Vor der Coronavirus-Pandemie hat Konfliktberater Johannes Stockmayer Vorträge vor Publikum gehalten. Beim Winterlinger Tabor Schulungszentrum hat er nun vor 30 Zuhörern online referiert. Archiv-Foto: Göttling Foto: Schwarzwälder Bote

Onlinevortrag: Konfliktberater erlebt eine starke Zunahme an Anfragen von ratsuchenden Kirchengemeinden

Das Angebot der Kirchengemeinden muss sich nach Corona verändern, meint Gemeindeberater Johannes Stockmayer. Und: Online-Angebote verlören an Interesse – der Mensch suche die Gemeinschaft. Trotzdem hat er selbst online referiert – noch.

Winterlingen. "Beziehungen müssen gepflegt werden", sagt Johannes Stockmayer, Sozialpädagoge, Gemeindediakon, freiberuflicher Gemeindeberater, Seelsorger und geistlicher Begleiter im Onlinevortrag des überkonfessionellen Tabor Schulungszentrums. Wie aber geht das in Krisenzeiten wie der Coronavirus-Pandemie? Wie sieht gute Gemeinschaft aus und wie gelingt gutes Krisenmanagement und ein Gleichgewicht trotz unterschiedlicher Interessen? Diese Fragen stellen sich laut Stockmayer aktueller und brennender denn je.

Infolge der Pandemie bekommt er zunehmend mehr Beratungsanfragen nach Auseinandersetzungen: "Wegen Problemen, welche die Krise deutlich nach oben gespült hat." Eine Erklärung dafür liefert Stockmayer, der seit 20 Jahren als Konfliktberater arbeitet, gleich mit: "Man ist gerade emotional am Anschlag. Oft reicht eine Kleinigkeit und es explodiert."

Zugleich seien Menschen derzeit noch mehr aufeinander angewiesen und merkten eher, wie ihr jeweiliges Gegenüber tickt. Dies gelte auch für Kirchengemeinden. Die Umsetzung von Sicherheits- und Hygieneauflagen beinhalte auch zeitaufwendige Entscheidungs- und Beratungsprozesse und dementsprechend viel Diskussion.

Am einfachsten hätten es Gemeinden, die möglichst pragmatisch sind, aktuelle Regeln und Angebote verantwortungsbewusst sowie flexibel annehmen – und gut kommunizieren. Auch Online-Angebote könnten das Frustrationslevel herabsetzen.

Pfarrer sind der Kitt der Kirchengemeinde

"Sehr viel liegt an den jeweiligen Pfarrern, ob es ihnen gelingt, ihre Gemeinde zusammenzuhalten und für sie da zu sein. Eine große Gemeinde mit eher anonymer Gemeinschaft hat es jetzt allerdings schwerer, den Kontakt und die Beziehung zu erhalten."

Begegnungen seien für eine gute Beziehungsarbeit aber unverzichtbar. Schließlich wolle jeder Mensch gesehen, wertgeschätzt und verstanden werden. "Wir müssen uns füreinander interessieren und aufeinander zugehen. Gegenseitige Akzeptanz ist die Grundlage von Beziehungen", sagt Stockmayer. Je länger die Pandemie andauere, desto mehr Initiative sei gefragt, um Beziehungen wieder zu reaktivieren.

Der Gemeindeberater verspürt anders als zu Beginn der Pandemie eine wachsende Müdigkeit gegenüber Internetformaten: "Sie verlieren ihren Reiz und man hat keine Lust mehr darauf, da die Präsenz und die persönliche Beziehung fehlt." Sinkende Einschaltquoten für Online-Gottesdienste belegten das. Das könne angesichts des hohen Aufwands eine Enttäuschung für viele Ehrenamtliche sein. Aber umgekehrt gilt auch: "Präsenzveranstaltungen brauchen künftig ihre Begründung. Eine abgelesene Predigt ohne Emotionen wird hierzu nicht ausreichen. Hingegen wird die persönliche Ebene, das Gebet miteinander und das Gespräch nach dem Gottesdienst gefragt sein."

Für die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen sei entscheidend, ob es ihnen gelingen wird, sich als "Beteiligungsgemeinde" zum Mitmachen neu zu erfinden.

Der Berater und Autor spiritueller Bücher rät christlichen Gemeinschaften "zur Suche nach dem geistlichen Selbstverständnis, einem klaren Auftrag, konkreten Zielen und umsetzbaren Schritten."

Um bei den Menschen wahrnehmbar zu sein, komme es auf den Fokus und auf die Ausstrahlungskraft durch Wertschätzung, Interesse und Beziehungsarbeit an. Wichtig dafür seien gegenseitiges, persönliches Vertrauen und Verständnis trotz unterschiedlicher Sichtweisen rund um das Thema Corona.

Am besten durch die Krise kommen laut Johannes Stockmayer Gemeinden und Gemeinschaften, die angesichts neuer Situationen "Mut finden, auch Neues zu wagen und die sich auf die Hauptsache konzentrieren: das Evangelium zu verkünden."

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