Der direkte Handel mit der Golfregion ist nur ein Sorgenfaktor hiesiger Unternehmen. Grundsätzlich sind Transportwege wie die Straße von Hormus (im Bild) ein wichtiges Nadelöhr für die exportabhängige Region rund um Tübingen und Reutlingen. Foto: Altaf Qadri/AP/dpa

Der Krieg im Iran sorgt für Sorgen bei den Unternehmen in der Region. Ex- und Importe rund um den Bereich Zollernalb stehen auf dem Spiel.

Unsicherheit, Energiepreise, Transportprobleme und Lieferketten-Risiko: Die Auswirkungen des Krieges im Iran auf die drei Landkreise Tübingen, Reutlingen und Zollernalb sind aktuell vor allem indirekt – aber sie sind deutlich. Der Handel der Unternehmen der Region Neckar-Alb mit dem 90-Millionen-Einwohnerland selbst ist in den vergangenen Jahren zwar auf ein Minimum geschrumpft – aber schon die Aus- und Einfuhren in die erweiterte Golfregion waren vor dem Krieg, angesichts anderer weltweiter Krisen, eher als ein Teil der Lösung als ein Teil des Problems betrachtet worden. Nun droht sich allein die Krise im Energie- und Logistikbereich auf unsere Landkreise mehr auszuwirken als auf andere Gegenden Deutschlands.

 

320 Unternehmer aus Tübingen und der Region schalteten sich in der vergangenen Woche online zusammen, um sich von Nahost-Experten auf den neuesten Stand der Risiken bringen zu lassen. „Der Informationsbedarf für unsere Unternehmen ist ähnlich hoch wie bei Beginn des Kriegs in der Ukraine“, sagt Martin Fahling, Außenhandelsexperte der IHK Reutlingen. Transportkosten, Energiepreise, Verfügbarkeit: „Wir gehen davon aus, dass einiges erheblich komplexer wird, selbst bei einem sofortigen Kriegsende.“ In der Region bedeutet etwa weltweite Öl- oder Gasknappheit nicht nur steigende Preise für Energie, sondern oft auch ein Ressourcenproblem etwa in der Chemie-, Kunststoff-, Pharma- oder Metallbranche. Zudem ist die Golfregion, so Fahling, „für uns ein strategisches Nadelöhr, was Handels- und Lieferrouten angeht.“ Große Reedereien mieden bereits zuvor den Suezkanal, inzwischen werde der Schiffsverkehr durch immer längere Routen ums Kap der Guten Hoffnung teurer – die Containerpreise steigen. Zugleich wird der Transport von Luftfracht durch die riesigen Sperrungen über dem Nahen Osten und zugleich der Ukraine komplexer. Luftlogistik macht für Landkreise wie Tübingen und Reutlingen zwar nur ein Minimum an Fracht-Volumen aus (bis 2 Prozent), aber einen erheblichen Anteil am Warenwert: rund 35 Prozent – etwa durch Hightech-Güter.

Außenhandelsexperte Martin Fahling von der IHK Reutlingen Foto: IHK

Die Region Neckar-Alb ist exportstark – und sie ist exportabhängig. Rund um Tübingen und Reutlingen werden seit drei Jahren rekordverdächtige 13 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr im Außenhandel gemacht. Werkzeuge, Medizintechnik, Maschinen: Für genau diese Produkte ist die Region weltweit gefragt – und sie lebt im Normalfall sehr gut davon. Die Exportquote, also der Anteil der Ausfuhren an der Produktion, ist aktuell jedenfalls auf einem historischen Höchststand: 58,9 Prozent der Industrieprodukte landete zuletzt außerhalb der Grenzen.

Dabei wird die Golfregion selbst immer attraktiver: „Investitionsgüter, Maschinenbau, Medizintechnik, Werkzeughersteller – wir haben in der Region einige bekannte Firmen, die sich mit dem Markt auseinandersetzen“, so Fahling. Die Exporte, die aus den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb in die Golf-Region fließen, lagen etwa im Jahr 2024 bei 268 Millionen Euro. Umgekehrt wurden Waren im Wert von rund 87 Millionen Euro zu uns importiert.

Aktuell kann Neckar-Alb froh sein, dass es Europa und den Binnenmarkt gibt – denn an vielen anderen Ecken der Welt brennt es lichterloh. Russland hat sich spätestens vor vier Jahren fast komplett aus dem Spiel verabschiedet, China ist ein komplizierter Teilnehmer und seit gut einem Jahr zeigen sich auch die USA als wenig verlässlicher Player. „Unplanbarkeit ist für die Unternehmen in unserer Region das größte Problem“, sagt Martin Fahling. „Neulich erst sagte ein Bosch-Vertreter zu mir, im Vergleich zur Gegenwart habe man in den Jahrzehnten zuvor Stabilität und Wachstum erlebt. Spätestens seit der Corona-Krise sei die Welt geprägt von Verwerfungen und einigen einstigen Partnern, die wegbrechen.“

Der Handel mit dem Iran selbst folgte in den vergangenen Jahrzehnten einem steten Auf und Ab – allerdings auf niedrigem Niveau. Phasen leichter Entspannung gab es Anfang der 1990er, um 2005 und zuletzt um 2017 herum, im Zuge des Nuklearabkommens. Aktuell ist er auf einem historischen Tiefstand – und war es auch schon vor Trumps Angriff.