Unter Zugzwang: Bundestrainer Julian Nagelsmann und die DFB-Elf. Foto: IMAGO/Ulrich Hufnagel

Die Verantwortlichen des DFB haben das Horrorszenario namens WM-Play-offs vor Augen. Die Nationalelf taumelt nach den jüngsten Eindrücken ins Gruppenfinale der Qualifikation.

Die Ansagen der Verantwortlichen lassen keinen Spielraum zu. Sie sind klar und eindeutig – oder in diesem Falle besser: direkt. Exakt so also, wie sich die Auswahl des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) für die WM im nächsten Sommer qualifizieren soll. Der DFB-Präsident Bernd Neuendorf erwartet vor dem Gruppenfinale der Qualifikation an diesem Montag in Leipzig gegen die Slowakei (20.45 Uhr/ZDF), „dass wir bei der WM-Auslosung Klarheit über alles haben und nicht in irgendwelche Qualifikationsrunden müssen“. Sportdirektor Rudi Völler denkt mit Grauen an die Play-offs gegen die Ukraine 2001 zurück (damals 1:1 und 4:1 im Rückspiel für die DFB-Elf). „Das war die größte Drucksituation“, sagt der damalige Teamchef, „die ich in meiner Karriere erlebt habe.“

 

Um solche Szenarien zu vermeiden, genügt dem deutschen Team nun gegen den Gruppenzweiten Slowakei ein Unentschieden. Dann fährt Deutschland als Gruppenerster zur WM. Und das, genau: direkt.

Allein: Wer den jüngsten Auftritt der Elf des Bundestrainers Julian Nagelsmann am Freitagabend in Luxemburg (2:0) und jenen im Hinspiel gegen die Slowaken in Bratislava vor zwei Monaten (0:2) in Erinnerung hat, der weiß angesichts der verheerenden Eindrücke: Eine Niederlage an diesem Montag mit den daraus folgenden Konsequenzen (Qualifikationsrunden und Drucksituationen) ist alles andere als ausgeschlossen.

Die Frage der Ansprache an die DFB-Elf

Ernüchternd war das deutsche Spiel nun im Stade de Luxembourg, wo hinterher insbesondere eine Einlassung Nagelsmanns auf dem Pressepodium aufhorchen ließ. Bei der Frage, wie er in der Pause in der Kabine zu seiner Mannschaft sprach nach der blamablen ersten Hälfte, sagte Nagelsmann dies: „Dieselbe Frage habe ich mir Ende der ersten Halbzeit auch gestellt, wie ich da aufdribbel. Am Ende habe ich schon das Gefühl, dass die Mannschaft das gerade nicht verträgt, wenn man super draufhaut.“

Das war zutiefst ehrlich, gab aber auch Einblick in einen bedenklichen Gesamtzustand der Nationalelf kurz vor dem Länderspielfinale 2025 – und der geht nach den jüngsten Eindrücken so: Den Luxemburgern, bei denen unter anderem ein Regionalligaspieler des FC Augsburg II namens Aiman Dardari aufdribbelte, genügte es, aggressiv und hoch zu pressen, um die deutsche Elf von einer Verlegenheit in die nächste zu stürzen.

Die DFB-Elf lässt sich von Luxemburg dominieren

Nagelsmann betonte hinterher, dass es viel mehr lange, tiefe Bälle seines Teams hinter die Luxemburger Abwehrkette gebraucht hätte. Stattdessen verlor die DFB-Elf sich und den Ball im Kleinklein. Im Klartext: Die deutsche Nationalmannschaft ließ sich von Gegner Luxemburg eine Halbzeit lang dessen Spiel aufzwingen. Sie war am Ende in ihrer kollektiven Not und Verunsicherung sogar unfähig, das einfachste Mittel anzuwenden, das jede gemeine Kreisligatruppe beherrscht, um das Pressing der anderen Kreisligatruppe zu umgehen: Langer Ball nach vorne – und alle hinterher.

In der Pause dann korrigierte Nagelsmann den Kurs der Mannschaft. Er haute dabei nicht super drauf, wie er es ausdrückte. Der Trainer wurde nicht laut, sondern blieb beim taktischen und inhaltlichen Ansatz. Nagelsmann wählte die sanfte Ansprache – die andere Variante, über die er ja offenbar zumindest nachdachte, hätte ungefähr in diese Richtung gehen können: „Reißt euch endlich zusammen, was glaubt ihr eigentlich, was hier auf dem Spiel steht – wir wollen zur WM, und ihr lasst euch von irgendwelchen Regionalligakickern vorführen. Geht’s raus und spielt’s endlich Fußball.“

Zumindest Letzteres wäre bekanntlich eher aus dem Munde von Franz Beckenbauer gekommen. Womöglich hätte der Kaiser beim Blick auf die erste Hälfte von Luxemburg auch wieder von der „Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball“ gesprochen, wer weiß.

Fakt ist: Die von Nagelsmann vorgetragene Mängelliste der DFB-Elf aus der Partie in Luxemburg ließe sich vorbehaltlos auf die handelsüblichen Auftritte fast aller Altherren- oder Traditionsmannschaften übertragen. „Wir waren oft nicht wirklich am Mann“, sagte der Bundestrainer. „Wir haben ein bisschen lange gebraucht, um an unsere Grenzen zu kommen“, sagte Nagelsmann auch noch. Und: „Wir wollten schon etwas mehr Ballbesitz haben in der ersten Halbzeit, den Gegner mehr in dessen Hälfte bringen.“ Gegen Luxemburg wohlgemerkt schaffte es die DFB-Elf also nicht, das Spiel zumindest ein bisschen in die gegnerische Hälfte zu verlagern.

Entlarvend waren Nagelsmanns Analysen damit im Allgemeinen – und führten in Summe auch zur Frage, warum es die Mannschaft neben dem luxemburgischen Pressing offenbar gerade auch nicht verträgt, wenn man dann als Coach „super draufhaut“ in der Halbzeit. Die Antwort: Es fehlt dem Team an Souveränität und Widerstandsfähigkeit.

Denn wenn es auf dem Platz nicht nach Plan läuft und ein Gegner wie Luxemburg unerwartet vorne draufgeht, dann bricht das fragile deutsche Gebilde wie ein Kartenhaus zusammen – so ähnlich war das bereits beim Hinspiel gegen die Slowakei zu beobachten. Wenn der Bundestrainer dann in der Kabine plötzlich auch noch drauflospressen würde, indem er vom Inhaltlichen wegginge in seiner Ansprache und stattdessen brüllte und polterte: Man will nicht wissen, wie etwa die zweite Hälfte von Luxemburg verlaufen wäre. „Natürlich kann man bei der Mannschaft auch mal draufhauen, es gab auch schon lautere Besprechungen“, sagte Nagelsmann dazu noch am Sonntagnachmittag.

Wie auch immer: An diesem Montag in Leipzig will die DFB-Elf das WM-Ticket lösen. Dafür sollte vieles besser werden. Möglichst direkt und ohne Umschweife.