Seit in Baden-Württemberg nach über 100 Jahren erstmals ein weiblicher Wolf nachgewiesen wurde, werden wieder Forderungen nach dem Abschuss der Wildtiere laut. Vor allem Nutztierhalter fürchten eine mögliche Rudelbildung. Experten sagen jedoch, dass mehr Wölfe nicht gleich mehr Risse bedeuten.
Dass die Debatte um den Abschuss des Wolfes nach der Meldung über die sogenannte Fähe, die im Januar im Schwarzwald nachgewiesen wurde, wieder Fahrt aufnimmt, war Sabrina Reimann klar. Sie ist Projektleiterin bei der Stiftung für Bären im Alternativen Wolf- und Bärenpark in Bad Rippoldsau-Schapbach und weiß, dass vor allem Nutztierhaltern die Aussicht auf ein Wolfsrudel Sorge bereitet. "Aber nur, weil dann mehr Wölfe da wären, heißt das nicht, dass es auch mehr Risse gibt."
Rudel sei das Beste, was Nutztierhaltern passieren könne
Im Gegenteil: Reimann sagt sogar, dass eine Rudelbildung das Beste wäre, was Nutztierhaltern passieren könne. "Weil die Rudel lernen", erklärt sie. Treffen Wölfe auf eine Schafherde und merken, dass diese beispielsweise von einem Elektrozaun geschützt wird, und sie keine Chance haben, an die Tiere heranzukommen, ziehen sie weiter und jagen im Wald. Das sei für ein Rudel einfacher als für einen einzelnen Wolf, weil die Beute eingekreist und so besser gefasst werden könne. Die Tiere merken sich laut Reimann also, dass die Schafsherde unerreichbar ist und sie im Wald bei der Nahrungssuche mehr Erfolg haben.
Gleichzeitig sei ein Wolfsrudel der beste Schutz gegen hungrige, unbekannte Einzelwölfe: Denn wenn diese das Territorium eines Rudels betreten, riskierten sie ihr Leben. Fremde Wölfe würden nur in den seltensten Fällen von einem Rudel akzeptiert. Normalerweise würden sie bei der Verteidigung des Reviers vertrieben oder gar getötet, erklärt die Expertin.
Generell hätten es einzeln umherstreifende Wölfe nicht leicht, sagt Reimann. Ungefähr im Alter von zwei Jahren verlassen die Tiere ihre Eltern und Geschwister und suchen sich selbst einen Partner und im besten Fall auch ein eigenes Territorium. Bis dahin sind sie auf sich allein gestellt - auch bei der Jagd. Finden Sie dann eine nicht oder nur schlecht geschützte Nutztierherde, werde ihnen die Beute gewissermaßen auf dem Silbertablett serviert, erklärt die Expertin.
Über einen Abschuss zu sprechen, sei nicht gerechtfertigt
Ein guter Herdenschutz sei also maßgeblich. Dieser solle installiert werden, bevor ein Wolf oder gar ein ganzes Rudel in einem Gebiet sesshaft werde. Denn nur dann könne dieser Lernprozess bei den Tieren eintreten und eine Koexistenz mit Menschen und Nutztieren sei möglich, betont Reimann.
Dass Nutztierbesitzer es beim Thema Herdenschutz oft nicht einfach haben, weiß Reimann. Sie habe vollstes Verständnis für die Halter und finde, dass die Beantragung bestimmter Fördermittel deshalb möglichst einfach sein sollte und die Tierhalter generell mehr Unterstützung seitens der Politik bekommen sollten.
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Doch auch wenn die Installation eines wolfstauglichen Herdenschutzes mühsam und teuer sei, spreche sich der Alternative Wolf- und Bärenpark gegen den Abschuss von Wölfen aus. "In der jetzigen Situation ist es sowieso nicht gerechtfertigt über einen Abschuss zu sprechen. In Baden-Württemberg leben momentan nur drei männliche Wölfe und jetzt wurde ein Weibchen bestätigt. Wir reden hier immer noch von einer streng geschützten Tierart", meint Reimann. Mit einem Abschuss mache man es sich zu einfach und berücksichtige auch die natürliche Sozialstruktur der Tiere nicht. Würde man außerdem willkürlich Tiere aus einem Rudeln nehmen, bestehe die Gefahr, dass das Rudel zerstört wird und es somit neue einzelne Wölfe gäbe. "Wir sehen den Konflikt, doch es muss eine vernünftige Lösung für alle geben."
Schweizer Experte setzt ebenfalls auf Herdenschutz
Auch Ralph Manz, ein Wolfsexperte aus der Schweiz, ist der Ansicht, dass ein richtiger Herdenschutz sinnvoll ist. Er arbeitet beim schweizerischen Forschungsinstitut KORA und ist seit 2012 für das Wolfsmonitoring tätig. In der Schweiz ist die Wolfpopulation im Jahr 2022 auf 23 Rudel gewachsen. Das erste Weibchen ist im Jahr 2002 nachgewiesen worden. Das Nachbarland ist also sehr erfahren, was den Umgang mit den Raubtieren angeht.
Im Gespräch mit unserer Redaktion zieht Manz Bilanz. Sein Fazit: 2021 und auch 2022 habe es mehr Wolfsrisse gegeben, als in den Vorjahren. Verallgemeinern könne man dies jedoch nicht. Die Faktoren, welche sich auf die Anzahl gerissener Nutztiere auswirkten, seien sehr komplex und könnten von Region zu Region unterschiedlich ausfallen. So habe eine Studie von Kora und Agridea zwischen 2004 und 2019 den Einfluss von Herdenschutzhunden und Wolfs-Abschüssen auf Nutztier-Risse untersucht. Ergebnis: Nur auf wenigen Sommerweiden kam es in diesem Zeitraum zu Nutztier-Rissen. Die Studie spricht von "Hotspot-Weiden". Konzentriert hätten sich die Wolfs-Angriffe vor allem auf große Alpen in zerklüftetem Gelände und auf Sommerweiden, auf denen sich viele Schafe über einen längeren Zeitraum aufhielten. Ein Grund: Der Einsatz von Herdenschutzhunden scheint in zerklüfteten Weideflächen mit hohem Waldanteil nicht so effizient zu sein, wie in freierem Gelände. Im Schnitt werden auf von Herdenschutzhunden bewachten Alpen jedoch 75 Prozent weniger Nutztiere gerissen.
Außerdem zeigte sich, dass Angriffe auf Nutztiere vor allem von durchziehenden Einzelwölfen ausgehen. In Gebieten mit sesshaften Wölfen wurde weniger Angriffe verzeichnet.