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Wildnis in Deutschland Zurück zur wilden Natur

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Bäume im Nationalpark Bayerischer Wald: In großen Teilen des mehr als 24 000 Hektar großen Gebietes gilt der Grundsatz „Natur Natur sein lassen“. Foto: dpa

Stuttgart - Wildnis. Das Wort hat einen magisch-verzauberten Klang. Unwillkürlich denkt man an ausgedehnte, vom Menschen völlig unberührte Landschaften, wie sie in Kanada, Sibirien, Amazonien oder der Antarktis noch existieren. In denen seltene Tiere wie Tiger und Luchse umherstreifen, Biber und Otter leben, Bäume und Pflanzen ungezügelt wachsen und Flüsse mäandern können wie es ihnen beliebt. In dem Wort spiegelt sich die Sehnsucht des Menschen wieder nach einer ursprünglichen Natur, in der wirtschaftliche Interessen außer Kraft gesetzt sind und wo sich Flora und Fauna nach ihren eigenen Gesetzen entfalten können und sich selbst überlassen sind, unabhängig vom menschlichen Eingreifen und Gestalten.

Deutsche wünschen sich mehr naturbelassenen Lebensraum

Die Deutschen mögen Wildnis, sind für naturnahe Wälder und Flussauen und lehnen Gentechnik in der Natur ab. Knapp zwei Dritteln von ihnen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Das ist eine Erkenntnis aus der Naturbewusstseins-Studie 2013, die am Montag im Bundesamt für Naturschutz in Bonn vorgestellt wurde. Zum ersten Mal wurde in der seit 2009 dritten repräsentativen Umfrage intensiv das Thema Wildnis behandelt. Häufig dachten die Befragten bei dem Begriff zunächst an exotische Tiere wie Löwen, Elefanten und Krokodile. 44 Prozent fielen dabei Wälder, Regenwald oder Dschungel ein. Letztere gibt es in Deutschland nicht, aber Wälder. Fast 80 Prozent der Deutschen können sich gut vorstellen, dass es gerade dort mehr Wildnis gibt. Abgestorbene Bäume und Totholz gehörten in den Wald, sagen sie.

Die Bundesregierung hat den Trend längst erkannt und will der Natur wieder mehr Flächen zurückgeben. Es sei beschlossen worden, bis zum Jahr 2020 rund zwei Prozent der gesamten Landesfläche der Bundesrepublik Deutschland einer natürlichen Entwicklung zu überlassen, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). „Das ist etwa eine Verdoppelung dessen, was wir bis heute haben.“ Die Natur werde auf diesen Flächen sich selbst überlassen und dann entstehe, wie es in der Fachsprache heiße, Wildnis.

Echte Wildnis gibt es in Mitteleuropa nicht mehr

Doch was gemeinhin als Wildnis verstanden wird, hat mit einer völlig unberührten Landschaft nur wenig zu tun. In Mitteleuropa und Deutschland dürfte es keine Region geben, die einem ursprünglichen Urwald entspricht. Überall finden sich menschliche Fußspuren. Was in Deutschland kreucht und fleucht, ist das Ergebnis einer Jahrtausenden alten Nutzung. Wildnis ist wie Natur kein eindeutig definierbarer Begriff. Beides sind soziokulturelle Konstrukte. Die jeweiligen Vorstellungen von Wildnis sind geprägt von der Kultur eines Landes, von den Werten, die eine Gesellschaft prägen und auch ganz persönlichen Überzeugungen. Was heute als Wildnis empfunden und herbeigesehnt wird, ist also kein urwüchsiges Stück Natur, sondern eine Kulturlandschaft.

Schon der griechische Philosoph Aristoteles definierte Natur als das, was aus sich selber heraus wächst und gedeiht. Bei diesem Verständnis ist es im Prinzip bis heute geblieben. Wer heute Natur schützen will und sie als Urwald erhalten will, muss ihren Lebensrhythmus und den Kreislauf von Werden und Vergehen zulassen, ohne gestaltend einzugreifen. Der Begriff Wildnis taucht erstmals im 15. Jahrhundert auf. Er leitet sich vom Mittelhochdeutschen „wiltnis“ ab und meint das Gegenteil von menschlicher Zivilisation und Kulturlandschaft – „die ungezähmte, unbebaute, nicht überformte und nicht(intensiv) genutzte Natur“, wie es in der Naturbewusstseins-Studie heißt. In der amerikanischen „Wilderness“-Bewegung des 19. Jahrhunderts fand diese Deutung ihre philosophische Grundlage. Hier wurde die Natur idealisiert und zum Gegenpol einer menschlich gestalteten Kulturlandschaft stilisiert.

Die Natur hat ihren Schrecken verloren

Nur gibt es diese Wildnis schon lange nicht mehr. „Wildnis ist eine kulturell geprägte, typisch menschliche Denkfigur“, heißt es in der Studie. „Die Wahrnehmung und Bewertung von wilder Natur änderte sich im Laufe der Geschichte.“ Vor der Aufklärung und Romantik galt die Wildnis als Ort der Gefährdung und Bedrohung. Der Mensch strebte danach, sie zu gestalten, in Kulturlandschaften umzuformen und so den Schrecken zu nehmen. Heute hat die Natur – zumindest in Deutschland – ihren Schrecken verloren. Weitgehend gefahrlos können wir auf kartografierten Wegen durchwandern und erkunden.

Nach Aussage des Natursoziologen und Wanderforschers Rainer Brämer leben wir in selbstgeschaffenen künstlichen Welten. Die Sehnsucht nach dem Unberührten, Ursprünglichen habe mit echter Wildnis nichts zu tun, sondern sei eine Fiktion. Der Mensch werde in eine inszenierte Natur entführt, in der er sich „gestresste Seelen“ eine Auszeit von der „Hyperzivilisation“ nehmen können.

Gesellschaftlicher Trend: Zurück zur Natur

Den Trend Zurück zur Natur beobachtet auch Gerd Ahnert vom Nationalpark Eifel. Allerdings sei Wildnis im Wald heute eher ein Ziel denn ein Zustand. Es gebe aber Waldflächen, die seit 40 Jahren nicht gerodet worden seien. Da sei die Richtung zu erkennen. Solche Wälder müssten aber auch zu erleben sein. „Der Mensch schützt nur, was er kennt“, sagt Ahnert. Im Naturpark gebe es auf 11 000 Hektar etwa 200 Kilometer Wanderwege. Das sei ein Spagat: Den Naturschutztouristen sei das zu viel, den kommunalen Touristikern zu wenig. „Aber eigentlich kann man bei dieser Lösung alles sehen, nur nicht von jeder Stelle.“ In der Befragung sprechen sich je ein Drittel der Befragten entweder für einen Zugang auf bestimmten Wegen oder mit Führungen aus.

Ein solcher Nationalpark sei eben auch ein Tourismusfaktor, sagt Roland Gramling, Sprecher der Umweltschutzorganisation WWF. Das beste Beispiel sei der Nationalpark Harz. Selbst die härtesten Gegner hätten irgendwann sagen müssen, dass die Einrichtung wirtschaftlichen Erfolg gebracht habe. Dort werde belegt, dass Wildnis oder Nationalpark auch den Menschen in der Region etwas brächten. „Das hat ja nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen ökonomischen Sinn“.

Wildnis-Begriff neu entdeckt

Seit den 1990er Jahren hat der Naturschutz den Wildnisbegriff wieder entdeckt. Er ist zu einem Synonym geworden für ein Leben mit der Natur. Wildnispädagogen locken mit Wildniscamps, Outdoor-Hersteller werben mit reinen Naturerlebnissen, Naturschutzverbände fordern Rückzugsgebiete für bedrohte Pflanzen und Tiere. Die „Sehnsucht nach Wildnis“, heißt es in der Studie, könne als „postmoderner Wunsch nach Ursprünglichkeit und Unkontrollierbarem gewertet werden“. Wildnis ist zu einer Folie für gesellschaftliche Sehnsüchte, Utopien oder Ängste geworden.

Fast zwei Drittel der Bundesbürger (64 Prozent) sind laut Studie der Meinung, dass es in Deutschland Wildnis gibt – oder zumindest das, was sie für Wildnis halten. Doch mit ursprünglicher Natur hat dies nichts zu tun. Es gibt aber erhebliche Bemühungen, Wildnisgebiete wieder entstehen zu lassen – in Nationalparks, Biosphären- und Naturschutzgebieten. Dort versucht man aus Kulturlandschaften wie Wälder, Flussauen, Moorlandschaften oder ehemaligen Truppenübungsplätzen Rückzugsbebiete zu schaffen, wo der Mensch nicht mehr regulierend und gestaltend eingreift. Dort darf es dann auch wild zugehen. Nur 36 Prozent der Befragten sind laut Studie sind der Meinung, dass es „ordentlich“ aussehen müsse. Die Ordnungsliebe, für die deutschen bekannt sind, hat demnach in Wald und Flur ihre Grenzen.

Wiederansiedlung bedrohter Tierarten

Auch die Bemühungen zur Wiederverbreitung bedrohter oder hierzulande längst ausgestorbener heimischer Tierarten stößt auf große Akzeptanz. Allerdings werden sie nicht für jede Tierart gleichermaßen unterstützt. Etwa zwei Drittel der Deutschen befürworten eine stärker Verbreitung von Biber, Luchs und Wildkatze. Beim Wolf sind es laut Studie nur noch 44 Prozent. 41 Prozent finden das nicht gut. Gramling sieht es als großen Erfolg an, dass der Wolf von sich aus zurückgekehrt sei. „Es ist ja keine Wiederansiedlung, sondern der Wolf kam aus freien Stücken.“ Wenn es um den aus Nordamerika eingewanderten Waschbären geht, sinkt die Zustimmung auf knapp die Hälfte.

Neu erwachte ökologische Sensibilität

Die Befragung zeigt, dass sich ein Großteil der Deutschen (83 Prozent) über den sorglosen Umgang mit der Natur ärgert. Zwei Drittel fürchten, dass es für die kommenden Generationen kaum noch intakte Natur geben wird. Hier gibt es allerdings einen Widerspruch: Denn die Befragten sprechen den Menschen zwar die Pflicht zu, die Natur zu schützen (56 Prozent), sich selbst aber sehen sie weniger in der Verantwortung. Persönlich engagieren wollen sich nur 18 Prozent.

Das sei eben die Realität, mit der die Menschen leben müssten, sagt der Geowissenschaftler Manfred Frühauf vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung an der Universität Halle. Der Mensch denke sehr kurzzeitig. Es müsse der Allgemeinheit klar gemacht werden, dass das, was heute nicht erledigt werde, den Enkeln und der nächsten Generation zur Last falle.

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