Firmen stellen verstärkt Ruheständler ein. Betriebe auf der Baar äußern sich zum Fachkräftemangel. Einig ist man sich, dass sich „Arbeit lohnen“ müsse.
Deutschlands Arbeitnehmer werden seit Jahren immer älter.
Heute ist rund ein Viertel der Beschäftigten zwischen 55 und 64 Jahre alt, wie aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen.
Die Gründe sind vielfältig. Klar ist: Dass Arbeitnehmer immer länger arbeiten, bedeutet Herausforderungen für Unternehmen. Wie gehen diese in der Region damit um?
Auf der Suche nach Fahrern
Geschäftsführer Dominic Schelling vom Transportunternehmen Schelling Transporte aus Geisingen zeichnet ein nüchternes Bild.
In seiner Branche sei es immer schwieriger, geeignete Fahrer zu finden. Der Altersdurchschnitt steige seit Jahren. In der derzeitigen Situation rechne er damit, in fünf Jahren die Hälfte seiner derzeit beschäftigten Fahrer in den Ruhestand zu verabschieden.
„Den letzten jungen Fahrer habe ich 2011 mit 25 Jahren eingestellt. Inzwischen, 15 Jahre später, ist er immer noch als jüngster Fahrer da“, so der Geschäftsführer des Logistikunternehmens.
Eine derart alte Belegschaft findet sich aber nicht nur im demografischen Wandel begründet. Schelling räumt gleichzeitig Probleme in der Branche ein, die den Beruf für junge Menschen immer unattraktiver werden lassen.
Sie spüren den Wandel
Auch große und etablierte Unternehmen spüren den Wandel. Straub Verpackungen aus Bräunlingen feierte kürzlich sein 200-jähriges Bestehen.
Geschäftsführer Steffen Würth ist seit 30 Jahren im Unternehmen und blickt mit gespaltenen Gefühlen auf die Entwicklungen in der Arbeitswelt: „Wir sind ein Traditionsunternehmen ohne Chai-Latte-Mentalität, aber das heißt nicht, dass wir uns den aktuellen Gegebenheiten nicht stellen müssen. Beim Blick in unsere Altersstruktur stellen wir fest, dass der Altersdurchschnitt um die Jahrtausendwende noch bei 40 Jahren lag. Heute sind wir bei 43 Jahren unter den männlichen Beschäftigten“, so Würth.
Auch die Chancen betont
Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer biete auch Chancen. Wichtig sei hier vor allem eine gute Unternehmenskultur, dann kämen auch Ruheständler gerne zurück an den Arbeitsplatz. „Mir fallen hier direkt zwei Beispiele ein. Einer war Abteilungsleiter in der Produktion und ist nun als Minijobber beschäftigt. Vor allem sein Nachfolger profitiert von seiner Erfahrung.“ Erfahrung bedeute Effizienz, und das sei für jedes Unternehmen wertvoll. Auch in Phasen eines hohen Krankheitsstands unterstützten immer wieder Ehemalige auf Zuruf, ergänzt Steffen Würth.
Die Firma Frei Lacke aus Bräunlingen sieht ebenfalls Vorteile in der Beschäftigung nach dem Renteneintritt. „Wir bieten einzelnen Mitarbeitenden eine Anschlussbeschäftigung an, um ihr wertvolles Fachwissen noch eine Zeit lang für Wissenstransfer und Rückfragen im Unternehmen zu halten“, erklärt Arno Hoffmann, Abteilungsleiter im Personalmanagement.
Von 15 bis 70
Gleichzeitig zeige sich, dass viele auch im höheren Alter gerne weiterarbeiten. „Insgesamt sind bei uns heute Beschäftigte zwischen 15 und 70 Jahren tätig, teils sogar generationenübergreifend innerhalb von Familien“, sagt Hoffmann.
Arbeitsumfeld und -bedingungen unterliegen in vielen Branchen derzeit einem grundlegenden Wandel: Neben der fortschreitenden Digitalisierung rücken etwa ergonomische Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeitmodelle und gesundheitsfördernde Maßnahmen stärker in den Fokus. „Herausforderungen sehen wir vor allem in körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten sowie in der langfristigen Sicherung von Fachwissen“, sagt daher Dagmar Zimmermann, Personalleiterin der Fürstenberg Brauerei. Unterstützung seitens politischer Entscheidungsträger sieht sie in der Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen, die es „Unternehmen erleichtern, altersgerechte Arbeitsplätze zu gestalten und Beschäftigte möglichst lange gesund im Arbeitsleben zu halten“. Gleichzeitig sei es wichtig, die duale Ausbildung weiter zu stärken und junge Menschen frühzeitig für handwerkliche Berufe zu begeistern. Denn wo die Mehrheit der Beschäftigten immer älter werde, brauche es starke Programme, um junge Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Starke Programme vonnöten
Die Erwartungen an Arbeit, Sinnhaftigkeit und Work-Life-Balance verändern sich. Auch hier sieht Steffen Würth einen Strukturwandel: „Wir sind ein Land mit einem hohen Wohlstand. Manchen Jüngeren fehlt das Bewusstsein, dass es dauerhaft Leistung braucht, um diesen Wohlstand aufrechtzuerhalten.“
Auch Dominic Schilling zeigt sich mit Blick auf die jungen Arbeitnehmer frustriert: „Es ist ja nicht nur, dass die Bevölkerung altert, vielmehr bekomme ich täglich vor Augen geführt, wie wenig die junge Generation zu leisten bereit ist.“ In einem sind sich die Unternehmer einig: Arbeit muss für Menschen, egal welchen Alters, attraktiv bleiben.
Hier hat der Transportunternehmer eine klare Botschaft an die Politik. „Lasst den arbeitenden Menschen mehr Netto vom Brutto. Arbeit muss sich wirklich lohnen“, fordert Schelling.