Der „Gersbacher Luchs“ hat nun einen Namen: Juro heißt er, und er streift inzwischen am Belchen herum.
Es war eine spektakuläre Begegnung, die Enrico Beckmann aus Gersbach Anfang September auf dem Weg zur Arbeit in Todtmoos hatte – und geistesgegenwärtig mit seinem Smartphone festhielt: Ein junger Luchs am Straßenrand, einen Rehbock an der Kehle gepackt, und keineswegs unmittelbar auf der Flucht angesichts des unverhofften menschlichen Beobachters in seinem Auto.
Im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt
Beckmann hatte nicht nur im ersten Moment die richtigen Foto-Reflexe, sondern machte auch im Nachgang alles richtig: Er meldete seine Beobachtung dem örtlichen Jagdpächter, der wiederum das Wildtiermanagement an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg informierte. Die Experten dort ordneten die Sichtung als ausgesprochen bemerkenswert ein – und stellten das Wildtier noch am selben Abend, indem sie ihm dort auflauerten, wo es seine Beute – besagten Rehbock – nach dann doch noch hingeschleppt und versteckt hatte: Betäuben, untersuchen, „besendern“ – dann wurde das Tier wieder in die Freiheit entlassen.
Das Wildtier ist Richtung Belchen gezogen
Einige Tage lang tauchte das Tier offenbar in einen Funkloch ab, dann konnte er wieder geortet werden. „Das Sendehalsband des Tiers funktioniert einwandfrei und schickt regelmäßig Daten mit den neusten Positionen des Luchses“, erklärt Jens Seeger, Luchs-Experte der FVA, auf Anfrage unserer Zeitung. Erkenntnis: Der junge Luchs - ein Männchen (Kuder) übrigens, und eineinhalb bis zwei Jahre alt – ist weiterhin im Großraum Schopfheim unterwegs. Inzwischen aber ist er offenbar ein wenig weitergezogen in Richtung Nord-Westen und befand sich zuletzt im Großraum um den Belchen, ergänzt Seegers Kollegin Linda Kopaniak.
Dass der junge Kunder sich unsere Gegend als neue Heimat auserkoren hat, ist damit allerdings noch nicht sicher. „Luchse gelten erst als territorial, wenn sie über einem Zeitraum von sechs Monaten im gleichen Gebiet sicher nachgewiesen wurden“, erläutert Kopaniak. „Juro gilt entsprechend noch als „umherstreifend. Wo sich das Tier zukünftig niederlässt, bleibt abzuwarten.“
Wie hat der Luchs den Rhein überquert?
Auch, wo der Luchs sein bisheriges Leben verbracht hat, ist nicht ganz klar. Da er bei Schopfheim erstmals nachgewiesen wurde, ist laut FVA die Herkunft aus der Schweiz naheliegend – „die Schweizer Kollegen kennen das Individuum aber nicht“. Das indes ist kein „Gegenbeweis:“ Nicht alle Luchse, die in der Schweiz leben, seien dem Monitoring mit ihrem individuellen Fleckenmuster bekannt, daher sei ein Abgleich mit Luchsen aus anderen Vorkommen zur Herkunftsklärung nicht immer möglich. Auch, an welcher Stelle der Luchs nach Baden-Württemberg eingewandert ist, ist unklar. „Sicher ist nur, dass das Tier den Oberrhein gequert haben muss, entweder schwimmend oder über eine Brücke“, erläutert Luchsexperte Seeger.
Jäger vergeben den Namen
Seinen Namen Juro hat der junge Luchs im Übrigen vom Landesjagdverband erhalten, welcher die Patenschaft für zugewanderte Luchse übernimmt. Das Ergebnis ist durchaus klangvoller und für den Laien eingängiger als die wissenschaftliche Bezeichnung des Luchsindividuums: B 3016.