Familie Turan ist eine der zwei neuen „Bärenkinder“-Familien. In Hausach fühlen sich Ayse und Hüseyin sehr wohl, was ihnen Rückhalt bietet, um für Sohn Musa da zu sein.
„Das Schicksal hat uns nach Hausach geführt“, strahlen Ayse und Hüseyin Turan. Ihr kleiner Musa klopft dazu fröhlich mit seiner Tonie-Figur auf den Tisch. Der Dreijährige ist ein neugieriger Junge voller Entdeckungsdrang – daran hindern ihn auch seine Behinderungen nicht, von denen seine Eltern seit der Geburt häppchenweise erfahren haben.
Und diese verlieren kein Wort über das Pech, das ihr Kind verfolgt, sondern sie sprechen nur über das Glück, dass sie sich in Hausach unterstützt fühlen.
Ayse Turan ist in Lahr aufgewachsen, hat in Stuttgart ihren Mann kennengelernt und in Albstadt den Handelsfachwirt gemacht. Als ihr Bruder nach einem schweren Unfall pflegebedürftig wurde, zogen die beiden zurück in die Nähe von Ayses Eltern, um sie zu unterstützen. Ihre Wohnung war allerdings voller Schimmel.
Nach und nach erfuhren Eltern von den Handicapsihres Sohnes
Als die junge Frau schwanger wurde, nahmen die Turans die nächste Wohnung, die ihnen angeboten wurde. So kamen sie nach Hausach. Bis zur 30. Schwangerschaftswoche schien alles in Ordnung. Dann stellte die Frauenärztin eine Schwangerschaftsvergiftung fest, ihr Kind musste fast acht Wochen zu früh geholt werden.
„Unser kleiner Kämpfer wog gerade mal 1550 Gramm, musste über eine Maske beatmet und über eine Sonde ernährt werden“, erzählt die 34-jährige Ayse Turan von den schwierigen ersten Wochen auf der Frühchen-Intensivstation. Nach fast einem Monat, als Musa selbstständiges Atmen und Trinken gelernt hatte, durften sie mit ihm nach Hause.
Ihr Kind habe „etwas am Herz“, das müsse aber nichts bedeuten. Manche Kinder kämen mit einem Loch im Herzen zur Welt, das von alleine wieder zuwächst. Es bedeutete doch etwas: Das „Loch“ stellte sich als biskupidale Aortenklappe heraus, die regelmäßig durch einen Kinderkardiologen überwacht werden muss.
Bald der nächste Schlag: In der Uniklinik Freiburg wurde eine starke Sehbehinderung festgestellt: Iriskolobome und Aderhautkolobome mit Korektopie an beiden Augen. Mit der Feststellung, das sei nicht therapierbar, schickten die Ärzte die Eltern nach Hause.
„Zum Glück hat sich unsere Kinderärztin damit nicht zufrieden gegeben“, berichtet Mama Ayse. Sie fand eine Spezial-Augenklinik in Sulzbach im Saarland, die Musa operiert hat. Die Kolobome könne man zwar nicht entfernen, aber die nach unten gerutschten Pupillen konnten dort wieder mittig operiert werden, damit wenigstens die geringe Sehkraft erhalten bleibt. Dass Musa „in seiner Welt lebt“ und die Eltern gar nicht richtig wahrnahm, hätten sie daraufhin immer auf die Augen geschoben. Doch irgendwann reichte das als Begründung nicht mehr aus.
Der Bärenadvent verhalf ihnen schon zu einem Kindersitz für Musa
Das Sozialpädiatrische Zentrum der Kinderklinik Offenburg bescheinigte dem Jungen eine Autismus-Spektrum-Störung und eine Entwicklungsverzögerung, vor allem sprachlich. „Wahrscheinlich hätten wir das alles gar nicht auf einmal ertragen. Immer, wenn wir uns gerade wieder an einen Gedanken gewöhnt hatten, kam die nächste Hiobsbotschaft“, sagt Ayse.
Ergo-, Logo-, Physiotherapie – sie nehmen alles mit, was möglich ist: „Je früher, desto wirkungsvoller, und wir haben wenigstens das Gefühl, dass wir etwas tun können.“ An eine Rückkehr in den Beruf war erst einmal nicht zu denken. Der 37-jährige Papa Hüseyin arbeitet in Offenburg bei einer Security-Firma. Als die junge Familie dringend einen Kindersitz benötigte, sprach sie bei der Frühförderung der Caritas in Haslach vor. Dort schickte man sie zum Hausacher Bärenadvent. Ganz schnell und unbürokratisch bekamen sie ihren Kindersitz, Musa wurde ein „stilles Kind“ des Hausacher Bärenadvents. Und nach einem längeren Gespräch mit Erwin Moser kam bald schon die Nachricht, dass sie eine der beiden nächsten Bärenfamilien sein dürfen. Möglicherweise sei es auch Mosers Fürsprache zu verdanken, dass sie eine der neuen Sozialwohnungen im Riegelbau des Mostmaierhofs bekamen – eine „super Wohnung zwischen netten Menschen“.
Die Turans haben bereits einen sehr guten Kontakt mit der zweiten Bärenfamilie Gerbasi. „Auf einmal sind wir von so vielen Menschen umgeben, die Verständnis für uns haben, die uns einfach guttun“, sagt Ayse Turan. So etwas wie der Hausacher Bärenadvent sei etwas Einmaliges. Noch nie hätten sie so eine Solidarität erfahren wie in Hausach.
Die finanzielle Hilfe könnten sie natürlich gut gebrauchen, die emotionale und mentale Unterstützung sei aber viel wichtiger: „Wir fühlen uns einfach nicht mehr alleingelassen.“ Wenn Musa von der nächsten Augen-OP genesen ist, darf er in den Schulkindergarten nach Offenburg – er wird bald ein Geschwisterchen bekommen. Obwohl man ihnen gesagt hatte, eine Schwangerschaftsvergiftung müsse sich nicht wiederholen, gibt es nun doch wieder Anzeichen dafür. Familie Turan hofft, dass ihr zweites Kind so lange wie möglich im Bauch bleibt und gesund zur Welt kommt.
Hintergrund
Bikuspidale Aortenklappe:Angeborene Fehlbildung, erfordert regelmäßige Kontrolle per Ultraschall. Später Klappenaustausch möglich. Augenkolobome mit Korektopie: Ein Kolobom ist eine sehr seltene angeborene Spaltbildung im Auge. Ursache ist meist eine fehlerhafte embryonale Entwicklung. Autismus-Spektrum-Störung: Neurologische Entwicklungsstörung mit sozial-emotionalen Beeinträchtigungen. Früher Fördern ist wichtig.