Tilman Osterwold hat Stuttgart tolle Kunsterlebnisse beschert. Dem Württembergischen Kunstverein ist er nur eine kleine, schäbige Ausstellung wert. Warum?
Es müssen aufregende Zeiten in Stuttgart gewesen sein. Die Ausstellung mit Kunst aus dem Dritten Reich, die in den siebziger Jahren im Kunstgebäude Station machte, war Stadtgespräch. Aber auch Figuren von Duane Hanson bewegten die Stuttgarter und schockierten manchen sogar. Denn noch nie zuvor hatten sie Skulpturen gesehen, die uns Menschen so perfekt nachgebildet sind.
Zwanzig Jahre lange war Tilman Osterwold Direktor des Württembergischen Kunstvereins (WKV). Unter seiner Leitung wurde das Kunstgebäude eine der ersten Adressen in der Stadt – nicht nur für Kunst, sondern für viele Themen, die Stuttgart bewegten. Schon 1978 wurde bei einem internationalen städtebaulichen Symposium über das Wohnen in der Stadt diskutiert.
Ein paar Bücher, ein paar unkommentierte Fotos
Vor einem Jahr ist der Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher gestorben, und in seiner alten Wirkungsstätte, dem Württembergischen Kunstverein erinnert nun eine kleine Ausstellung an das, was er in Stuttgart bewegt hat. Leider ist die Schau sehr lieblos geraten, als wolle man seiner Pflicht genügen, den einflussreichen Vorgänger dabei aber keinesfalls allzu deutlich würdigen. Deshalb wurden in Vitrinen ein paar unkommentierte Fotos gelegt, und man kann in diversen Publikationen blättern. Solches Desinteresse hat Tilman Osterwold sicher nicht verdient.
Unter Osterwold war das Kunstgebäude ein lebendiges Haus
Immerhin machen die Ausstellungsplakate, die aus dem Archiv geholt wurden, mehr als deutlich, dass das Kunstgebäude in den 1980er und 1990er Jahren kein Nischendasein wie heute führte. Im Gegenteil, es war ein belebter und interessanter Ausstellungsort, an dem man mit Sonderausstellungen auch kompensierte, dass Stuttgart keine Kunsthalle besitzt – bis heute nicht. Tilman Osterwold holte internationale Künstler wie Jackson Pollock, Richard Serra oder Donald Judd nach Stuttgart. Aber er wollte nicht nur „der Wurmfortsatz des Kunsthandels sein und einzelne Künstler herausfummeln“, wie er sagte, sondern dachte breiter. Deshalb fanden auch große Themenausstellungen statt etwa zu „Exotischen Welten“.
In seinem Programm fehlten die Frauen
Rund 140 Ausstellungen hat Tilman Osterwold kuratiert und damit Stuttgart, das sich als Kunststadt lange schwertat, manches Glanzlicht beschert. Eines zeigt die spärliche Rückschau allerdings auch. Osterwold war wie die meisten Kuratoren seiner Zeit ganz auf männliche Künstler fixiert: Namen von Künstlerinnen finden sich auf seiner langen Ausstellungsliste so gut wie keine.
Hommage für Tilman Osterwold. Ausstellung des WKV bis 10. Juli, geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr