So kontrovers und emotional das Thema Windkraft diskutiert wird: Beim Infomarkt der Gemeinde Vöhringen mit Ständen der Behörden, Naturschutzverbände sowie Windkraft-Gegner und Befürworter in der Tonauhalle anlässlich des Bürgerentscheids am 9. Juni ist es störungsfrei zugegangen.
Soll die Gemeinde Vöhringen eigene Grundstücke in Waldgebieten an Windkraftbetreiber verpachten? Diese Frage hatten die meisten Besucher in der Tonauhalle für sich bereits beantwortet, wie eine Abfrage von Moderatorin Christiane Freitag vom Forum Energie-Dialog zeigte. Pro oder Contra, das blieb dabei unbeantwortet.
Gekommen waren diesmal auch wesentlich mehr Vöhringer und Wittershauser als Auswärtige, die bei der Veranstaltung der Bürgerinitiative Gegenwind Kraftgruppe Sulz-Dornhan-Vöhringen in der vergangenen Woche in der Tonauhalle deutlich in Überzahl waren.
Erfahrungen aus Fluorn-Winzeln
Die Infoveranstaltung hatte den Anspruch, ausgewogen zu sein. Auch wenn sich der Gegenwind-Sprecher Armin Neu beklagte, die Bürgerinitiative sei unterrepräsentiert. Dem widersprach der Erste Landesbeamte Hermann Kopp: „Ich habe schon Windkraftanträge abgelehnt, aber auch genehmigt“, unterstrich er die neutrale und objektive Haltung des Landratsamts, das mit dem Regierungspräsidium an einem Stand vertreten war.
Weitere Info-Stände hatten das Dialogforum Naturschutz zusammen mit BUND und Nabu, die Gemeinde Vöhringen und die neu gegründete Bürgergruppe pro Windenergie. „Ich bin genau so neutral wie das Landratsamt“, sagte der Forstwissenschaftler Drik Schindler. Der frühere Bürgermeister Bernhard Tjaden aus Fluorn-Winzeln erzählte über die Erfahrungen mit Windkraft in seiner Gemeinde.
Keine Verhandlungen bei „Nein“
Ausgelegt war in der Halle auch Broschüre der Gemeinde zum Bürgerentscheid. Aufgeführt werden darin unter anderem die sechs derzeit in Frage kommenden Windkraftstandorte im südlichen und nördlichen Gemarkungsteil, das Pro und Contra einer möglichen Verpachtung sowie Informationen zum Bürgerentscheid selbst.
Damit dürfe nicht über Rechtsfragen entschieden werden. Auch beziehe dieser sich ausschließlich auf gemeindeeigene Flächen, erläuterte Bürgermeister Stefan Hammer. Wenn ein Privateigentümer verpachten wolle, habe das die Gemeinde nicht in der Hand. Er versicherte, dass bislang noch keine konkreten Verhandlungen mit potenziellen Investoren stattgefunden hätten. Bei einem „Nein“ des Bürgerentscheids würden auch keine aufgenommen.
Unabhängige Stromversorgung
Hammer machte keinen Hehl daraus, dass er ein Windkraft-Befürworter ist. Die Vertreter der Gemeinderatsfraktionen hielten mit ihrer Meinung ebenfalls nicht hinterm Berg. Axel Plocher (Freie Wähler) war bei einer Exkursion nach Oberwolfach so schockiert über den Flächenverbrauch im Wald durch den Bau von Windrädern, dass er sich in Vöhringen dagegen ausspricht.
„Ich habe es nicht so spektakulär gesehen“, schilderte Kornelia Ullmann (Freie Bürger) ihren Eindruck von der Besichtigung des Windparks. Sie sah zwei Möglichkeiten: Nichts zu tun und zu sagen, Klimaschutz ja, aber nicht vor der Haustür, oder sich bei der Stromversorgung unabhängig zu machen – so verträglich wie möglich.
Ein emotionales Thema
Es gehe nicht um pro oder contra Windkraft, sondern nur um die Verpachtung gemeindeeigener Flächen und damit um die Teilhabe an der Umsetzung der Energiewende in Vöhringen, verdeutlichte Andrea Kopp (CDU).
Es sei ein emotionales Thema, räumte der Wittershauser Gemeinde- und Ortschaftsrat Helmut Maier ein. Mit der Autobahn habe die Gemeinde bereits viele Flächen abgegeben, Krach und Dreck in Kauf genommen. „Unser Erholungsgebiet liegt im Wald“, sagte er. Daher sollten dort keine Windräder gebaut werden.
Eine „große Sauerei“
An den Infoständen ist anschließend teilweise emotional diskutiert worden. So hat es Luca Bonifer vom Dialogforum, wie sie berichtete, empfunden. Artenschutz sei aber auch ein komplexes Thema. Die Sorge um des Wald und den Naturschutz ist auch am Stand des Regierungspräsidiums zur Sprache gekommen. „Der Artenschutz fällt nicht unter den Tisch“, versicherte Sabine Stampf.
Bei der Bürgerinitiative Gegenwind sei gefragt worden, wie viele Anlagen in Vöhringen gebaut werden und wie hoch sei sein sollen, teilte Klaus Vosseler mit. Armin Neu hatte sich zuvor über eine „große Sauerei“ beklagt: „Unsere Banner wurden verschmiert, in Wittershausen sind sie sogar gestohlen worden.“ Wenn die Täter sie nicht zurückbrächten, werde er Anzeige erstatten.
Es gibt Fragen und Antworten
„Wir hatten einen regen Zuspruch“, freute sich Joachim Ehni von der Bürgergruppe pro Windenergie, allerdings seien die Gespräche auch hier emotional verlaufen. Viele hätten gefragt, ob man Windkraft brauche oder doch eher Kernkraft vorziehen solle. Ehni verdeutlichte den Standpunkt seiner Gruppe: „Wir werden ein Prozent des Waldes verlieren, um für das Klima etwas Gutes zu tun.“ Dirk Schindler beantwortete Fragen zum Klimawandel, der Energiewende und vor allem zum Wald.
Auf einer Stellwand konnten die Teilnehmer der Informationsveranstaltung ihre Fragen formulieren. Bei einer abschließenden Runde mit den Vertretern des Landratsamts, des Regierungspräsidiums, der Gemeinde, des Dialogforums und dem Forstwissenschaftler Dirk Schindler wurden sie, thematisch zusammengefasst, in einer Abschlussrunde beantwortet.
Siedlung, Landwirtschaft und Wald
Zur Frage nach der Zahl der Anlagen sagte Bürgermeister Stefan Hammer, dass die Standorte noch nicht endgültig festgelegt seien. Dem Plan zufolge sind auf Vöhringer Gemarkung zwar sechs Punkte markiert. Dabei handele es sich aber um ein Szenario: Es könne auch eine Anlage mehr oder weniger sein. Das seien die Rahmenbedingungen, die nach Hammers Einschätzung eine deutlich höhere Anzahl nicht zuließen.
Warum sollen die Windkraftanlagen im Wald gebaut werden? Dirk Schindler: Andere Flächen seien belegt von Siedlungen, Verkehr und Landwirtschaft. Daher brauche man die Waldflächen. Der Rückbau der Anlagen werde Vertrags- und Verhandlungsgegenstand sein.
Windmessung ist wichtig
Er räumte ein: Den Zustand wie 20 Jahre vorher werde man nicht wiederherstellen können. Knackpunkt bei der Entsorgung seien, ergänzte Luca Bonifer, die Rotorblätter aus Verbundstoffen, jedoch tue es sich hier viel in der Forschung.
Zum immer wieder kritisierten Windatlas sagte Schindler, dass dieser lediglich ein „erstes Werkzeug zur Analyse des Standorts“ sei und der Vorauswahl diene. Ausschlaggebend sei vor allem die Windmessung.
Dachbegrünung statt Photovoltaik
Welche Subventionen erhalten Windkraftbetreiber? „Mir sind keine bekannt“, erklärte Schindler. Offenbar aber der Bürgerinitiative Gegenwind, dessen Sprecher Armin Neu sich ungefragt ans Mikrofon drängte. Ohne Subventionen würden sich die Investitionen nicht rechnen, behauptete er.
Warum hat die neue Gemeindehalle keine Photovoltaikanlage auf dem Dach? Bürgermeister Hammer begründete dies damit, dass wegen des ELR-Zuschusses Dachbegrünung verlangt wurde und dadurch Photovoltaik erschwert worden wäre. Zudem hätte man befürchten müssen, dass sich die Statik verändern und die Kosten erhöhen würden. Hammer kündigte an, dass jetzt vorgesehen sei, die gemeindeeigenen Dachflächen auf Photovoltaik untersuchen zu lassen.
Zum Bürgerentscheid teilte Hammer mit, dass das Ergebnis, sofern das Quorum zustande komme, für drei Jahre rechtlich bindend sei, für ihn persönlich durchaus auch länger.