Andrea Hildwein (links) und Ute Liemert stehen vor dem prächtigen Christbaum im lichtdurchfluteten Atrium. Foto: Maute

Im Mehrgenerationen-Wohnhaus „erlebnisreich wohnen“ in Balingen leben Menschen aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten unter einem Dach.

Der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Miteinander – er ist nicht zeitgebunden, sondern ein immerwährender. Rund um das Weihnachtsfest gewinnen diese Begriffe allerdings besonders an Bedeutung. Denn die Momente, die diese besinnliche Zeit mit sich bringt, möchten viele gerne mit anderen teilen. Manchmal ist Begegnung allerdings nicht in der Form möglich, in der man sie sich wünschen würde.

 

Anders ist das im Mehrgenerationen-Wohnhaus „erlebnisreich wohnen“ in Balingen. Schon beim Betreten spürt man: Hier hat Einsamkeit keine Chance. Auf einem Tisch im Atrium liegen sorgfältig aufgereiht liebevoll gefertigte Adventskalender. Jeder einzelne von ihnen ist mit einem Namensschild versehen. „Eine Bewohnerin hat sie für alle gebastelt“, erzählt Andrea Hildwein, Mitbegründerin des Mehrgenerationen-Hauses und zweite Vorsitzende des Vereins Generationen Netz Balingen.

„Miteinander statt einsam“

Lebhaft kann man sich vorstellen, wie auf der gemütlichen Sitzgruppe angeregt geplaudert wird, während auf dem Klavier weihnachtliche Weisen erklingen und sich die Kinder in der Spielecke beschäftigen. Alleine sein muss hier niemand. Und wer zwischendurch mal das Bedürfnis nach Ruhe verspürt, zieht sich einfach in seine Wohnung zurück. Ein Projekt, das gemeinsames Wohnen ermöglicht – mit diesem Gedanken haben sich Andrea Hildwein und ihr Mann, Walter Baumann, schon lange getragen. Zusammen mit einer Freundesgruppe, die sich Lustig+ nannte und zu der auch Ute Liemert (Geschäftsführerin des Mehrgenerationen-Wohnhauses „erlebnisreich wohnen“ und Vorsitzende des Generationen Netz Balingen) gehörte, haben sie sich deshalb vor über zehn Jahren auf die Suche nach Gleichgesinnten gemacht, die sich ebenfalls für diese Idee begeistern können. Und das waren, wie bei einer Veranstaltung in der Stadthalle Balingen deutlich wurde, eine ganze Menge. „180 Leute sind damals gekommen“, erinnert sich Ute Liemert. 90 von ihnen haben auf den ausgelegten Zetteln ihre Kontaktdaten hinterlassen - mit dem Interesse, die Idee weiterzuverfolgen. Hieraus entstand dann der gemeinnützige Verein Generationen Netz Balingen, der sich unter dem Motto „Miteinander statt einsam“ aktiv in verschiedenen Bereichen wie Begegnung, Wohnen und Versorgung von Mitgliedern engagiert.

Jung und Alt

Statt sich ausschließlich auf gemeinsames Wohnen im Alter zu konzentrieren, sei schnell klar geworden, dass es ein Mehrgenerationen-Projekt werden soll. Ein Haus, das Jung und Alt unter einem Dach vereint. Ab dem Jahr 2014 wurde dann geplant. Regelmäßig traf sich ein Kreis von etwa 20 Interessenten, die sich zusammentaten, um die Wohn(t)räume Gestalt annehmen zu lassen. „Wir haben uns damals verschiedene Projekte in der Umgebung angeschaut und sogar ein Haus aus Papier gebaut“, blickt Ute Liemert zurück.

Bei der Frage, wie dieses aussehen soll, war allen ein Punkt besonders wichtig: „Man soll aus der Haustüre kommen und unter Freunden sein.“ Als Vorbild diente dabei ein bereits bestehendes Mehrgenerationen-Wohnhaus in Herrenberg, das bewusst als „Atriumhaus“ gebaut wurde „und unter dessen Dach man sich sowohl im Sommer als auch im Winter treffen kann“, wie Andrea Hildwein verdeutlicht. Auch das passende Grundstück in Balingen war zwischenzeitlich gefunden. Das Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei bot ideale Voraussetzungen, um das Projekt zu verwirklichen.

Einzug im Jahr 2021

Im April 2021 war es dann so weit. In das Mehrgenerationen-Wohnhaus „erlebnisreich wohnen“ mit 28 abgeschlossenen Wohneinheiten in der Größe von zirka 35 Quadratmetern für Einzelpersonen bis zirka 100 Quadratmetern für Familien konnten die ersten Bewohnerinnen und Bewohner einziehen. Gemäß der Intention, Begegnung zwischen den Generationen zu ermöglichen, sind die Wohnungen größenmäßig gemischt auf die Stockwerke verteilt, sodass junge Familien und alleinstehende, teils ältere Personen Tür an Tür wohnen. Vom Kleinkind bis zur 87-jährigen Seniorin leben heute Menschen aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten im Haus. Dank Barrierefreiheit sind die Räume für jede und jeden problemlos erreichbar.

Kommanditanteil

Im Unterschied zu anderen Projekten wird eine Wohnung hier nicht unmittelbar erworben. Wer sich am Projekt beteiligen möchte, erwirbt stattdessen einen Kommanditanteil (Kapitalanteil), der veräußerbar und vererbbar ist – und mit diesem ein Wohnrecht. Auch Mieter können so Teil der Gemeinschaft werden. Wer einziehen darf, entscheiden die Hausbewohner gemeinsam. Auch alle anfallenden Aufgaben wie etwa Gartenpflege, Hausmeisterarbeiten und Hausreinigung werden gemeinschaftlich übernommen. Das schweißt nicht nur zusammen. Durch die Selbstverwaltung können auch Kosten reduziert werden.

Vielfältige Aktivitäten

Begleitet wird der Alltag im Wohnprojekt von vielfältigen Aktivitäten. So gibt es etwa einen Frühstückstreff, Gartentage oder gemeinsames Kochen. Das Tischkickerturnier, Grillfeste im Sommer und die Silvesterparty gehören ebenso dazu. Alle haben dabei die Möglichkeit, ihre jeweiligen Talente und Ideen einfließen zu lassen und bereichern dadurch die Gemeinschaft. Auch das Weihnachtsfest werden alle, die gerne möchten, hier gemeinsam feiern. Denn im Mehrgenerationen-Haus muss niemand alleine bleiben.