Ein Castor-Transport auf den Gleisen – bald eine Option für Sulz? (Symbol-Foto) Foto: dpa/Jason Tschepljakow

Der Vorschlag, statt Windräder einfach hochradioaktiven Atommüll in Sulz zu haben, hat in den vergangenen Wochen zu Diskussionen geführt. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung erklärt, was die Voraussetzungen für das Menschheitsprojekt sind.

Rollen bald die Castor-Behälter über den Bahnhof Sulz in den Salzstollen? Für Stadtrat Stefan Link (AfD) ist dies durchaus möglich.

 

Seine Idee: „Stellt im InPark A81 ein eigenes kleines Kernkraftwerk auf. Als Projektierer die ENBW. Schließt andere Gemeinden daran an und generiert Einnahmen.“

„Schnapsidee des Jahrhunderts!“

Dank der Stadthistorie habe man sogar gleich ein Endlager für Atommüll in Sulz zur Hand – und zwar den Sulzer Salzstollen. „Perfekter kann man es gar nicht haben wie wir Sulzer hier“, erklärt er.

Wobei Link mit seinem Alternativvorschlag zu Windkraftanlagen freilich für viel Kopfschütteln, ja teilweise schieres Entsetzen sorgt.

„Ein Atom-Endlager im Sulzer Salzstollen – das ist die Schnapsidee des Jahrhunderts!“, bezeichnet Tobias Nübel (CDU) diese Gedankenspiele in der vergangenen Gemeinderatssitzung.

Mehreinnahmen mit Atomkraftwerk?

Und auch in der Facebook-Gruppe „News Sulz a.N. und Umgebung“ ist von Begeisterung wenig zu spüren. „Wehret den Anfängen, ich will so ein Ding nicht in Sulz und erst recht kein Endlager im Salzstollen“, kommentiert ein Nutzer.

Es gibt jedoch auch andere Stimmen. „Für mich persönlich ist es viel schlimmer, dass Gemeinderäte die Zerstörung des Waldes unterstützen, damit die Stadt Mehreinnahmen hat“, beschreibt ein anderer seine Sorgen.

Worauf er die Antwort erhält: „Also für mich ist viel schlimmer, dass ein Gemeinderat ein Atomkraftwerk und ein Endlager in Sulz möchte, damit die Stadt Mehreinnahmen hat.“

Milliarden für die Stadtkasse?

In der Gemeinderatssitzung hatte Link das Gremium auf zusätzliche Möglichkeiten hingewiesen. So suche der Bund schon seit Jahrzehnten nach einem Ort für ein Endlager. „Da macht man Milliarden, nicht nur 34 Millionen“, erläutert er mit Blick auf die erwarteten Einnahmen für die Stadt durch die Verpachtung für Windkraft.

Atommüll aus 63 Jahren

Doch wie sieht es mit der Lagerung von Atommüll in Deutschland aus? Das Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) beschäftigt sich mit dieser Frage.

Aktuell lagern 10 500 Tonnen hochradioaktiver Abfälle aus 63 Jahren deutscher Kernkraftgeschichte – etwa in den Zwischenlagern Ahaus, Gorleben und Lubmin.

Über 4,7 Milliarden Euro Kosten

Ab 1967 wird der Salzstollen Asse II zum Lager für 125 787 Fässer Uran, Plutonium und diverser Chemikalien. Doch seit 1988 trat Grundwasser in die unterirdischen Hohlräume ein, im April 2024 liefen durchschnittlich 10 000 Liter in den Schacht.

Die Bergung des Atommülls soll nun spätestens 2033 erfolgen. Bis Beginn der Rückholung werden die Kosten auf rund 4,7 Milliarden Euro geschätzt. Derweil laufen die Genehmigungen für die Zwischenlager Ahaus, Gorleben und Lubmin 2034 und 2036 aus.

500 Jahre Rückholmöglichkeit

Doch welche Voraussetzungen muss ein Endlager – beispielsweise im Sulzer Salzstollen – erfüllen? Zwischen 300 und 1500 Meter tief sollen die rund 1900 Castor-Behälter vergraben werden und eine Million Jahre dort ruhen.

Allerdings muss sichergestellt sein, dass man die ersten 500 Jahre die Behältnisse wieder nach oben bringen könnte. „Unsere Nachfahren sollen Jahrhunderte später noch in der Lage sein, Material, Mengen, Strahlenkonzentration und Gefahrenpotenzial zuerkennen“, heißt es in der November-Ausgabe des Magazins.

Standortsuche bis 2074

Eigentlich sollte der passende Standort im Jahre 2031 gefunden sein, wird sich jedoch – mit einer Verzögerung von 43 Jahren – bis 2074 hinziehen.

Zu diesem Zeitpunkt sind allerdings noch keine einzige unterirdische Kaverne angelegt, die überirdischen Einrichtungen gebaut, geschweige denn die nuklearen Überreste im Erdboden versenkt.

Karstgebiet Baden-Württemberg

Werden diese Baumaßnahmen in Sulz durchgeführt werden? Das Beispiel Asse II zeigt, dass Wassereintritt ein Ausschlusskriterium ist. Auch darf sich der Untergrund über Hunderttausende Jahre hinweg nicht bewegen.

Im Dezember 2023 haben sich auf Kastell große Löcher – sogenannte Dolinen – aufgetan. „Rund 40 Prozent Baden-Württembergs ist Karstgebiet“, hatte Uwe Krüger, Vorsitzender des Landesverband der Höhlen- und Karstforschung damals unserer Redaktion zu dem Phänomen erklärt.

Vor allem bei der Schwäbischen Alb bestehe der Boden häufig aus Muschelkalk. Durch Regenwasser, das dort versickere, entstünden häufig Hohlräume und Spalten.

Sulz eher „ungeeignet“

„Wäscht das Wasser zu viel aus, bricht der Hohlraum ein und die Erde darüber sackt ab“, erläuterte er. Wenn man sich die im November 2024 veröffentlichte Karte der BGE für potenzielle Regionen für ein Endlager betrachtet, merkt man, dass das Gebiet südlich von Stuttgart – und somit auch Sulz – geologisch nicht darunterfällt.

Es gehört zu den 64 Prozent der Bundesrepublik, die sich als „ungeeignet“ oder „gering geeignet“ erweisen. Möglicherweise sind Windräder unter diesen Voraussetzungen die bessere Einnahmequelle für die Stadt.