Ein Nachkriegshaus in Gerlingen wird zum zeitgemäßen Zuhause für eine Familie. Der Architekt erhält für die Umgestaltung eine Auszeichnung. Was macht das Projekt besonders?
Es gab da schon bange Blicke von den Nachbarn. Die jungen Leute da werden doch wohl nicht ein schwarzes Haus in die Nachbarschaft stellen? Es hätte durchaus sein können, zumindest wäre es nicht das erste Haus mit dunkler Fassade, das der Stuttgarter Architekt Thilo Holzer gestaltet hätte.
Aber nein, schwarz ist es nicht geworden, das waren nur die winddichte Fassadenbahn und die schwarze Holzunterkonstruktion für die Fassade aus vertikal angeordneten Holzlamellen. Bei dem Material handelt es sich um vorvergraute Lärche, die dadurch gleichmäßig weiter vergrauen wird.
Ebenso verkleidet ist auch die Garage sowie das kleine Häuschen für die Wärmepumpe, damit der Blick aus dem Wohnzimmer auf den schön gestalteten Vorgarten nicht von Technikgerätschaften getrübt wird. Außerdem bieten beide Bauten – neben einem „Zaun“ aus Grünpflanzen – Schutz vor neugierigen Blicken.
Die Stuttgarter Familie wohnt jetzt naturnah
Die natürliche Anmutung passt zur Gegend, an diesem Vormittag herrscht entspannte Ruhe, ein Eichhörnchen huscht über die Straße, eine Katze schleicht langsam den Gehweg entlang. Viel Grün in den Gärten und ein Wald in der Nähe, und die Großstadt ist doch in akzeptabler Zeit zu erreichen. Ein Traum für junge Familien. „Wir hätten uns auch vorstellen können, im Stuttgarter Süden wohnen zu bleiben, haben aber nichts Passendes gefunden“, berichtet das Bauherrenpaar.
Wie in vielen älteren Wohngebieten findet hier und da ein Generationswechsel statt. Im Fall dieser Gerlinger Doppelhaushälfte überspringt er eine Generation. Die Großeltern des Bauherren hatten das Haus gebaut, die Enkel führen es in die Zukunft.
Abgesehen von der klimafreundlichen Energieversorgung ist der Zugang inzwischen barrierefrei, die Grundstücke sind eigentlich leicht abschüssig, wie man beim Blick über den Zaun beim Nachbarhaus sehen kann, da wurden einige Ladungen Erde angeliefert. Es führten einst auch in diesem Haus Stufen hinauf zur Eingangstür. Heute gelangt man an einem Grünstreifen aus Hortensien und Gräsern entlang gehend ganz ohne Treppensteigen zum Haus.
Der Wunsch nach einem großzügigen Wohngefühl
Wie häufig bei älteren Gebäuden galt es nicht nur Fenster und Dach auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Der Architekt musst zunächst prüfen, welche Wände tragend sind. Denn eine kleine Küche, abgetrennt vom Wohnzimmer? Nicht zeitgemäß. Für den offenen Grundriss wurden Wände entfernt, ein Stahlträger eingebaut.
Für eine Zonierung des Wohn-, Ess- und Küchenbereichs sorgt der Kamin. „Wir haben in Richtung vorderer Garten ein Panoramafenster mit Sitzbank eingebaut, die zudem Stauraum bietet“, sagt Thilo Holzer. Das konnten sich die Bauherren bei anderen preisgekrönten Wohnprojekten des Stuttgarter Architekten schon anschauen, durch Recherche in Büchern wie „Häuser des Jahres“ beispielsweise, so kam man auch zusammen.
Und nun dürfen sich die Bauherren (die lieber anonym bleiben wollen) und der Architekt auch bei dieser Umgestaltung freuen – die Architektenkammer Baden-Württemberg prämierte das Projekt mit der Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ im Landkreis Ludwigsburg.
Am Panoramafenster befindet sich nach dem Umbau nun ein langer Esstisch, früher war dort ein Schlafzimmer. Wenn Gäste mal etwas früher kommen, können sie also entweder den Garten bewundern, den die mit grünem Daumen gesegnete Hausherrin betreut. Sogar ein aus dem Urlaub mitgebrachter Olivenbaum gedeiht dort. Oder sie schauen in Richtung Küche und beobachten den Hausherren beim Kochen.
Heller Holzboden, dezent und wohnlich
Im Wohnbereich geht es dezent zu mit lasiertem Eichenholzboden, hellen Wänden und abstrakter Kunst, kreiert von der Hausherrin. „Wir wollten es clean, aber nicht steril, sondern wohnlich modern“, sagt das gestaltungsbewusste Juristen-Ehepaar. Die maßgefertigte Einbauküche mit Kücheninsel vom Schreiner durfte dafür extravaganter ausfallen. Es finde sich kleine Details wie versteckte Steckdosen und praktische Ausziehvorrichtungen.
Der Hausherr kocht gern und ist Hobbybarista. Die interessant gemaserte Naturstein-Arbeitsplatte ist nicht unempfindlich. „Nur der erste Fleck tut weh“, sagt der Bauherr und lächelt. So ein Haus ist kein Museum, und eine Küche ist zum Kochen da.
Ein tierfreundlicher Garten
Von der Küche geht es direkt in den hinteren Garten voller tierfreundlicher Pflanzen, Eisenkraut (für die Schmetterlinge) etwa und Lavendel (für die Bienen). „Wir hatten zunächst Sorge, dass wir zu wenig Sonne haben, weil der hintere Garten am Nordhang liegt“, sagt die Bauherrin, „doch jetzt sind wir gerade im heißen Sommer froh darüber, wenn die Sonne erst am Nachmittag kommt.“
Da auch die Menschen der Häuserreihe weiter unten Grünes mögen, ist der Garten von Bäumen, eigenen und nachbarlichen umsäumt, das macht sich gut zu den in dezenten Rosétönen gehaltenen Loungechairs und Liegen auf dem Natursteinboden. Praktisch kärchern lässt sich der nicht, dafür hilft der Kies unter dem Boden umweltfreundlich dem Regen beim Versickern.
Vier Daten zum Haus in Gerlingen bei Stuttgart
- Baujahr: 1958
- Umbauzeit: 1 Jahr
- Wohnfläche: ca. 165 Quadratmeter
- Heizung: Wärmepumpe, vorher Ölheizung
Auf den Garten blickt man auch vom Obergeschoss aus. Das war einst ebenfalls eine komplette Wohnung. Steile Treppe, kleine Zimmer – passé. Kinder- und Schlafzimmer finden Platz dort. Und wo eine Küche war, ist nun das Eltern-Badezimmer mit Holzboden und grünlichem und auffällig gemasertem Stein als Waschtisch; die bodengleiche Dusche ist da, wo sich zuvor eine separate Toilette befand, und es passt noch eine Sauna hinein. In einem zweiten kleinen Bad im Dachgeschoss entschieden sie sich für grüne Metrofliesen zu schwarzen Armaturen.
Mut zur Farbe
Mut zur Farbe herrscht auch in den Rückzugsräumen. „Weiße Wände hatten wir früher genug“, sagt die Bauherrin. Im Schlafzimmer sorgt ein warmer dunkler Blauton an den Wänden für Schlafhöhlenflair, die mit blauem Stoff überzogenen Einbauten bieten genügend Stauraum.
Unterm ausgebauten Dach mit offen sichtbaren Holzbalken ist Platz für die Staffelei der Hausherrin und ein Gästebett. „Wir haben so saniert, dass die Räume im Dachgeschoss noch veränderbar wären“, sagt der Architekt Thilo Holzer. Vorerst ist für die Familie so alles passend umgebaut, aber wenn man schon ein altes Haus in die Gegenwart rettet, schadet es nicht, Räume für die Zukunft zu bedenken.