Gibt für die USA alles: Chloe Kim Foto: imago images/AFLOSPORT

Der US-Snowborderin würde mit dem dritten Olympiasieg in Serie ein ganz besonderes Kunststück gelingen – doch Chloe Kim zeigt nicht nur in der Halfpipe Haltung.

Bei Olympischen Spielen geht es, logisch, um Medaillen. Aber nicht nur. Es geht auch um Gesichter, um Geschichten, um Glamour, um Geld. Und manchmal um alles zusammen. Wie bei Chloe Kim (25).

 

Die US-Amerikanerin ist eine Snowboard-Ikone. Schon 2014 wäre sie in Sotschi eine der Favoritinnen gewesen, durfte aber nicht mitmachen, weil sie zu jung war. 2018 holte sie als 17-Jährige in Pyoengchang mit waghalsigen Sprüngen Gold in der Halfpipe, vier Jahre später wiederholte sie dieses Kunststück in Peking. Sie verzauberte die Sportwelt erneut mit ihrem Lächeln, die charismatische Überfliegerin hatte aber auch etwas zu erzählen. Über Druck. Den Rummel. Den Trubel. Und dass sie die ständige Aufmerksamkeit nach ihrem ersten Olympiasieg so krank gemacht habe, dass sie sich professionell behandeln lassen musste. „Ich erkenne jetzt meine Grenzen und habe einen guten Therapeuten“, sagte sie damals in Peking, „der nächste Abschnitt der Reise wird machbar sein.“ Nun ist sie wieder an einem wichtigen Ziel angekommen. In Livigno.

Chloe Kim fährt mir einer lädierten Schulter

Chloe Kim ist immer noch der Star der Szene. Bei den Winterspielen im Norden Italiens will sie als erste Snowboarderin den dritten Sieg in Serie holen. Am Mittwoch in der Qualifikation setzte sie schon mal ein Ausrufezeichen, war mit 90,25 Punkten die Beste. Und trotzdem weiß sie, dass es alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, das Gold-Triple zu schaffen. Auch weil in der Vorbereitung einiges schief lief.

In luftiger Höhe: Chloe Kim Foto: AFP

Chloe Kim flog mit einer lädierten Schulter nach Italien. In den vergangenen Wochen hat sie kaum trainieren können, nachdem Ende Januar bei einer Übungseinheit in der Schweiz die Gelenklippe – ein Knorpelring in der Schulterpfanne – gerissen war. Zuvor hatte sie nach einem Sturz im Training bereits die Weltcup-Veranstaltung in Colorado absagen müssen. Die Olympischen Spiele sind für Chloe Kim der erste Wettkampf der Saison, aber nicht nur deshalb eine riesige Herausforderung. Sie muss, wie sie selbst erklärte, eine „sehr fest fixierte“ Schulterbandage tragen, um ein Gefühl der Stabilität zu bekommen. Zugleich kann sie sich weniger frei bewegen, als sie es gewohnt ist. Optimistisch gibt sie sich dennoch. „Sobald ich im Wettkampf bin und mich auf die Tricks konzentriere, die ich zeigen will, ist mein Kopf komplett leer“, erklärte Chloe Kim, „ich werde in diesem Moment nicht an meine Schulter denken.“

Die mögliche Nachfolgerin von Chloe Kim steht schon parat

Als größte Konkurrentin sieht die dreimalige Weltmeisterin, die zudem bei X-Games achtmal Gold gewann, eine 17-jährige Südkoreanerin an, in der sie sich selbst wiedererkennt. Gaon Choi bezeichnet Chloe Kim als ihr Idol, genau wie ihr Vorbild will sie schon als Teenagerin Olympiasiegerin werden. Die US-Amerikanerin lobte Choi zuletzt in höchsten Tönen. Und erklärte, sich wegen ihr nicht nur alt zu fühlen, sondern auch so, als würde sich ein Kreis schließen. „Ich habe sie kennengelernt, als sie gerade erst mit Halfpipe-Snowboarden angefangen hat“, sagte Kim, deren Eltern aus Südkorea stammen, „manchmal denke ich, in ihr mein Spiegelbild zu sehen.“ Doch es gibt noch mehr Gründe, um die aktuelle Lage zu reflektieren.

Denn natürlich wurde auch Chloe Kim, die dank ihrer Werbeerlöse hinter Ski-Freestylerin Eileen Gu (23 Millionen Euro) und Abfahrerin Lindsey Vonn (acht Millionen Euro) mit Jahreseinnahmen von angeblich 4,5 Millionen Euro zu den drei Topverdienerinnen der Winterspiele gehört, Covermodel von Modezeitschriften war und auch in der TV-Show „The Masked Singer“ als Qualle eine gute Figur abgab, nach ihrer Meinung zu den Auseinandersetzungen zwischen Präsident Donald Trump und Teilen des US-Olympiateams gefragt. Die Debatte über die Vorgänge rund um Minneapolis gingen ihr „sehr nahe“, antwortete die Snowboarderin. „Die USA haben meiner Familie und mir so viele Möglichkeiten eröffnet, aber ich finde auch, dass wir als Athleten das Recht haben, unsere Meinung zu den derzeitigen Ereignissen zu äußern“, sagte sie zudem, „wir müssen mit Liebe und Mitgefühl vorangehen, und ich würde mir wünschen, dass dies öfter der Fall wäre.“

Es war eine Aussage, mit der sie eines deutlich machte: Es geht ihr bei den Olympischen Spielen zwar um Gold, aber auch um Haltung. Nicht nur in der Halfpipe.