„Junge Wölfe sind oft neugierig, wie unsere Hunde“, sagt der Wildtier-Experte Bernd Nonnenmacher. „Das ist aber nicht gefährlich.“ Foto: Christian Charisius/dpa/Nonnenmacher

Der Ex-Rottenburger Bernd Nonnenmacher, Geschäftsführer des „Alternativen Wolf- und Bärenparks Schwarzwald“ kritisiert das neue Gesetz, das Wölfe ins Jagdrecht aufnimmt.

Wenn die Ausflugs-Saison beginnt, zieht es Wanderer massenhaft auf die Schwäbische Alb oder in den Schwarzwald. Im Nationalpark Nordschwarzwald wittern manche eine besondere Ausflugsattraktion: einen freilebenden Wolf. Ein etwa vierjähriger Wolfsrüde, dem die Wissenschaftler den Namen „GW2672m“ gegeben haben und der es unter dem Namen „Hornisgrinden-Wolf“ zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat, hat im Hochschwarzwald sein Revier gefunden. Seither fürchten Experten den „Wolfstourismus“. Auch Bernd Nonnenmacher hat wenig Verständnis dafür, dass Leute teils respektlos in die Tiefen des Nationalparks vordringen und riskante Situationen provozieren. „Junge Wölfe sind oft neugierig, wie unsere Hunde“, sagt Nonnenmacher. „Das ist aber nicht gefährlich.“ Kann jedoch dazu führen, dass der Wolf sich nähert. Zumal wenn in der Wandergruppe noch eine Hündin mitläuft …

 

So entstehen Situationen, die im vergangenen Jahr die unselige und unglücklich gemanagte Eskalation um den Hornisgrinden-Wolf provoziert haben. Es kam zu „Begegnungen“ mit dem Wolf. Allerdings hauptsächlich, weil der Mensch dem Wolf im Nationalpark nahe kam. „Es ist ja nicht so, dass der Wolf in Freudenstadt oder Baden-Baden aufgetaucht ist“, sagt Nonnenmacher. „Sein Habitat ist im Naturpark. Sein Verhalten war nicht gefährlich.“ Allein aus der Sichtung eines Wolfs entstehe noch keine Gefahr. „Sie sehen jeden Tag Autos – ohne dass sie von ihnen überfahren werden.“

Nonnenmacher lebte viele Jahre in Rottenburg, wohnt mittlerweile wieder in Hirschau und ist ehrenamtlicher Geschäftsführer der „Stiftung für Bären – Wildtier- und Artenschutz“ sowie Geschäftsführer der beiden Tierschutzprojekte der Stiftung, dem Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald in Bad Rippoldsau-Schapbach und dem Alternativen Bärenpark im thüringischen Worbis. Im Schapbacher Wolfs- und Bärenpark leben – neben Bären und Luchsen – derzeit drei Wölfinnen und ein Wolf, in Worbis sind zwei Wolfshybride, also Wolf-Hund-Mischlinge, die aus illegaler Privathaltung gerettet wurden.

„Das Thema wird zu emotional diskutiert“

Soll man Wölfe abschießen dürfen? Über diese Frage wird umso heftiger diskutiert, je mehr Wölfe sich in den Waldgebieten in Deutschland ausbreiten. Das Thema, kritisiert Nonnenmacher, werde viel zu emotional diskutiert, und zwar von allen Seiten, ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse und die Erfahrungen, die man aus der Beobachtung der Natur machen kann. Wenig sach- und praxisorientiert sei das neue Bundesgesetz, das den Wolf ins Jagdrecht aufnimmt: Vom 1. Juli bis 31. Oktober dürfen Wölfe unter bestimmten Voraussetzungen gejagt werden. Näheres regeln die Landesgesetze. Für Nonnenmacher ist dieses Gesetz purer „Aktionismus, der so keinen Sinn macht“.

Wolfspopulationen bewohnen das Gebiet, das von den tschechischen Mittelgebirgen und Polen bis in die Niederlande reicht. Das Revier eines Wolfsrudels erstreckt sich über 100 bis 250 Quadratkilometer. Kleinteilige Regelungen auf Landesebene machten da überhaupt keinen Sinn, sagt Nonnenmacher. „Man muss die Wanderbewegungen, Habitate und Individuen anschauen. Sonst läuft das Gesetz ins Leere.“ Zudem heißt es in dem Gesetz: Wölfe dürfen geschossen werden, wenn es in der Region einen „günstigen Erhaltungszustand“ gibt. Ein „schwammiger Begriff“, der nichts aussagt, findet Nonnenmacher. Denn über dem Bundesgesetz stehen nach wie vor die FFH-Richtlinien. Und nach diesen ist der Wolf ein geschütztes Tier, das im Normalfall nicht gejagt werden darf.

Wie funktioniert Herdenschutz?

Zudem werde in Deutschland viel zu wenig wissenschaftliche Begleitforschung gemacht, sagt Nonnenmacher. Wölfe besendern, Populationsentwicklungen verfolgen, Tierrisse einzelnen Tieren zuordnen und vor allem: Bei der Frage des Abschusses Einzelfälle betrachten.

Während in Baden-Württemberg eine gewisse Wolfshysterie vorherrscht, obwohl hier bislang nur vier Einzelrüden im Schwarzwald leben, gingen viele Landwirte in Brandenburg mittlerweile recht pragmatisch mit dem Wildtier um, sagt Nonnenmacher. Sie schützen ihre Nutztiere mit hohen Zäunen, setzen Herdenschutzhunde ein. So lernen die Wölfe, die dort ihr Revier haben, dass die Jagd auf Schafe nur geringe Erfolgsaussichten hat. Sie jagen stattdessen Rehe im Wald – und halten gleichzeitig durchziehende Einzel-Wölfe fern. Von diesen Einzel-Wölfen auf Wanderschaft gehe die größte Gefahr für Tierrisse aus, sagt Nonnenmacher.

Männliche Nachkommen müssen das Rudel verlassen

Ein Rudel besteht aus der Wolfsmutter, dem Vater und dem Wurf. Männliche Nachkommen verlassen in der Regel das Rudel, wenn sie im Alter von knapp zwei Jahren geschlechtsreif sind. Sie müssen sich ein eigenes, freies Revier suchen. Betreten sie ein Revier, das schon belegt ist, verteidigt das Stamm-Rudel sein Revier bis aufs Blut. Nonnenmacher: „Viele Schäfer in Brandenburg sagen deshalb mittlerweile: ,Mein Heimat-Wolfsrudel ist mein bester Herdenschutz!’“

Dabei findet auch Nonnenmacher: „Man muss über den Abschuss von einzelnen Tieren reden dürfen. Dann muss man aber seine Hausaufgaben gemacht haben.“ Das wahllose Jagen von Wölfen sei keine Lösung. „Die Natur reagiert darauf.“ Zum Beispiel indem die Wölfe mehr Nachwuchs zeugen. „Dann hat man neun statt zwei bis drei Welpen in einem Wurf.“ Und wenn die Fähe geschossen wird, die das Wolfsrudel zusammenhält, zerschlage das die geordnete Rudel-Struktur und die Schäden werden meist noch größer.

Und was ist nun mit dem Hornisgrinden-Wolf? Der war per Ausnahmegenehmigung zum Abschuss freigegeben. Diese Entscheidung des Grünen Umweltministeriums, die vom Verwaltungsgerichtshof bestätigt wurde, kann Nonnenmacher nicht nachvollziehen. Von dem Wolf sei keine Gefahr ausgegangen. Er hält es für eine politische Entscheidung vor der letzten Landtagswahl. Allerdings: Den Jägern ist es nicht gelungen, den Wolf während der Ranzzeit zu erlegen. Die ist nun vorbei – und damit ist auch die Ausnahmegenehmigung erloschen.

Auf ihrer Homepage bitten die Verantwortlichen des Nationalparks Schwarzwald Besucher inständig darum, keinen Wolfstourismus zu betreiben und sich an die Regeln im Nationalpark zu halten. Besucher sollen, falls sie den Wolf sehen, unbedingt mindestens 30 Meter Abstand wahren, dem Tier nicht nachstellen, es nicht anlocken und keinesfalls füttern. Hunde müssen angeleint bleiben. Wer sich nicht an die Regeln hält, riskiert Strafen bis zu 10.000 Euro.

Ein Nationalpark ist kein Freizeitpark

„Man muss sich klar sein, wozu ein Nationalpark da ist“, sagt Nonnenmacher. Er sei kein Freizeitpark für abenteuerlustige Wanderer. Der Park soll unter anderem Wildtieren Lebensraum bieten. Das bedeutet, dass der Mensch sich zurücknehmen müsse. Die Nähe zu Menschen sei für Wildtiere gefährlich, weil das unweigerlich zu gefährlichen Situationen führen kann. Nonnenmacher: „Ein gefütterter Bär ist ein toter Bär. Das gilt auch für Wölfe.“

„Ein gefütterter Bär ist ein toter Bär. Das gilt auch für Wölfe“

Und das Schlimmste, was Wildtieren geschehen kann, ist Gefangenschaft. So wie es der Bärin Gaia ergeht. Sie ist in freier Wildbahn im Trentino aufgewachsen. 2023 tötete sie dort einen Jogger. Wegen ihres aggressiven Verhaltens gegen Menschen wurde sie erst zum Abschuss freigegeben. Tierschützer klagten dagegen, mit Erfolg. Das höchste italienische Gericht entschied: Sie soll lebend gefangen werden. 2025 wurde sie in den Bärenpark nach Bad Rippoldsau gebracht. „17 Jahre lang lebte sie in völliger Freiheit“, sagt Nonnemacher. Jetzt muss sie in einem ein Hektar großen Gehege leben. Das Team beobachtet die Bärin rund um die Uhr mit Kameras. „Sie leidet – jeden Tag“, sagt Nonnenmacher und findet: Ein Abschuss wäre für Gaia der gnädigere Weg gewesen. Das wurde aber per Gericht verboten. So entschieden Nonnenmacher und sein Team, die Bärin aufzunehmen. Sie gaben ihr einen neuen Namen (Luna). Es werde aber noch lange dauern, bis sie sich an das Leben in Gefangenschaft gewöhnt habe.

„Hands off“ – Keine Bindung an Menschen

In den Wildtierparks
der „Stiftung für Bären – Wildtier und Artenschutz“ in Bad Rippoldsau-Schapbach und Worbis verfolgt die Stiftung generell die sogenannte „Hands off“-Strategie: Die Tiere dort sollen keine Beziehung zu den Mitarbeitern aufbauen.

Die Parks nehmen Tiere auf
, die aus schlechter Haltung (etwa in Tierparks oder Zirkussen) stammen. Das Schicksal der Tiere ist auf der Homepage der Tierschutzprojekte dokumentiert.