Die Väter und Mütter des Grundgesetzes hielten dieses für ein Provisorium. Sie bastelten sich vor 75 Jahren eine neue Verfassung – unter reichlich provisorischen Umständen.
Ein Ozelot schleicht durch das dürre Gras, im Hintergrund lauert ein Löwe, ein Gepard setzt zum Sprung an. An der Geburtsstätte unserer Demokratie scheint jetzt wieder das Recht des Stärkeren zu herrschen. Zebras grasen derweil ahnungslos, Giraffen recken ihre langen Hälse bis zur Balustrade der Empore, scheinen ihre Fressfeinde aber nicht zu bemerken. Auf den Deckenlampen hocken die Geier.
Das Getier ist nur ausgestopft. Es hat mit der Demokratie auch nichts zu schaffen. Sein rekonstruiertes Biotop war jedoch der Platz, an dem sie aus der Taufe gehoben wurde. Darauf verweisen vier leere Stühle und ein wahlplakatgroßes Schwarz-Weiß-Foto, beides ist in der musealen Wildnis jedoch nicht ohne Weiteres zu entdecken. Davor steht eine Vitrine, in der das Wappentier unserer Republik mit ausgestreckten Krallen und weit aufgerissenem Hakenschnabel über einen Wüstenfuchs herfällt.
Das wandhohe Foto zeigt die Architekten des Grundgesetzes, die vor 75 Jahren an diesem Ort mit ihrer Arbeit begonnen haben. Auf dessen staatstragende Bedeutung verweist eine schlaffe Deutschlandflagge im Foyer. Daneben hängt eine Bronzeplatte, die erzählt, warum das ein geschichtsträchtiger Platz ist. Die Geburtsstätte unserer Demokratie ist ausgerechnet nach einem König benannt: Alexander Koenig, einem Zoologen, der 1912 in Bonn ein Naturkundemuseum errichten ließ. Der neoklassische Bau blieb im Zweiten Weltkrieg von Bomben verschont. Da in der Stadt am Rhein sonst kein repräsentatives Domizil verfügbar war, traf sich im Lichthof des Museums am 1. September 1948 der Parlamentarische Rat. 66 Männer und vier Frauen hatten den Auftrag, sich eine Verfassung für einen neuen westdeutschen Staat auszudenken, den es zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Noch war dessen Territorium in drei Besatzungszonen aufgeteilt. Die Feier zum Auftakt der Arbeit an dem Regelwerk, das später Grundgesetz heißen sollte, hatte schon die Zeitzeugen wegen der kuriosen Kulisse leicht befremdet. Davon erzählt Carlo Schmid, einer von ihnen, damals Justizminister des Landes Württemberg-Hohenzollern, in seinen Memoiren: „Wohl kaum hat je ein Staatsakt in so skurriler Umgebung stattgefunden“, schreibt er. „Unter den Bären, Schimpansen, Gorillas und anderen Exemplaren der exotischen Tierwelt kamen wir uns ein wenig verloren vor.“ Wegen der „bizarren“ Szenerie sei „keine rechte Feierlichkeit“ aufgekommen.
Zum Feiern ist dem damals 51 Jahre alten Sozialdemokraten ohnehin nicht zumute. Er hegt große Vorbehalte gegen eine neue Verfassung. Zudem hätte er den Parlamentarischen Rat lieber in einer „Barackenstadt an der Demarkationslinie“ zur russisch besetzten Zone einberufen, um den „provisorischen Charakter der Bundesrepublik“ zu unterstreichen. Schmid und seine Genossen, aber auch die Kollegen anderer Parteien wollen unter allen Umständen verhindern, dass mit einer neuen Verfassung auch die Teilung Deutschland zementiert wird. Exakt so kam es dann allerdings. Kurz nach dem Grundgesetz trat im sowjetisch besetzten Ostdeutschland eine eigene Verfassung in Kraft.
Provisorisch sind jedenfalls die Verhältnisse, unter denen die Schöpfer des Grundgesetzes zu arbeiten hatten. Beim Festakt im Museum Koenig „hörten außer den Parlamentariern und ihren Gästen auch Perlhühner und ausgestopfte Flamingos zu“, reportiert seinerzeit der „Spiegel“. Weiter heißt es: „Die russischen Bären hatte man mit roten Tüchern zugehängt. (. . .) Sogar den langen Giraffenhals hatte man rot drapiert und die wilden Leoparden, sodass nichts an einen Tiergarten erinnerte.“ Manch einer der Verfassungsarchitekten erscheint trotz allem „überwältigt von der Komik der Situation“.
Die Arbeit an den 146 Artikeln der Urfassung des Grundgesetzes findet in der Pädagogischen Akademie am Rheinufer statt, einem Gebäude im Stil des Bauhauses, das später zum Bundeshaus wird. Die eigentlich dort auszubildenden Pädagogen müssen den Semesterbeginn deswegen verschieben, ihr Domizil wird im Gegenzug kostenlos renoviert. Ein „schweres Handicap“, so der Bonner Historiker Helmut Vogt, ist die „schlechte Erreichbarkeit des Tagungsorts“. Die einzige Rheinbrücke war im März 1945 während des Rückzugs der Wehrmacht gesprengt worden. Der Liberale Theodor Heuss, später erster Bundespräsident, beklagt sich über die „elende Schinderei“ des Pendelns zwischen Stuttgart und Bonn. „Die politische Verantwortung hat mich versklavt“, notiert er. „Berufs- und Privatleben gehen darüber flöten.“
Die Chauffeure der Parlamentarier werden in einem alten Bunker untergebracht, wo es immerhin „Einzelkojen“ sowie „saubere Betten mit weißer Wäsche“ gibt und der Übernachtungspreis nur 50 Pfennige beträgt. Heuss logiert wohl unter nicht ganz so spartanischen Umständen. „Nachts hörte er das Rattern vorbeifahrender Züge“, vermerkt sein Biograf Joachim Radkau. „Dafür stellte ihm die Hotelbesitzerin ein Glas Rotwein mit Ei aufs Zimmer.“
Ungeachtet solcher bescheidenen Darreichungen gibt es auch damals schon Neider. „Man ist schockiert über alles, was den Mitgliedern des Parlamentarischen Rates das Leben in Bonn angenehm und begehrenswert macht“, heißt es in einem Stimmungsbericht des Bonner Oberkreisdirektors an die britische Militärregierung. „Dem politischen Spießer leuchtet’s nun ein, weshalb sich die Arbeit des Parlamentarischen Rats so sehr in die Länge zieht!“ Von eher kargen Arbeitsverhältnissen zeugen hingegen die Schreibtische, an denen am Verfassungstext gefeilt wurde. Sie sind im Bonner Haus der Geschichte zu besichtigen. Zwei Deputierte müssen sich je einen Tisch teilen. In den Schubladen haben nicht viele Akten Platz. Die Stühle sind nicht bandscheibengerecht geformt oder gar dreh- und rollfähig. Nur die Sitzflächen gepolstert.
Trotz der eher mühevollen Arbeit an den 146 Artikeln des Verfassungsprovisoriums bleibt den Urhebern Zeit für kleine Späße. Carlo Schmid verpackt seinen gelinden Spott über die Herrschaften von der politischen Konkurrenz in Hexameter, wie sie gebildeten Zeitgenossen noch aus den antiken Dichtungen Homers vertraut waren. Den späteren Bundeskanzler Adenauer nennt er „Held Konrad“. Er sei „dem sinnenden Gotte vergleichbar, und wie es Fürsten geziemt, mischt er sich selten dem Volk“. Auch der künftige Bundespräsident Heuss schmiedet neben dem Text des Grundgesetzes noch satirische Verse. Bei ihm wird das „ABC des Parlamentarischen Rates“ zum Anagramm. In der Strophe, die Schmid gewidmet ist, muss wegen dessen Vornamens alles mit C beginnen: „Der Carlo celebriert wie ein Gedicht die hohen Worte seines Staatsfragments, auf jedem Comma wuchtet sein Gewicht – jetzt die Cäsur, dann fühlsam die Cadenz.“