Der erste Universalgelehrte der Welt: Conrad Gessner Foto: imago/Kharbine Tapabor

Conrad Gessner pflanzte vor 500 Jahren als einer der ersten Europäer Tomaten an und hielt Meerschweinchen als Haustiere. Bekannt machten den Züricher Naturforscher seine Nachschlagewerke, in denen er das Wissen seiner Zeit sammelte.

Mitte des 16. Jahrhunderts lebte in Zürich ein Mann, der sich das Wikipedia-Prinzip zu eigen machte. Die Rede ist von dem Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gessner, der das Wissen seiner Zeit zusammentrug. Es waren bewegte Zeiten, in die Gessner hineingeboren wurde – durchaus vergleichbar mit den unsrigen. Ein Vierteljahrhundert vor seiner Geburt erschloss Christoph Kolumbus mit der Entdeckung Amerikas eine neue Welt, aus der pausenlos neue Nachrichten nach Europa strömten.

 

Wissen zuhauf, das sich durch die Erfindung des Buchdrucks schnell verbreitete. Historiker sprechen von einem ersten „information overload“, einer erdrückenden Informationsflut, die die damalige Gelehrtenwelt zu überfordern drohte. Einer, der den Überblick behielt, war der am 26. März 1516 in Zürich geborene Gessner.

Bescheidene Anfänge in Zürich

Conrad wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Das Einkommen des Vaters reicht nicht aus, um die Familie zu ernähren, sodass der Filius als Fünfjähriger zu seinem Großonkel Johannes Frick kommt. Der Züricher Kaplan erkennt die Begabung des Knaben, lässt ihm eine klassische Bildung angedeihen und weckt in ihm die Freude an der Natur. Mit 14 Jahren erhält er ein Stipendium im Züricher Großmünsterstift, wo er alte Sprachen studiert und liest, was ihm in die Hände fällt. Dank seiner Fähigkeiten bekommt er 1534 die Chance, in Paris zu studieren. Doch nimmt seine Zeit dort ein jähes Ende, als immer öfter Protestanten auf dem Scheiterhaufen landen.

Gessner, inzwischen 19 Jahre alt, kehrt nach Zürich zurück, heiratet und schreibt sich für ein Medizinstudium in Basel ein. Dort weilt er nur knapp ein Jahr, ehe er Ende 1537 als Griechischprofessor an die neu gegründete Akademie nach Lausanne berufen wird. Neben philologischen Studien verbringt er seine Zeit mit Ausflügen in die Walliser Bergwelt, wo er nach seltenen Pflanzen sucht. Eine unbändige Wissbegierde beflügelt ihn zum Studium der Pflanzenkunde antiker Schriftsteller. Vier Jahre lang wälzt er botanische Literatur, dann erscheint 1542 sein „Catalogus plantarum“, in dem er den Versuch unternimmt, etwas mehr Ordnung in die unübersichtliche botanische Nomenklatur zu bringen.

Das Google des 16. Jahrhunderts

Zurück in Zürich widmet sich Gessner seinem Herzensanliegen, das rasch anwachsende Wissen zu erschließen und durch die Publikation enzyklopädischer Werke anderen zugänglich zu machen. Er erkennt, dass man zwar immer mehr wissen kann, sich aber immer weniger im Informationsdschungel zurechtfindet. Um das schier unerschöpfliche Material zu überblicken, erfindet er eine Ablageform in Form eines Zettelkastens, die ihm erlaubt, das Gesammelte systematisch zu erfassen.

1545 erscheint seine „Bibliotheca universalis“, die erste gedruckte Bibliografie, die rund 12 000 Buchtitel mit Autoren alphabetisch auflistet. Gessner begnügt sich nicht nur mit der Nennung von Lebensdaten der Autoren und deren Werktiteln, sondern versieht diese auch mit Inhaltsangaben und kritischen Anmerkungen. Das Nachschlagewerk bietet eine Art „Suchmaschine“ zu Büchern aus allen Bereichen – das Google des 16. Jahrhunderts.

Standardwerk für Darwin

Drei Jahre später vereinfacht er die Suche, indem er die Bücher nach Sachgruppen gliedert und es so ermöglicht, bestimmte Themen nach Stichworten zu suchen. Gessner widmet sich nicht nur der Frage: Wo steht was und wie gelange ich schnell zu gewünschten Informationen? Er hinterfragt auch, was wahr ist und was falsch. Nur was er selbst nachgeprüft hat, ist für ihn Tatsache. So seziert er Maulwürfe und widerlegt Aristoteles’ Behauptung, dass diese blind seien.

Ein zweiter Meilenstein ist seine zwischen 1551 und 1558 entstandene „Historia animalium“, in der er alle damals bekannten Säugetiere, Vögel, Fische und Reptilien beschreibt. Die 3500 Seiten starke, fünfbändige Tier-Enzyklopädie mit Abertausenden von Einträgen und selbst gezeichneten Illustrationen ist das erste Inventar tierischen Lebens auf der Erde, das noch 300 Jahre später Charles Darwin als Standardwerk gilt.

Austausch mit ganz Europa

Gessner unterhält einen regen Wissensaustausch mit Gelehrten aus ganz Europa, die ihn mit Bild-, aber auch mit lebendem Anschauungsmaterial beliefern, zum Beispiel zwei Meerschweinchen von dem Augsburger Arzt Johann Munzinger. In seinem letzten Lebensjahrzehnt arbeitet er an einer Gesamtdarstellung des Pflanzenreichs, die als „Historia Plantarum“ bekannt wurde, durch seinen frühen Tod aber unvollendet blieb und erst in Teilen 1751 veröffentlicht wurde. In dieser botanischen Enzyklopädie beschreibt er als Erster die Organe von Pflanzen, zeichnet sie, klassifiziert sie, zeigt detailversessen, wie sie funktionieren – und macht so aus der Pflanzenkunde eine Wissenschaft.

Besonders groß ist sein Interesse an der Flora der Neuen Welt. Gessner besaß zahlreiche Abbildungen von südamerikanischen Gewächsen: Neben Ananas, Erdnuss, Muskatnuss, Maniok auch Papaya, Affenbrotbaum und das Guajakholz, das man als Arznei gegen die Syphilis verabreichte. Gleichzeitig war er erpicht darauf, in den Besitz von exotischen Pflanzen und deren Samen zu gelangen, um diese in seinen Gärten zu kultivieren. Neben der Tomate baute er Kürbis, Aloe vera und Pfeffer an – und als Erster Sukkulenten nördlich der Alpen.

Selbstversuche mit Tabak

Sein Wissensdurst geht so weit, dass er selbst vor pharmakologischen Eigenexperimenten nicht zurückschreckte. So verdanken wir ihm den ersten wissenschaftlichen Selbstversuch mit einem Tabakblatt. Beim Inhalieren des Rauches wird ihm schwindlig, er empfindet aber „die Kraft des Blattes wunderbar“. Selbst toxische Pflanzendrogen probiert er aus, etwa die Tollkirsche, deren narkotische Wirkung er beschreibt.

Seine Bücher werden Bestseller, er selbst über konfessionelle Schranken hinweg als Universalgelehrter anerkannt. Sogar Kaiser Ferdinand I. zieht seine Schriften zurate – obwohl die Werke des Protestanten auf dem päpstlichen Index stehen. Am 13. Dezember 1565 stirbt Gessner an der Pest. Der erste Universalgelehrte von Weltrang ist heute nahezu vergessen.