Ringpräsident Walter Sieber wendet sich mit einem Schreiben an die Narren. Foto: Schwarzwälder Bote

Brauchtum: Ringpräsident Walter Sieber äußert sich zur Absage des Narrentreffens in Benzingen

Eigentlich sollte am heutigen Freitag mit dem traditionellen Ringabend das 43. Ringtreffen des Narrenfreundschaftsrings Zollern-Alb eröffnet werden. Doch die große Narrenparty fällt aus; in Benzingen bleibt es still. Die Gründe liegen auf der Hand.

Winterlingen-Benzingen. Das 43. Ringtreffen, das im Rahmen des Jubiläums der Germanenzunft in diesem Jahr in Benzingen über die Bühne gehen sollte, war schon im Sommer mit Weitblick abgesagt worden, obwohl damals noch niemand ahnen konnte, dass das Coronavirus keine andere Wahl lassen, ja dass der zweite Lockdown keine Veranstaltungen egal welcher Größe zulassen würde.

In einer emotionalen Botschaft wendet sich Ringpräsident Walter Sieber vor dem Wochenende, an dem eigentlich ganz Benzingen Kopf stehen sollte, an die Benzinger Narrenzunft "Alte Germanen", die Mitgliedszünfte des Narrenfreundschaftsrings Zollern-Alb und alle Narren, die jährlich mit Herzblut die Fasnet herbeisehnen. "Wenngleich an diesem Tage, wie auch schon Wochen und Monate zuvor, die Worte Corona, Pandemie und Lockdown unser Leben bestimmen, möchte ich an unsere geplante Veranstaltung erinnern", schreibt Sieber, der 22 Jahre lang Präsident der Narrenzunft "Alte Germanen" war. "Unsere Fasnet und unser Brauchtum sind ein wertvolles Kulturgut, das es zu bewahren und auszubauen gilt. Die Fasnet ist fester Bestandteil unseres Jahreskalenders und hat die gleiche Berechtigung wie beispielsweise Ostern und Weihnachten", stellt er fest. Das Narrentreffen wie auch die Straßen- und Saalfasnet seien zwar in diesem Jahr abgesagt – doch nicht die Fasnet.

Sieber erinnerte weiter daran, dass das 50-jährigen Bestehen der Narrenzunft Alte Germanen Benzingen der Anlass sei, weswegen der Narrenfreundschaftsring Zollern-Alb sein 43. Ringtreffen nach Benzingen vergeben habe. Bereits Ende 2017 hatte die Herbstringversammlung ihre Zustimmung erteilt. Die Narrenzunft Alte Germanen war 1971 gegründet worden. Nach Vorlagen aus der Germanen-, vornehmlich aber aus der Stein- und Bronzezeit, tritt sie in Fellen und mit historischen Waffen auf. Seit 1983 ist sie Mitglied im Narrenfreundschaftsring Zollern-Alb. "Im Lauf der Jahre ist sie zur festen Größe in unser närrischen Familie herangewachsen und weit über die Grenzen des Zollernalbkreises hinaus bekannt und beliebt. Mit zahlreichen großen Veranstaltungen hat sie bewiesen, dass die kleine Albgemeinde ein würdiger und guter Gastgeber für große Veranstaltungen ist", schreibt Sieber.

Neben Ringtreffen, auch für den Narrenring Alb-Lauchert, wurden in den vergangenen Jahren fünf Narrentreffen an die Germanenzunft vergeben. Das diesjährige Ringtreffen ist nicht das erste, das in Benzingen hätte stattfinden sollen und schließlich abgesagt wurde: 1991 sollte schon einmal ein Ringtreffen, nämlich das 13., in Benzingen über die Bühne gehen; aufgrund des Ausbruchs des Golfkriegs wurde es jedoch kurzfristig abgesagt. Benzingen war bestens vorbereitet, das Zelt aufgestellt; 55 Zünfte hatten ihre Zusage erteilt. Ein erhebliches finanzielles Minus in der Vereinskasse war die Folge der Absage.

Indes war nur zwei Jahre später, 1993, der Rückschlag vergessen, und es tummelten sich am Festwochenende mehr als 5000 Narren in Benzingen. 2001, anlässlich ihres 30-jährigen Bestehen, war die Germanenzunft Gastgeberin des 23. Ringtreffens. Immer noch nicht genug, wurde selbst der 33. Geburtstag zum Anlass genommen um 2004 diesmal ganz Benzingen in ein großes Narrendorf mit 18 Besenwirtschaften zu verwandeln. Höhepunkt war jedoch der Eintritt ins Schwabenalter – anlässlich ihres 40. Geburtstags luden die Germanen 2011 zu einem bislang einmaligen Doppelringtreffen auf die Alb ein: Sowohl die Narren des Narrenrings Alb-Lauchert als auch die des Narrenfreundschaftsrings Zollern- Alb gaben sich in Benzingen ein Stelldichein.

"Man kann es nun auch als Zufall oder gar Schicksal bezeichnen, dass es unsere Germanen nun 2021 wegen der Corona-Pandemie erneut mit einer Absage trifft. Diesmal vielleicht nicht ganz so hart und mit finanziellen Verlusten, aber dennoch tut die Absage im Herzen der Narren weh", stellt Sieber fest. Mit großem Elan und Vorfreude hätten sich die "Alten Germanen" an die Vorbereitungen und die Planungen für ihren 50. Geburtstag gemacht – und im Juli dann doch die Vorbereitungen für das Ringtreffen eingestellt.

Dabei habe es so viele gute Ideen gegeben: Brauchtum beim Ringabend und beim Ringumzug sowie eine "germanische Thing-Party" am Samstag waren in Planung. Der Samstag sollte ganz im Zeichen des Narrensamen stehen, denn zeitgleich war das 22. Kinderringtreffen geplant. Die Schirmherrschaft für die Jubiläumsveranstaltungen hätte Gerlinde Kretsch­mann übernommen. Doch jetzt kommt alles anders – die Fasnet muss auf Abstand und im Herzen gefeiert werden.

Indes hat Walter Sieber auch gute Nachrichten zu verkünden: Der Antrag zur erneuten Ausrichtung des Ringtreffens im Jahr 2022 liegt bereits vor. Die Lautlinger Narrenzunft Kübele-Hannes hat auf die Ausrichtung des 23. Kinderringtreffens 2022 verzichtet und es aus Solidarität mit den Germanen zurückgegeben. Der Ringpräsident bleibt optimistisch: "Dass unser Brauchtum auch in Corona-Zeiten lebt, zeigt sich seit Dreikönig in besonderem Maß. Es ist erstaunlich, mit welcher Kreativität und wie vielen Ideen unsere Zünfte, aber auch einzelne Narren, hier neue Wege gehen." Die "Alten Germanen" haben die Benzinger aufgerufen, die Fasnet trotz Kontaktbeschränkungen hochzuhalten. Man könne den Ort mit vielen kleinen Narrenbäumen schmücken, etwa, indem man den ausgedienten Weihnachtsbaum in einem bunten Narrenbaum vor der Haustür verwandelt. "Wir würden uns freuen, wenn sich in den nächsten Tagen und Wochen unser Ort mit vielen kleinen Narrenbäumen schmücken würde."

Auf den traditionellen Bürgerball verzichtet die Zunft trotz Pandemie nicht – er wird stattdessen in etwas ungewohnter Form online stattfinden. "So kann jeder Germane und jeder Narr die Fasnet im Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer oder wo auch immer bei sich daheim feiern", erklärt Sieber.

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