Das Architektenhaus an der Alten Weinsteige in Stuttgart (li.). Blick in den offenen Ess- und Küchenbereich mit Schiebetür zur Terrasse. Foto: Zooey Braun

Die Stuttgarter Architektenvilla an der Alten Weinsteige war Drehort für einen „Tatort“-Fernsehkrimi. Der markante Betonbau ist in der Realität auch absolut sehenswert. Ein Besuch.

„Fassen Sie die Rinde an, das bringt Glück“, sagt Reiner X. Sedelmeier bei einem Gang durch den sehr steilen Garten seines Hauses an der Alten Weinsteige in Stuttgart, bei dem er auch die von ihm kreierten kleinen Steinskulpturen zeigt. Faserig, trocken, warm fühlt sie sich an, diese rotbraune Rinde.

 

Und, ja, Glück ist immer gut, und Bäume berühren wirkt sich auf jeden Fall wohltuend aufs Befinden aus. Wobei man beim Gang um das nun auch wegen eines Fernsehauftritts im Stuttgarter „Tatort“-Krimi („Überlebe wenigstens bis morgen“) berühmte Haus und auch in seinem Inneren sowieso schon Glücksgefühle bekommt.

Das Stuttgarter Haus ist ein TV-Star aus dem „Tatort“-Krimi

Der Baum steht wie ein sehr großer haariger Soldat Wache neben dem vergleichsweise zarten und beinahe zu schweben scheinenden Gebäude. Das Haus Sedelmeier ist eines, das jeder schon vor dem Krimi kannte, wenn er durch die Stadt flaniert und nach oben geschaut hat. Es reiht sich ein zwischen ein Jugendstilhaus und einen Flachdachbau aus der Nachkriegszeit, hinter ihm brutalistische Terrassenhäuser.

Weithin erkennbar ist das Haus wegen des hoch aufragenden Baumes und wegen der klaren geometrischen Struktur. Der breite Beton-Aufzugs-Turm parallel zum Baum, die verglaste Front horizontal darüber, die Proportionen: spannungsvoll. Es ist eines der gestalterisch herausragenden Einfamilienhäuser, die nach dem Zweiten Krieg in Stuttgart entstanden sind. Und zumindest unter jenen, die das Stadtbild prägen, das überzeugendste.

Wie aber lebt es sich dort? Fühlt man sich acht Meter über dem Boden schwebend wohl? Hält so ein Entwurf sich ändernden Wohnbedürfnissen stand? Der Bauherr ist Künstler und Designer, und wie das Glück will, hat er gerade ein bisschen Muße, eine Zeitungsredakteurin durchs Haus zu führen und zu zeigen, wie sich das Haus hält: „Die Wohnqualität ist ungebrochen großartig. Und in zwanzig Jahren musste ich nichts machen“, sagt er. Und das nicht aus Faulheit, sondern weil der Entwurf so kühn wie zeitlos und der Beton gut ist.

Wie lebt es sich im Haus aus Beton an der Alten Weinsteige in Stuttgart?

Der Stuttgarter Bauherr Reiner Xaver Sedelmeier sagt: „Die Wohnqualität ist ungebrochen großartig.“ Foto: privat

Schon der Zugang ist spektakulär. Wer am Eingang steht, kann entweder die unregelmäßig gesetzten Steinplatten am Steilhang hinaufsteigen – oder das Klingelschild am Betonturm drücken. Der sich dann öffnende Aufzug befördert einen nach wenigen Sekunden Fahrt direkt ins Haus, voilà: das Wohnzimmer.

Zu sehen ist da ein langer Tisch mit Designerstühlen, eine Couch und großformatige Kunst an der nackten Betonwand. Außerdem ein holzvertäfelter Kubus, hinter dem sich Stauraum verbirgt. „Ich habe viele Bücher“, sagt der Bauherr, „aber die möchte ich nicht dauernd sehen. Der Wohnraum soll ein entspannender Ort sein.“

Kürzlich, als die Leute vom Fernsehen da waren, räumten sie die wenigen Möbel weg, verlegten Schienen auf dem Boden für die Kameras; eine Psychologin hatte im Haus Sedelmeier ihr Büro. Wie es zum TV-Aufritt des Hauses kam? „Ich habe eine Anfrage von einem Scout bekommen, ob in meinem Haus gedreht werden könnte. Ich sagte ja, warum nicht. Aber ich will keine Leiche in meinem Haus“, berichtet der Bauherr.

Besuchergruppen klingeln am Haus Sedelmeier in Stuttgart

Auch sonst bekommt er gelegentlich Besuch, von Architekturstudierenden, die klingeln, von Gruppen, denen Stuttgarts besondere Bauten gezeigt werden. „Beton ist ja nicht jedermanns Sache und was mich besonders freut, auch ältere Menschen sind begeistert.“

Der Alltag ist nach der „Tatort“-Aufregung wieder eingekehrt und mit ihm im Winter auch ein Umzug eines Möbels: „Im Winter haben wir hier unseren Essbereich“, sagt der Hausherr, im Sommer spielt sich das Leben hinten ab, dann stellen wir den Tisch und die Stühle wieder nach hinten in die Küche.

Was immer da steht neben der sich nach oben verjüngenden Säule, die wie eine Nadel vom Boden bis zur Decke reicht: zwei kubische Ledersessel, die Redakteurin darf Platz nehmen. „Hier ist mein morgendlicher Leseplatz der ,Stuttgarter Zeitung’“, sagt Sedelmeier. Was als großes Kompliment zu verstehen ist, denn mit dieser Aussicht auf Stuttgart mit geschriebenem Wort konkurrieren zu können, das ist schon etwas.

Der Mammutbaum ist Teil der Gestaltung des Hauses

Der dreieinhalb Meter hohe Raum ist komplett offen, zoniert von einem eingeschobenen raumhohen Möbel. „Das war mir besonders wichtig, dass der Raum großzügig und luftig wirkt“, sagt der Bauherr. Auf der Wohnzimmerseite verbirgt sich hinter dem Kubus – und in ihm – Stauraum für Kunstbände. Auf der anderen Seite beherbergt er Küchenschrankeinbauten samt Gerätschaften. In seinem Inneren befindet sich das Gäste-WC. An der Baumseite entlang sind Schlaf- und Badezimmer angeordnet. Der Baum berührt die halbdurchsichtigen Fenster und bietet aparte Schattenspiele.

Blick ins Stuttgarter Haus: Bad mit Blick auf den Mammutbaum. Foto: Zooey Braun

„Der Baum ist ein wichtiger Bestandteil der Gestaltung“, sagt der Architekt Gunter Schulz. Er hätte aber beinahe auch verhindert, dass das Haus auf dem bis dahin unbebauten Terrain entstehen konnte. Er ist ein Naturdenkmal, der Entwurf fürs Haus entsprechend knifflig. „Daher haben wir das Haus auf Stützen gestellt. Wir berühren das Erdreich nur punktuell. Zudem haben wir ein umgekehrtes Dachsystem entworfen. Wenn es auf das Haus regnet, wird das Wasser unvermindert unters Haus geleitet, damit der Baum von dem Wasser profitiert.“

6 Daten zum Haus Sedelmeier in Stuttgart

  • Der Architekt des Hauses ist Gunter Schulz von W67 Architekten
  • Das Baujahr ist 2006
  • Die Bauzeit betrug rund ein Jahr
  • Wohnfläche: rund 200 Quadratmeter, 90 Quadratmeter Dachterrasse
  • Beton ist das hauptsächliche Baumaterial
  • Auszeichnungen: „Beispielhaftes Bauen 2008“ der Architektenkammer, Lobende Erwähnung für den „Architekturpreis Zukunft Wohnen 2007“, Anerkennung „Architekturpreis Beton 2008“

In Richtung hinterer Garten findet sich die Küche samt Kochinsel (heute fast schon Standard, vor 20 Jahren richtig innovativ). „Hier leben wir im Sommer. Wenn alles grün ist und blüht, ist auch von den Nachbarhäusern rundum nichts mehr zu sehen.“ Auch das Fenster im benachbarten Gästezimmer bietet einen Blick aufs Gartengrün. Ein Raum samt angeschlossenem kleinen Badezimmer – vor zwölf Jahren umgewandelt in ein Kinderzimmer mit Bad. Aus einer coolen Betonvilla für einen einzelnen Herrn wurde eine coole Betonvilla für eine kleine Familie.

„Ich schätze die Bauhaus-Architektur und ich wollte alles, schlicht und schnörkellos“, sagt der Bauherr heute über seine Wünsche, die er damals an den Stuttgarter Architekten Gunter Schulz von W67 Architekten richtete (was nicht heißt, dass er keinen Humor hätte: Ein Bild eines Gorillas empfängt die Besucher des Gäste-WCs). Die schwebenden Treppenstufen, die ins Obergeschoss führen, kamen selbstredend ohne Handlauf aus. Mit Kind wird vieles anders, und den Handlauf, den es heute gibt, hält das Haus gut aus.

Ein Tiny House im Haus

Auch das eingebaute Tiny House übrigens, das in den Hang hineingebaut wurde, zwischen die Betonstreben. Ein mit viel gemütlich wirkendem Holz eingerichtetes Gäste-Miniapartment, in dem neben einem Bett eine Küche und ein Bad hineinpassen und das ausschaut wie eine futuristische Kommandozentrale.

Das Tiny Apartment sieht man von weitem ebenso wenig wie den Minibungalow im Obergeschoss. „Er misst 2,50 Meter Höhe – der Proportionen wegen“, sagt der Architekt Gunter Schulz. Geht man im Haus die Treppen hinauf, steht man also im Atelier von Reiner Xaver Sedelmeier, Kunstwerke haben ihren Platz dort und ein Schreibtisch.

Erdacht werden da auch Einrichtungsgegenstände – auf der Wohnmesse „Maison & Objet“ in Paris werden dieser Tage seine skulptural wirkenden Arbeiten – Tisch, Bank, Spiegel – gezeigt, der Hersteller Pulpo aus Baden-Württemberg hat sie ins Programm aufgenommen. Die lässigen Produktfotos entstanden, wo sonst, vor einer Betonwand im Haus des Designers.

Aussicht auf den Stuttgarter Süden

Der Kreativraum des Hausherren ist in Richtung Stadt komplett verglast; sich von der Aussicht nicht mehr ablenken zu lassen, dazu braucht es vermutlich viele Jahre Übung. Denn so apart das pavillonartige Obergeschoss, so grandios die Terrasse: 90 Quadratmeter und eine Beinahe-Rundumsicht auf Stuttgart: auf die wie Perlen aufgereihten Gründerzeitvillen von bedeutenden Architekten wie Albert Eitel und Karl Hengerer an der Karlshöhe, auf die Bauten im Kessel des Stuttgarter Südens auch.

Das ist eine schöne Aussicht, der Blick auf die vielen Ziegeldächer. Und in den ersten Jahren war das ein fabelhafter Feierort“, sagt Reiner Xaver Sedelmeier lacht. Nur einen Haken gab es – „die Gäste wollten einfach nicht heimgehen und den Sonnenaufgang beobachten.“ Noch schöner als am Morgen ist es später: „Wenn die Spätnachmittagsonne strahlt, ist das hier, als bade man im Licht“, schwärmt Gunter Schulz. So oder so, und egal zu welcher Uhrzeit und ob winters oder sommers, ein besonderes Haus schaut auf die Stadt. Und die Stadt schaut zurück, staunend.

Info

Auszeichnungen
Das 2006 fertig gestellte Gebäude wurde von der Architektenkammer Baden-Württemberg mit der Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen 2008“ gewürdigt, es gab eine Anerkennung für den „Architekturpreis Beton 2008“ und eine Lobende Erwähnung für den „Architekturpreis Zukunft Wohnen 2007.