Zogen Bilanz des auslaufenden Projekts „Wohnraum für Alle“ (von rechts): Thomas Eisseler von der Urschelstiftung, Andrea Perschke (Geschäftsführerin der Diakonie), Macher Franz Röber, OB Jürgen Großmann und Ralf Fuhrländer vom Stadtplanungsamt. Foto: Bernklau

In Nagold eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist eine echte Herausforderung. Besonders für Menschen mit geringem Einkommen. Ein Hilfsprogramm bricht jetzt weg.

Nagold hat seinen Preis – auch in Sachen Miete. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einer vierstelligen Miete ist keine Seltenheit. Wie sollen Menschen mit einem bescheidenen Einkommen da an eine bezahlbare Wohnung kommen? Das fragten sich vor mehr als vier Jahren der Diakonieverband Nördlicher Schwarzwald, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, die Nachbarschaftshilfe, der Stadtseniorenrat, die Urschelstiftung und die Stadt Nagold.

 

Gemeinsam stellten sie daraufhin ein Projekt auf die Beine, das dieses Problem angehen und lösen sollte: „Wohnraum für alle“. Primäres Ziel der Aktion war zunächst, leerstehenden Wohnraum zu finden und eine Vermietung an Bedürftige zu vermitteln. Als Ansprechperson gewann man einen Mann, der im Sozialbereich in Nagold bekannt und gut vernetzt ist: Franz Röber.

Fast ausschließlich Migranten und Flüchtlinge profitieren

Mit Motivation startete man in das Projekt. Doch nach einem passablen Start ist inzwischen von der anfänglichen Begeisterung nicht mehr viel übrig geblieben. In den mehr als vier Jahren hat Röber insgesamt 124 Personen Mietwohnraum verschafft, davon 53 Kinder. Im ersten Jahr waren es – bedingt durch den Ukrainekrieg und die Ukraine-Flüchtlinge – noch 54 Personen, schon im Jahr darauf waren es nur noch 22, im Jahr 2025 waren es 25.

Profitiert von diesem Hilfsangebot haben laut Röber „fast ausschließlich Migranten und Flüchtlinge“. Warum das Angebot von anderen Bevölkerungsgruppen nicht oder kaum in Anspruch genommen wurde, kann sich Röber nicht erklären.

Kommune vermietet am Projekt vorbei

Aber auch auf anderen Gebieten lief es nicht so wie gewünscht. Die Bedenken von Wohnungsinhabern seien größer als gedacht gewesen, berichtet Röber bei einem Treffen der Macher im Nagolder Rathaus. Aber auch die Ansprüche der potenziellen Mieter seien größer als gedacht gewesen, so Röber weiter, der sich aber auch über mangelnde Unterstützung beklagte. Von Kirchengemeinden und Christen sei wenig Unterstützung gekommen, die Kommune habe dazu „Wohnungen am Projekt vorbei vermietet“. Dazu stünden kommunale Wohnungen vermehrt leer. Zudem seien auch „unterirdische Räumlichkeiten“ angeboten worden.

Wohnen in Nagold ist keine billige Angelegenheit. Foto: Fritsch

Die Zahl der Wohnungssuchenden sei groß, die Zahl der Wohnungen klein gewesen, neuer Wohnraum sei kaum erschlossen worden. Eine Entwicklung, die auch Thomas Eisseler von der Urschelstiftung so beobachtet: Der Erfolg eines solchen Vorhabens sei einfach abhängig vom Immobilienangebot.

Bei allen kritischen Umständen habe es aber auch erfreuliche Ergebnisse gegeben. Man habe keinem der neuen Mieter kündigen müssen, auch von Mietnomaden sei man verschont geblieben.

Niederschwelliger geht es einfach nicht

Die Stadt in Person von Oberbürgermeister Jürgen Großmann sieht das Projekt nicht wirklich negativ: „Es hat sich gelohnt“, so Großmann im Gespräch mit der Redaktion. „Mehr konnten wir nicht tun und niederschwelliger geht es auch nicht.“

Das Projekt weiter finanziell unterstützen wollen Stadt und Gemeinderat dann aber doch nicht. Und so wird „Wohnraum für Alle“ Ende des Jahres auslaufen. Sehr zum Leidwesen von Andrea Perschke, Geschäftsführerin des Diakonieverbands. Durch dieses Auslaufen falle die Ansprechperson und -möglichkeit für Bedürftige auf Suche nach Wohnraum im Raum Nagold komplett weg, beklagt sie.