Das Wohnhaus, entworfen von Florian Kaiser und Guobin Shen aus Stuttgart, schließt eine Lücke im Ortskern – die Gemeinde freut sich über die Nachverdichtung auf dem Land. Foto: Brigida González/Kasiser Shen

Junge Stuttgarter Architekten haben in einem Dorf bei Heilbronn ein ungewöhnliches Haus entworfen. Eine Architektenjury hat den Entwurf als Sieger der 50 besten „Einfamilienhäuser des Jahres 2023“ gekürt. Wir haben das Haus besucht.

Im Norden liegen die Weinberge, im Osten befindet sich eine alte Kirche – und ringsum sind Fachwerkhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu sehen. Vom Haus aus hat man einen spektakulären Blick in jede Himmelsrichtung.

 

Dass dies möglich sein würde, war den Architekten des Doppelhauses bereits nach der ersten Besichtigung des Grundstücks im Ortskern der rund 40 Kilometer von Stuttgart entfernten Gemeinde Pfaffenhofen im Kreis Heilbronn klar.

Unkonventionelle Architektur im Kreis Heilbronn

Um zukünftigen Bewohnern einen Rundumblick zu ermöglichen, haben sich Florian Kaiser und Guobin Shen vom Stuttgarter Atelier Kaiser Shen einen besonderen Grundriss für das Gebäude namens Haus Hoinka überlegt.

„Haus Hoinka stellt dar, wie ein Wohnhaus im historischen Dorfkern aussehen kann. Unter der konventionellen Erscheinung weist das Gebäude im Detail zukunftsorientierte Ansätze auf. Ein Haus, dessen Charakter erst auf den zweiten Blick erkennbar ist“, sagt Architekt Guobin Shen.

In Sachen unkonventionelles Bauen haben sich die Architekten schon früh einen Namen gemacht, sie haben das vielfach prämierte Mikrohofhaus entworfen, das eine Zeit lang auf einer Verkehrskreuzung in Ludwigsburg stand. Für Aufsehen gesorgt hat auch das neue Haus, eine Architektenjury kürte den Entwurf als Sieger der 50 besten „Einfamilienhäuser des Jahres 2023“.

Der erste und zweite Stock im Haus sind nicht identisch aufgeteilt. Die beiden Wohneinheiten sind jeweils geschossweise teilbar, sodass die Doppelhaushälften in vier kleine Wohneinheiten gegliedert werden können. So kann flexibel darauf reagiert werden, wenn sich Familienverhältnisse ändern und Eltern etwa nicht mehr die ganze Doppelhaushälfte brauchen, weil die Kinder ausziehen.

Vielseitig nutzbare Räume

In den Wohngeschossen befinden sich jeweils acht nahezu quadratische Räume, die etwa vier mal vier Meter messen. Durch die hohen Decken wirken die Räume jedoch größer, als sie sind.

Da mit Ausnahme des Badezimmers und der Küche alle Räume fast identisch und unmöbliert sind, können sie als Schlafzimmer, Wohnzimmer oder Esszimmer genutzt werden, ohne dass Eingriffe nötig sind. „Wir wollen die Nutzung nicht vorgeben. Deswegen haben wir die Räume neutral gestaltet“, sagt Guibin Shen. Und falls etwa eine Wohngemeinschaft ins Haus zieht, gibt es keinen Streit darüber, wer ein größeres oder ein kleineres Zimmer bekommt.

Der Bauherr (der namentlich nicht genannt werden möchte) wollte, dass das Haus möglichst aus nachwachsenden und natürlichen Rohstoffen besteht, die dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden können. Deshalb entschieden sich die Architekten dafür, Stroh aus der Region zum Dämmen von Boden, Decke, Dach und Wand einzusetzen. Die Strohballen sind mit Lehmplatten bedeckt, die mit Lehm verputzt sind.

Um die Strohballen in der Bodenplatte vor Wasser zu schützen, wurde das Haus durch ein Betonkreuz in der Mitte und vier Stützen an den Ecken um ein gesamtes Geschoss aufgeständert. Bei geschlossenen Fensterläden entsteht der Eindruck eines Holzmonolithen auf Stelzen, der im deutlichen Kontrast zum freien Gartengeschoss steht.

Durch das Aufständern entstand unter dem Haus eine große Fläche, die sich durch das Betonkreuz in der Mitte in vier freie Felder unterteilt. Der Bauherr entschied sich dazu, auf die zwei westlichen Felder eine 40 Quadratmeter große Einliegerwohnung zu bauen. Die beiden östlichen Felder bleiben vorerst für Parkplätze frei. Sie können jedoch jederzeit umgebaut werden – etwa in einen Wintergarten oder eine Werkstatt.

Haus als CO2-Speicher

Die zur Dämmung in der Wand verbauten Strohballen befinden sich hinter der Holzfassade des Hauses. Die Fensterläden sind aus Holz wie auch die drei Balkone, von denen aus die benachbarten Fachwerkhäuser und Weinberge zu sehen sind. Das Design der Balkone erinnert an ausfahrbare Schiffsbrücken. Das Holzdesign setzt sich auch im Inneren des Hauses fort. Wie das Treppenhaus sind auch Innenwände und Böden der Wohnungen aus Fichte.

Dabei ist das Holz in einer Gebäudehälfte naturbelassen, in der anderen weiß lasiert. Der Wohnraum in der weiß lasierten Hälfte wirkt dadurch heller. Insgesamt sind in dem Doppelhaus 140 Kubikmeter Holz verbaut. Nach Angaben der Architekten sind in diesem Holz rund 100 Tonnen CO2 gespeichert. Im Vergleich zu einem konventionellen Doppelhaus gleicher Größe, gebaut aus Beton oder Ziegel und klassischer Dämmung, wurde durch diese Bauweise massiv CO 2 eingespart .

Solarzellen auf dem Dach

Das Satteldach des Hauses verfügt an beiden Seiten über eine große Fensterfront. Jedes zweite Fenster lässt sich per Knopfdruck automatisch öffnen – wenn auch nur sehr langsam. Der Rest des Dachs ist mit Solarzellen bedeckt. Die Solaranlage produziert nach Angaben der Architekten 30 000 Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr. Die Anlage übersteigt demnach den prognostizierten benötigten Verbrauch um etwa 6000 Kilowattstunden.

Das Haus erfüllt somit den Effizienzhaus-plus-Standard. Geheizt wird mit einer Wärmepumpe, die eine Deckenflächenheizung bedient. „Wir haben uns gegen eine Fußbodenheizung entschieden, weil diese im Vergleich zur Deckenheizung Staub aufwirbelt“, erklärt Projektleiter Kilian Juraschitz vom Atelier Kaiser Shen.

Förderung durch das Land

Seit der Fertigstellung im Februar dieses Jahres ist t das Doppelhaus noch nicht komplett bewohnt. Guobin Shen sagt, dass sich dies bald ändern könnte: „Die Verhandlungen mit Interessierten für die anderen Wohnungen laufen gerade.“

Die beiden 160 Quadratmeter großen Wohnungen sind Shen zufolge vor allem für Familien mit Kindern geeignet. Über die Höhe der Miete wurde Stillschweigen vereinbart. Als Teil des Holzbau Innovativ Programms wurde der Bau des Hauses vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und vom Land Baden-Württemberg gefördert. Wegen Lieferengpässen und steigenden Materialpreisen in der Bauzeit – März 2020 bis Februar 2023 – fielen die Baukosten höher aus als geplant.

Dennoch: Geht es nach den Architekten des Ateliers Kaiser Shen soll das Haus Hoinka nicht das letzte Haus aus nachwachsenden Rohstoffen sein, das sie entworfen haben. „Das Haus Hoinka wurde als kleines Musterhaus konzipiert. Es gilt nun, die gewonnenen Erkenntnisse dieser einfachen und nachhaltigen Bauweise auf größere Bauvorhaben zu übertragen“, sagt Florian Kaiser. Erste Gespräche über den Bau von insgesamt 80 Wohneinheiten in Schorndorf laufen bereits.