau Schneider, wie haben Sie das zurückliegende Jahr mit ihren Ballettschülerinnen erlebt?

Teilweise sehr frustrierend, gab es doch immer wieder neue Verordnungen zu beachten und in Hygienemaßnahmen umzusetzen und dann musste ich meine Ballettschule doch wieder schließen. Auf der anderen Seite habe ich viel Dankbarkeit seitens der Schülerinnen und der Eltern erfahren, dass ich alles probiert habe, um das Ballett- und Jazztanz-Angebot aufrechterhalten zu können, selbst wenn es zuletzt nur noch Online-Kurse waren. Für mich selbst ist die Corona-Krise natürlich auch geprägt von der Unsicherheit, wie es finanziell für mich weitergeht.

Andernorts durften die Ballettschulen im Lockdown offen bleiben – wie war das in Wolfach beziehungsweise Villingen?

Diese Frage hat mich und meine Kollegen stark umgetrieben. Musik- und Kunstschulen durften ja offenbleiben und wenn diese im Angebot Tanz hatten, durften sie es weiter anbieten. Manche Kollegen sind mit ihren Ballettschulen auf die Barrikaden gegangen, ich habe mich mit eigentlich schlüssigen Argumenten bei den Ordnungsämtern in Villingen und Wolfach um eine Offenhaltung bemüht. Vom Finanzamt werden wir Ballettschulen als "berufsvorbereitend" eingestuft und auch die Regierungspräsidien teilen diese Einschätzung. Ministerin Eisenmann hat uns mit einem Brief bestätigt, dass wir als "Kunstschule" gelten. Das alles hat die Ordnungsämter in Villingen und Wolfach aber nicht interessiert, meine Ballettschule wurde dem Bereich "Freizeit und Sport" zugeordnet und im Lockdown geschlossen.

Zu ihrem Online-Angebot: Wie fühlt es sich an, vor einer Kamera zu tanzen?

Da ich im Studio keine Internetverbindung habe, muss ich die Kurse aus dem heimischen Wohnzimmer machen. Anfänglich habe ich mich dagegen gesträubt, die Atmosphäre ist gänzlich anders, ich bekomme wenig Rückmeldung von den Schülerinnen und sie sehen mich ja auch nur als kleine Figur auf dem Bildschirm.

Im Fernunterricht schauen die Lehrer ja oft auf schwarze Bildschirme. Wie ist das beim Online-Ballettunterricht?

Die Erwachsenen in den Jazztanz-Gruppen haben ihre Kamera nicht an, bei den jüngeren Ballettschülerinnen wollen nur wenige nicht gesehen werden. Es ist für mich natürlich schöner, wenn ich meine Gegenüber sehe.

Im Präsenz-Unterricht legen Sie viel Wert korrekte Ballett-Kleidung. Wie sah das jetzt in den Kinderzimmern aus?

Viele haben sich für die eine Stunde Ballettunterricht in der Woche tatsächlich "richtig" umgezogen, aber wenn ein Kind in bequemer Sportkleidung mitgemacht hat, habe ich da nicht viel gesagt, das hätte ja nur die Videokonferenz verzögert. Im Kinderzimmer sind die Kinder aber viel abgelenkter durch die Umgebung, da müsste ich oft strenger sein, das geht online nur bedingt.

Können Sie in den Videokonferenzen individuelle Korrekturen vornehmen?

Generell fehlt das Körperliche, ich kann die Kinder nicht "in die Bewegung reindrücken" wie im normalen Unterricht, auf Dauer ist Online keine Lösung. Und das Zwischenmenschliche kommt auch viel zu kurz, mein Unterricht besteht ja nicht nur aus Tanz, mir fehlen ganz besonders die Gespräche mit den Kindern, wenn sie in den Ballettsaal kommen und ihrer Ballettlehrerin von ihrer Woche berichten. Umso mehr freue ich mich, wenn es wieder losgehen darf.

Was würden Sie Eltern einer vierjährigen Tochter empfehlen, die sich für Ballett interessiert?

Aus den schon genannten Gründen würde ich damit warten, bis wieder richtiger Ballettunterricht möglich sein kann.

Wie halten Sie sich persönlich fit?

Danke der Nachfrage. Die Online-Kurse waren viel fordernder als der normale Unterricht, da ich ständig mit- beziehungsweise vormachen muss.

Ohne Covid-19 läge jetzt die erste von Ihnen choreographierte Ballettaufführung hinter ihren Schülerinnen. Wie sieht der vorsichtige Plan für 2021/22 aus?

Mit der Übernahme der Ballettschule von meiner Vorgängerin Isgard Mader hatte ich den Termin 8. Januar 2020 quasi schon gebucht gehabt. Mit dem ersten Lockdown im Frühjahr habe ich mich schweren Herzens entschieden, den Termin abzusagen, da ja so ein Stück viel zeitlichen Vorlauf braucht. Ich plane jetzt vorsichtig für 2022 die Aufführung von "Mary Poppins" und werde die unterrichtsfreie Zeit zur Sichtung der Musik und so weiter nutzen.

 Fragen: Matthias Dorn

Der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik (DBfT) sieht in einem offenen Brief, der auf seiner Internetseite veröffentlicht wurde, im künstlerischen Tanz keinen Kontaktsport. Die Abstände könnten perfekt eingehalten werden, der Sektor sei "definitiv kein Treiber der Pandemie". Weiter heißt es: "Als Folge könnte die flächendeckende künstlerische Vorausbildung, die fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist, nicht mehr aufrechterhalten werden."

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