Der Pazifist Winfried Hermann besinnt sich aus seine politischen Wurzeln. Damit ist der Landesverkehrsminister nicht allein. Doch seine Mitstreiter entstammen einer anderen Zeit.
Winfried Hermann ist in der dritten Wahlperiode Landesverkehrsminister unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann und gilt gemeinhin als der letzte Grüne im Kabinett. Klimafreundliche Mobilität ist seine Mission, seine Leidenschaft für die Politik entwickelte er im Umfeld des Nato-Doppelbeschlusses vom Dezember 1979, an dem drei Jahre später die sozialliberale Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) zerbrach. Die Pershing-Raketen wurden stationiert – wenige Jahre später verendete der Sowjetkommunismus.
Hermann schloss sich damals der Friedensbewegung an und ist „auch heute noch der Überzeugung, dass man pazifistisch leben kann und pazifistisch Politik machen kann“. Gesagt hat der 72-Jährige dies am Montagabend im Kulturzentrum Merlin im Stuttgarter Westen. Das zahlreiche Publikum bestand zu einem guten Teil aus Veteranen der Menschenkette über die Schwäbische Alb im Jahr 1983 und all der vielen Friedensdemonstrationen und Kasernenblockaden jener Jahre. Graue Haare, graue Bärte und – was die Weltlage betrifft – graue Gedanken prägten das Bild im voll besetzten Bühnensaal. Bis vor die Tür drängten sich die Interessierten. Hundert waren es allemal.
Dies zeigt zweierlei: Es existiert in den Kapillaren der Gesellschaft ein Befremden über den nahezu vollständigen Ausfall einer argumentativen Auseinandersetzung darüber, wie mit dem Krieg in der Ukraine umzugehen ist. Nachdenkliche Einwürfe von Jürgen Habermas – einer der weltweit renommiertesten Philosophen der Gegenwart – werden gerade noch so geduldet. Wer auf politischer Ebene – wie Rolf Mützenich, der SPD-Fraktionschef im Bundestag – das Wort Verhandlungen nur in den Mund nimmt, wird medial niederkartätscht.
Dies mag mit der Offensichtlichkeit von Putins Angriffskrieg zu erklären sein, doch beantwortet ein rhetorischer Bellizismus noch nicht die Frage nach einer Lösung für den Konflikt. Möglicherweise, das ist die zweite Erkenntnis des Pazifistentreffens im Merlin, gibt es eine Generationenscheide. Wortführer einer massiven militärischen Hilfe für die Ukraine finden sich gerade unter jungen Akademikern – also in jenem Milieu, das einst den grünen Pazifismus trug.
Unter dem Titel „Aufbruch zum Frieden“ sammelt Hermann nun Mitstreiter für eine Initiative, die den Gedanken einer Verhandlungslösung popularisieren soll. Im Merlin hatte er Susanne Büttner, evangelische Pfarrerin und Dekanin für den Strafvollzug im Land, an seiner Seite. Außerdem unterstützen ihn der Leiter der Volkshochschule Reutlingen, Ulrich Bausch (SPD), sowie der Tübinger Friedensforscher Thomas Nielebock. Die Theologin übte Kritik an ihrer Kirche, die sich ausschweige – „oder sie unterstützt die Waffen“. Der SPD-Mann Bausch warf seiner Partei vor, nach der sozialen Glaubwürdigkeit auch ihr Ansehen als Friedenspartei zu verspielen. Das Handeln des russischen Präsidenten Putin erkennt er als Reaktion auf die Nato-Osterweiterung, die auf Druck der US-Rüstungsindustrie erfolgt sei. Russland aus der Ukraine zu vertreiben, hält er für aussichtslos. Putin sei weder militärisch noch wirtschaftlich geschwächt. Nielebock beschwor in Friedensforschermanier die Überlegenheit des zivilen Widerstand gegenüber einer militärischen Verteidigung.
Diese These erscheint angesichts russischer Kriegsverbrechen wie dem Massaker an Zivilisten in der ukrainischen Stadt Butscha jedoch verwegen. Der Begriff der Freiheit fiel im Merlin kaum. Und möglicherweise war die Nato-Osterweiterung nicht nur dem Wunsch geldgeiler amerikanischer US-Kapitalisten entsprungen, sondern entsprach auch dem Sicherheitsinteresse der gerade in die Freiheit entkommener Ostmitteleuropäer. Letztlich geht es doch um die Frage, ob allein ein Arsenal an Atomwaffen den Anspruch auf Suprematie begründen kann. Die Amerikaner haben da, nüchtern betrachtet, mehr zu bieten als die Russen. Demokratie zum Beispiel.