Herrchen gesucht: Diese beiden Husky-Welpen wurden in den Patch Barracks gefunden und leben jetzt im Tierheim in Stuttgart-Botnang. Foto: Jan Reich

Nicht nur in den Sommerferien sind die Tierheime voll, auch unterm Jahr haben sie kaum Kapazitäten. Der Landestierschutzverband macht die unüberlegten Tierkäufe dafür verantwortlich, denn schnell erworbene Tiere seien auch schnell wieder ausgesetzt.

Stuttgart - Die Sommerferien sind in vollem Gange, und wie jedes Jahr bricht damit für manches Tier ein trauriges Kapitel in seinem Leben an. Gerade noch waren Hund und Katze die unverzichtbaren Lieblinge im Haus, jetzt zur Reisezeit werden sie für manchen Tierbesitzer zu einer scheinbar untragbaren Last. „Es ist jedes Jahr dieselbe Geschichte“, kritisiert Martina Klausmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Landes­tierschutzverbands Baden-Württemberg. „Immer vor den großen Ferien passiert es, dass die Leute vergessen, die Tiere in ihre Urlaubsplanung miteinzubeziehen.“ So muss der einstige Liebling den Reiseplänen weichen, landet ausgesetzt auf der Straße oder wird – mit ein wenig mehr Glück – im Tierheim abgegeben. Überfüllte Heime in den Sommermonaten sind so programmiert.

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„Im Moment können wir kein Tier mehr aufnehmen“, bestätigt Petra Veiel, Sprecherin des Tierheims Stuttgart. „Jeder, der ein Tier abgeben will, wird bei uns auf die Warteliste gesetzt.“ Werde ein Tier ­vermittelt, könne im Gegenzug ein anderes aufgenommen werden, erklärt sie. Der Ansturm auf die Tierheime sei zur Sommerzeit zwar am größten, aber auch sonst sind die Kapazitäten begrenzt. Der Unterhalt des Tierheims Stuttgart kostet jährlich rund 1,5 Millionen Euro, so die Leiterin Marion Wünn. Von der Stadt kommt ein Zuschuss von 466 400 Euro. Die fehlende Million Euro muss das Tierheim selbst aufbringen – durch Erbschaften, Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Insbesondere Animal-Hoarding – das krankhafte Sammeln von Tieren – fresse die Platzreserven der Tierheime auf. Diesen Februar erst musste das Tierheim vorübergehend über 100 Kaninchen aufnehmen, die in der Wohnung einer 48 Jahre alten Stuttgarterin beschlagnahmt wurden. „Da ist das Heim mit einem Schlag voll“, bestätigt Veiel. Längst sind es aber nicht mehr nur die klassischen Haustiere wie Hund, Katze, Kaninchen und Meerschweinchen, die in die Heime wandern. „Es kommen immer mehr Exoten wie Schildkröten, Schlangen oder Papageien“, zählt Martina Klausmann auf. Auch im Stuttgarter Tierheim trifft man derzeit Kornnattern, Bartagame und kleine Würgeschlangen an. Selbst ein Chamäleon befand sich bis vor kurzem noch in der Obhut des Heims. „Oftmals werden die Reptilien einfach bei einer Wohnungsauflösung dagelassen, und der nächste Mieter stößt dann auf sie“, erzählt Petra Veiel. Dabei haben die Tiere Glück, wenn sie schnell gefunden werden. „Exoten haben in der Natur sehr geringe Lebenschancen“, erläutert Klausmann.

Aussetzen von Tieren kann bis zu 25 000 Euro Strafe kosten

Ohnehin ist das Aussetzen von exotischen Tieren nicht unbedenklich: Es kann das bestehende Ökosystem durcheinanderwirbeln, warnt der Naturschutzbund Baden-Württemberg, und zur Folge haben, dass einheimische Arten verdrängt werden.

Auch sonst ist das Aussetzen von Tieren kein Kavaliersdelikt. Als Ordnungswidrigkeit kann es mit bis zu 25 000 Euro bestraft werden. Die drohende Geldbuße scheint jedoch nur wenige davon abzuhalten, das Tier einfach auf die Straße zu setzen. Klausmann zufolge werden Tiere häufiger ausgesetzt und landen öfter im Tierheim als früher. „Es ist einfach zu leicht, an die Tiere ranzukommen“, empört sie sich. „Die Tiere bekommt man mittlerweile überall. Im Zoofachhandel, im Gartencenter, in den Baumärkten oder im Internet – und das zu Billigstpreisen. Da ist ein Tier schnell gekauft.“

Die Preise bezeichnet sie als „Lockangebote“ und als eines Lebewesens unwürdig. Auch Veiel vom Tierheim Stuttgart sieht eine steigende Tendenz an ausgesetzten und abgegebenen Tieren und hält das Internet für das hauptsächliche Problem: „Die Tiere werden dort verschenkt und verscherbelt wie ein Paar Schuhe. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft, und die Tiere werden davon nicht verschont.“ Außerdem kritisiert sie die mangelnde Kenntnis der Käufer über ihr Haustier: „Die Leute kaufen die Tiere und wissen nicht einmal über deren Bedürfnisse Bescheid, oftmals sind die Ställe viel zu klein, und den Tieren fehlen die Rückzugsmöglichkeiten“. Wie sie plädiert auch Klausmann dafür, dass sich Käufer vorab kundig machen müssen, was ihr zukünftiges Tier alles braucht, ansonsten müssten die Tiere wegen Unwissenheit ihrer Besitzer nur unnötig leiden.

Ein „Tierhalter-Führerschein“ könnte Abhilfe schaffen

Erst kürzlich hatte die Tierschutzbeauftragte von Baden-Württemberg, Cornelie Jäger, ein Konzept ausgearbeitet, das genau dies beinhaltete. Die Tierhalter sollten vor dem Kauf eines Tieres verpflichtet werden, einen Sachkundenachweis zu erwerben, der ihnen Kenntnisse über die Bedürfnisse ihres zukünftigen Tieres bescheinigt. Mit Hilfe dieses „Tierhalter-Führerscheins“ sollten unüberlegte Spontankäufe unterbunden werden, wie sie im Interview mit unserer Zeitung erklärte. Für diesen Nachweis hatte Jäger ein- oder zweistündige Schulungen für künftige Tierbesitzer geplant. Die grün-rote Landesregierung sperrte sich jedoch gegen diese Vorschläge – wohl, um potenzielle Wähler nicht zu bevormunden und damit zu verprellen. Weiterhin dürfte es also in der Verantwortung des Tierbesitzers liegen, wie gewissenhaft er die Anschaffung seines Tieres plant.

Doch vor allem die niedrigen Preise und der leichte Zugang zu den Tieren scheinen dazu beizutragen, dass die Leute nicht vorausschauend denken, meint Petra Veiel. „Gerade wenn das Tier dann zum Arzt muss oder ständig Tabletten verabreicht bekommen muss, werden viele Besitzer ihres Tieres überdrüssig.“

Auch wenn plötzlich die Sommerferien mit der Existenz des Tieres kollidierten, wolle der Besitzer sein schnell angeschafftes Tier oft genauso schnell wieder loswerden: „Das Problem ist, dass die Leute einfach nicht überlegen, was in den nächsten Ferien mit ihrem Tier geschieht“, kritisiert Veiel, „und damit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Tier seine neue Heimat in einem ohnehin schon überlasteten Tierheim findet.“