Kopfüber und rund um die eigene Achse schwebt Emma Weiß bei ihren Sprüngen durch die Lüfte Foto: Ole Bothe

Ski-Freestylerin Emma Weiß will auch in der kommenden Saison wieder – wortwörtlich – hoch hinaus. Für den ersten Weltcup ist sie an den Ort zurückgekehrt, an dem ihr Aufstieg an die Weltspitze begann.

„Gestartet im kleinen, schönen Schwabenland und jetzt ist die Weltspitze mein Zuhause.“ Unter anderem mit diesem Satz stellt sich Emma Weiß auf ihrer Website vor. An diesem Wochenende beginnt im finnischen Ruka die neue Weltcup-Saison für die 23-jährige Albstädterin – und damit eine neue Chance, den Platz in ihrem neuen Zuhause zu verteidigen.

 

Ruka ist für Emma Weiß ein ganz besonderer Austragungsort. Die Aerials-Athletin durfte sich 2020 auf eben jener finnischen Schanze über ihre erste Podestplatzierung im Weltcup freuen. Ihre bisherige Bestplatzierung bis dahin? Rang 21. In Ruka öffnete sich für Weiß die Tür zur Weltspitze. Seitdem ist sie nicht aus ihrem neuen Zuhause ausgezogen.

Ziel: Super-Finale

Ist es nun – drei Jahre später am selben Ort – an der Zeit, den ersten Weltcup-Sieg anzupeilen? So weit möchte die 23-Jährige noch nicht gehen, auch weil sie Dinge wie die Leistungen der Konkurrenz oder die Bewertungen der Punktrichter nicht selbst beeinflussen kann. Doch zumindest das Super-Finale, also den letzten Durchgang der besten sechs Athletinnen, in dem es um die Podestplätze geht, möchte sie erreichen. „Dort werden die Karten dann sowieso neu gemischt.“

„Im Sommer werden die Sieger gemacht“

Seit mehr als zwei Wochen ist die Albstädterin mit ihrem Trainer Michel Roth und dem Schweizer Aerials-Team bereits in Finnland, um sich gezielt auf den Weltcup-Auftakt vorzubereiten. Doch das Schuften für einen erfolgreichen Winter läuft bereits seit einigen Monaten, genauer gesagt seit Mai. „Im Sommer werden die Sieger gemacht“, pflegt Weiß zu sagen. Mit hartem Training und etlichen Sprüngen auf Wasserschanzen schaffen die 23-Jährige und ihre Kolleginnen die Grundlagen für eine möglichst gute Wettkampfsaison. In gewisser Weise sei die Sommersaison sogar wichtiger als der Winter selbst, verrät Weiß.

Nach dem ersten Weltcup in Finnland geht es direkt weiter nach China, wo in Changchun zwei Wochen später bereits der zweite Wettkampf ansteht. Danach stehen im Februar und März die weiteren Veranstaltungen in Deer Valley (USA), Lac-Beauport (Kanada) und Almaty (Kasachstan) an. Auf die vielen Reisen, die Zeitverschiebung und eventuelle Komplikationen aufgrund von Jetlag ist Emma Weiß inzwischen gut vorbereitet. Sie hat diverse Tricks und Routinen, um an den sechs Terminen jeweils voll leistungsfähig zu sein.

Nur sechs Weltcup-Termine

Diese Saison 2023/24 ist mit nur sechs Weltcups kürzer als ein typischer Winter. Wenige Wettkämpfe bedeuten, dass die Bedeutung der einzelnen Wochenenden mit Blick auf die Gesamtwertung, in der Weiß im vergangenen Winter Sechste war, größer wird. Erhöht das den Druck? Und falls ja, könnte das zu einer Beeinträchtigung werden? „Druck hat man immer“, geht Weiß gelassen mit den Rahmenbedingungen um. Sie hat sogar einen anderen Blickwinkel: „Ich würde sagen, dass ich relativ wettkampfstark bin. Vielleicht kann mir das sogar zugutekommen. Außerdem bin ich dem Sprungrepertoire, das ich im Weltcup zeigen werde, schon sehr erfahren“, ist die 23-Jährige zuversichtlich.

Die meisten ihrer Kontrahentinnen im Platz um die vorderen Plätze kennt Emma Weiß bereits aus den letzten Jahren. Dennoch sei es sehr schwierig, das Level der Konkurrenz vor dem ersten Wettkampf einzuschätzen: „Jede Nation arbeitet im Sommer für sich, wovon man sehr wenig mitbekommt.“ Das „Scouting“ anderer Springerinnen sei jedoch ohnehin nebensächlich, findet Weiß: „Am Ende geht es nur darum, dass ich meine bestmögliche Performance abliefere. Und dann schauen wir eben, wo ich damit lande.“

WM und Olympia bereits im Hinterkopf

Auch wenn der Fokus der 23-Jährigen aktuell natürlich voll und ganz auf der kommenden Saison liegt, schwirren auch die beiden nächsten Großereignisse in ihrem Hinterkopf herum: die Weltmeisterschaften in St. Moritz (Schweiz) im März 2025 und natürlich die nächsten Olympischen Winterspiele 2026 in Italien. Wie viele andere Athletinnen und Athleten auch denkt Emma Weiß sozusagen in olympischen Zyklen. „Nach den Spielen ist vor den Spielen“, meint sie. Sofort nach ihrem Olympia-Debüt 2022 in Peking richtete sich der Blick bereits auf die nächsten Spiele in vier Jahren. Je näher diese rücken, umso mehr möchte die Albstädterin bereit sein. Und das aus gutem Grund, denn: Ihr größter Traum ist eine Medaille bei einem Großereignis – am liebsten natürlich bei Olympia.

Karriereende erst nach 2030 eine Option

Die junge Freestylerin weiß darüber hinaus schon jetzt: „Ich will auf jeden Fall noch bei zwei Olympischen Spielen – also 2026 und 2030 – an den Start gehen.“ Erst danach will sie sich mit der Option eines Karriereendes befassen. Bis dahin soll der große Traum von olympischem Edelmetall in Erfüllung gegangen sein. Außerdem soll am besten auch der ein oder andere „Globe“, die Trophäe für den Weltcup-Gesamtsieg, in ihrer Vitrine stehen. „Das ist noch einmal eine andere Auszeichnung, weil sie vor allem Konstanz belohnt. Bei einem Globe weißt du: ‚Ich war eine ganze Saison lang die Beste!‘“, so Emma Weiß. Schon in der kommenden Saison nach diesem Globe zu greifen, wäre vielleicht etwas verfrüht. Aber wer weiß? Der Grundstein für eine erfolgreiche Weltcup-Saison wird an diesem Wochenende in Ruka gelegt. Eins ist aber klar: Emma Weiß will ihren Platz an der Weltspitze um jeden Preis verteidigen. Schließlich ist das ihr Zuhause.