Seit Herbst steigen die Zahlen dramatisch: Immer mehr Jugendliche, die ohne Erwachsene oder Eltern in Richtung Europa fliehen, kommen in der Ortenau an. Der Kreis sucht Wohnraum und wendet sich mit einem dringenden Appell an die Bürger.
40 unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) – so die Bezeichnung in der Verwaltungssprache – aus arabischen und afrikanischen Herkunftsländern leben laut Landratsamt aktuell im Ortenaukreis. Die Jugendlichen, die derzeit ankommen, sind zwischen 14 und 17 Jahren alt, berichtet Jugendamtsleiterin Melanie Maulbetsch-Heid unserer Redaktion. Hinter ihnen liegen Strapazen und Entbehrungen. „Die Jugendlichen haben meist eine Flucht von mindestens einem Jahr erlebt, bis sie in Deutschland ankommen“, weiß Maulbetsch-Heid. Die meisten stammen aus Syrien und Afghanistan.
Nach der langen Flucht sei der Wunsch nach Schutz und Ruhe groß. „Sie möchten in die Schule gehen, Deutsch lernen und eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt haben, um ein selbstständiges und unabhängiges Leben führen zu können“, so die Amtsleiterin. Damit die jungen Menschen in der Ortenau ankommen können, braucht es unter anderem Wohnraum – der ist rar. Das Problem wird verschärft, weil immer mehr junge Menschen Schutz in der Ortenau suchen.
„Die Zahlen haben sich zuletzt fast verdreifacht“, konstatierte Sozialdezernent Heiko Faller in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Im vergangenen Oktober, November und Dezember kamen laut Landratsamt jeweils 70 junge Menschen an, für die der Kreis eine Unterkunft und eine adäquate Betreuung bereitstellen musste. Im aktuellen Jahr rechnet die Verwaltung mit ähnlich hohen Flüchtlingszahlen. „Die Kapazitätsgrenze ist fast erreicht, wir brauchen dringend neue Räumlichkeiten und Betreuungsmöglichkeiten“, mahnte Faller.
Bedürfnis nach Schutz und Ruhe ist groß
„Wir suchen aktuell große Wohnungen oder Häuser, die mindestens fünf Zimmer haben. Zudem sollten eine Küche sowie Sanitärräume mit Dusche und WC vorhanden sein“, erläutert Maulbetsch-Heidt. „Wir bitten alle Menschen, die im Ortenaukreis solche Immobilien zur Verfügung haben, herzlich um Mithilfe, damit wir den jungen geflüchteten Menschen Schutz und Perspektiven bieten können.“ Die Mietkosten im ortsüblichen Rahmen werden durch die Jugendhilfe übernommen.
„Die Betreuung der unbegleiteten Jugendlichen besteht aktuell darin, dass von Montag bis Samstag zwischen drei und sechs Stunden am Tag eine pädagogische Betreuung – meist zwei Personen – vor Ort ist“, berichtet die Jugendamtsleiterin. Am Wochenende sei vorgesehen, dass zwischen zwei und drei Stunden eine Betreuung vor Ort ist. Ergänzend hierzu gebe es eine Rufbereitschaft, an der sich die Jugendlichen wen könnten. Zudem sei rund um die Uhr eine Sicherheitskraft vor Ort.
Zwölf der unbegleiteten Jugendlichen wohnen wie geschildert. „Die restlichen 28 leben in Wohngruppen, in welchen zwischen 18 und 24 Stunden eine pädagogische Betreuung präsent ist. Weitere UMAs leben in Familien, bei Freunden oder Bekannten“, erläutert Maulbetsch-Heidt. Die Betreuung übe mit den jungen Menschen vor allem Themen der Alltagsorganisation. Zudem sind die Fachkräfte Ansprechpartner in allen Themen rund um das Zusammenleben und auch persönlicher Natur.
Erfahrungen bisher „durchweg positiv“
Die Erfahrungen mit den Wohngruppen seien durchweg positiv. „Die Zusammenarbeit gestaltet sich offen und vertraut, trotz Sprachbarrieren, und wir nehmen eine Dankbarkeit für die Unterstützung wahr.“ Das Zusammenleben unter den Jugendlichen verlaufe friedvoll. „Da sie sich eine Perspektive in Deutschland wünschen, wird Bildung und der Besuch einer Schule von ihnen in der Regel als sehr wichtig erachtet, um sich diese Perspektive aufbauen zu können.“
Immobilienangebote
Wer Immobilien für die Unterbringung minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge zur Verfügung stellen möchte, kann sich an das Ortenauer Jugendamt wenden. Immobilienangebote nimmt Benjamin Frei, Jugendhilfeplaner des Jugendamtes, unter Telefon 0781/8 05 62 72 oder per E-Mail an benjamin.frei@ortenaukreis.de entgegen.