Zweckverbandschef Tobias Bernecker (links) mit Stadtbahn-Aktivist Albrecht Dorow Foto: Kistner

Die öffentliche Debatte über die Reaktivierung der Talgangbahn geht weiter – Gelegenheit, Für und Wider zu erörtern, boten am Mittwoch und Donnerstag gleich vier Ortstermine an der Bahnstrecke.

Albstadt - Zehn Haltepunkte soll es an der neuen Talgangbahn geben; von besonderem planerischem Interesse sind die beiden Endstationen in Ebingen und Onstmettingen und die drei Haltestellen, an denen Begegnungsverkehr stattfinden soll: die Bahnhöfe in Tailfingen und Truchtelfingen und der Halt am Gymnasium Ebingen. Vier dieser fünf Haltepunkte hatten sich die Stadt und die Organisatoren vom Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb für Informationsveranstaltungen unter freiem Himmel ausgesucht; im Schnitt nahmen 20 bis 30 Bürger pro Ortstermin das Angebot an. Das Gymnasium Ebingen und Truchtelfingen waren am Mittwochnachmittag und -abend an der Reihe, Onstmettingen und Tailfingen am Donnerstag.

Zug fährt im Halbstundentakt

Nicht allen, die gekommen waren, konnte Matthias Laug, Planer der DB Engeneering & Consulting GmbH, etwas Neues sagen; sie waren entweder erklärte Verfechter des Projekts, selbst an der Planung beteiligt, beim ersten Talgangbahn-Infoabend in Onstmettingen zugegen oder Zeugen von Laugs Vortrag in der Aprilsitzung des Gemeinderats gewesen. Allerdings war dort manches nur kursorisch behandelt oder am Rande erwähnt worden – und im übrigen waren nicht wenige, die es betraf, diesen Veranstaltungen fern geblieben. Sie erhielten nun aus Laugs Mund die wesentlichen Informationen, sei es zum Gesamtprojekt, sei es zu Details, die den jeweiligen Haltepunkt betrafen.

Nämlich diese: Die neue Talgangbahn soll im Halbstundentakt zwischen dem Ebinger und dem Onstmettinger Bahnhof verkehren und den 8,3 Kilometer langen Weg in etwa 20 Minuten zurücklegen. Die Bahnsteige werden 120 Meter lang sein, mit der Option, sie für den Fall, dass mehr Wagen benötigt werden, auf 140 Meter zu verlängern. Der Bahndamm wird neu aufgebaut, es werden neue Gleise verlegt und Brücken gebaut, die Bahnübergänge werden den aktuellen rechtlichen Vorschriften angepasst und verkehrstechnisch abgesichert. Für parallel zur Strecke verlaufenden Straßen, beispielsweise die Ebinger Mühlesteigstraße oder die Tailfinger Landhausstraße, kann das bedeuten, dass schwerer Lastverkehr sie nur in einer Richtung befahren darf. Die Übergänge für Fußgänger werden durch Umlaufsperren abgesichert – sie sind 1,50 Meter breit, nicht labyrinthisch geführt und, wie Laug versichert, daher auch für Rollstuhlfahrer befahrbar.

Diesel ist keine Option mehr

Unter seinen Zuhörern, besonders denen in Ebingen und Onstmettingen, waren etliche Skeptiker. Wie lange bleibe die Schranke unten, wenn der Zug vorbeifährt? Zwei bis fünf Minuten? Aber da sei der Dauerstau in der Mühlesteig- und der Johannes-Mauthe-Straße doch vorprogrammiert! Werde der Zug nicht Lärm und Erschütterungen verursachen? Nein, versicherte Tobias Bernecker, der Zweckverbandsgeschäftsführer – man habe es hier nicht mehr mit dem dieselbefeuerten "Triebel" von einst zu tun, sondern mit einem geräuscharmen modernen Zug, der, je nach Tankinfrastruktur, entweder mit Wasserstoff oder mit Strom fahre – vor dem Umbau der Zollernbahn mit Batterie, danach mit Oberleitung. Im übrigen werde es Gutachten geben und Gespräche mit Bahnanwohnern, in denen der Einzelfall geprüft und Schutzmaßnahmen eingeleitet werden könnten. In dieser Diskussion schlugen die Wellen hoch – auf der einen Seite stand der Hauseigentümer, der um den Wert seiner Immobilie fürchtet, in die er sechsstellig investiert habe, auf der anderen der Bahnbefürworter, der versicherte, er habe die Hauptstraße vor und die Bahn hinter dem Haus – er wisse genau, was schlimmer sei.

Keine Großstädter

Auch nach der sogenannten "Anschlussmobilität" wurde gefragt – der 44er-Bus, so die Bahngegner, bringe seine Fahrgäste viel näher an die Haustür als der Zug. Nicht in jedem Fall, widersprachen die Bahnbefürworter, auch Busnutzer kämen nicht umhin, hin und wieder umsteigen. Im übrigen werde es künftig Möglichkeiten der Anschlussmobilität geben, die heute noch gar nicht ausgeschöpft seien: Park & Ride, Elektrobus, E-Bike, E-Scooter. Der vierte und letzte Informationstag zum Thema Bahnreaktivierung soll ausschließlich diesem Thema gewidmet sein. Termin ist der 24. Mai, Veranstaltungsort die Ebinger Festhalle.

Wer allerdings gemeint hatte, das Projekt stehe und falle mit der Anschlussmobilität und der Konkurrenzfähigkeit der Bahn gegenüber dem Zug, der sah sich am Ende getäuscht: Auch und gerade in Onstmettingen, wo das Thema am virulentesten erschien, ließen die Bahngegner am Ende erkennen, dass es ihnen gar nicht so sehr um die Rettung des Busses zu tun war. Der sei doch auch nur voll, wenn die Schule beginne, und fahre zu allen anderen Tageszeiten leer, wurde argumentiert – der Bahn werde es nicht anders ergehen! Wieso? Weil der Albstädter nun mal kein Großstädter sei – er fahre Auto, wenn er könne, und lasse sich durch dreimal Stau am Tag davon nicht abhalten.

Ablehnen könnte teuer werden

Genau das bezweifeln die Bahnbefürworter. Der motorisierte Individualverkehr, werde, wenn nichts passiere, irgendwann so überhandnehmen, das nichts mehr gehe, prophezeite Stadt Friedrich Rau von den Grünen, und Oberbürgermeister Klaus Konzelmann schickte noch eine weitere Prognoses hinterher: "Ihr werdet es euch noch überlegen, wenn der Sprit erst mal 2,50 kostet." Uli Metzger, Stadt- und Kreisrat für die Freien Wähler, machte eine weitere Rechnung auf: Wenn alles nach Plan laufe, dann werde die Stadt Albstadt weder für die Sanierung noch den Betrieb der Talgangbahn aufkommen müssen – lehne sie das unverhoffte Geschenk aber ab, dann werde sie Unsummen investieren müssen, nur um ihre Unterhaltspflichten an der verwahrlosten Bahnstrecke zu erfüllen: "Selbst wenn die Bahn sich als Flop erweisen sollte, profitieren wir" – die Strecke sei dann nämlich tipptopp in Schuss und könne zu viel günstigeren Konditionen umgenutzt werden.

"Ich bin 60 – für mich wird sie nicht gebaut"

Wobei Metzger nicht an einen Flop glaubt: Überall, argumentierten die Befürworter, hätten sich Bahnreaktivierungen bisher als Erfolg erwiesen. Allerdings, das wissen sie, setzt das voraus, dass die Albstädter ihr Verhalten in Sachen Mobilität ändern – und wahrscheinlich ist es das, wodurch sich die Gegner der Reaktivierung besonders provoziert fühlen: Sie bekommen nicht nur gesagt, dass sie sich ändern sollen, sondern dass sie es werden – wer hört so etwas schon gern?

Wobei der Wandel so manchen vielleicht nur am Rande betrifft – das Durchschnittsalter der Diskussionsrunden war relativ hoch. "Die Bahn kommt noch nicht nächstes Jahr", gab OB Konzelmann zu bedenken. "Ich bin 60 – und die meisten von euch nicht jünger. Wenn sie gebaut wird, dann nicht für uns."