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Wildberg Kamelhof-Züchter schreibt über sein Lebenswerk

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Wilhelm Breitling signiert sein Buch »Ein Leben mit Kamelen«. Foto: Müssigmann/Kraufmann

Wildberg - Wie auf einem orientalischen Bazar ging es jüngst in einer Ecke der Festhalle in Wildberg-Schönbronn (Kreis Calw) zu: Menschen drängten sich um einen Verkaufstisch, sie wollten Kamelsättel und rote Kordeln zu deren Befestigung, kleine Plüschkamele oder Plakate längst vergangener Kamelfeste auf dem einst so bekannten Hof von Wilhelm Breitling in Rotfelden (Kreis Calw) ergattern. Als Erinnerung.

Der Rotfelder Kamelhof ist Ende Januar 2013 abgebrannt, 86 Dromedare und Trampeltiere sind in den Flammen gestorben. Wilhelm Breitling hat sein Lebenswerk in nur einer Nacht verloren, das er mit Mühen über 26 Jahre aufgebaut hatte. Nun, drei Jahre nach der Katastrophe und dem Ende der bis dahin wohl größten Kamelfarm Deutschlands, hat Breitling ein Buch geschrieben: "Ein Leben mit Kamelen – Geschichten, Erfahrungen sowie Ratschläge für die Haltung". In der Schönbronner Festhalle hat er das Werk gut 250 geladenen Gästen vorgestellt.

Breitling hat alle eingeladen, die mit ihm seinen Traum gelebt haben. Zum Beispiel treue Hof-Besucher, andere Kamelhalter, Therapeuten, die auf seinem Hof Pionierarbeit in der tiergestützten Therapie mit Kamelen geleistet haben, und viele Kamel-Patenkinder. "Es ist sehr emotional", sagte Breitling am Rande der Buchvorstellung. "Viele sehe ich zum ersten Mal seit der Katastrophe wieder." Bei manchem Text, der aus dem Buch vorgetragen wurde, kamen ihm die Tränen, die er aber rasch mit dem Taschentuch fortwischte.

Das Buch zu veröffentlichen, sei nicht seine Idee gewesen, betont der 77-Jährige, der sein Leben, in dem sich alles um die Kamele drehte, nach dem Brand erstmal neu sortieren musste. Doch angesichts des riesigen Fundus’ seiner Erfahrungen und Anek­doten lässt sich leicht nachvollziehen, dass er von seiner Familie dazu gedrängt wurde.

Der Lektor und Hesse-Experte Herbert Schnierle-Lutz aus Bad Teinach (Kreis Calw) hat Breitling dabei geholfen, seine Geschichten in Form zu bringen. Schnierle-Lutz sagte bei der Lesung, er sei überrascht gewesen, wie erstaunlich gut Breitling zu schreiben vermöge. "Er erzählt schön, wie ihm der Schnabel gewachsen ist." Die Geschichten seien mal spannend, mal amüsant, mal versetzten sie den Leser in 1001 Nacht.

"Oft wird wissenschaftlichen Thesen widersprochen. Breitling hat die Tiere rund um die Uhr über Jahrzehnte beobachtet." So sei Breitlings Werk zwar nicht wissenschaftlich, sondern ein Erfahrungsbuch – das bislang erste, das die Kamelhaltung in diesem Umfang in deutscher Sprache beschreibt. Den gelernten Landwirt Breitling hat Schnierle-Lutz bei den Arbeiten am Buch gut kennengelernt: "Er ist ein gewitzter, knitzer Freigeist und Macher, der der Bürokratie ein Schnippchen schlägt und seine Ziele auf ungewöhnlichen Wegen erreicht."

Das Buch solle Nachschlagewerk für alle sein, die Fragen zur Kamelhaltung haben, sagte Breitling. Doch es ist viel mehr: Es ist die Chronik der Kamelhaltung in Rotfelden, die aus Sicht Breitlings und manchen Wegbegleiters beschrieben wird.

Bei der Lesung erinnert sich der Geschäftsführer einer Nagolder Möbelfabrik, Albert Rapp, Breitlings ehemaliger Arbeitgeber, an das Kopfschütteln vieler Kollegen, als Breitling erstmals in den 70er-Jahren bei der Arbeit von seiner Idee erzählte. "Die ›Spinnerei‹ wird schon wieder vergehen, dachten wir damals", las Rapp aus seinem Beitrag im Buch vor. "Aber das Gegenteil trat ein. Wilhelm Breitling überzeugte uns und viele andere Menschen von seiner Idee und seinem Vorhaben, Kamele in unsere Region zu bringen."

Im Buch wird auch erkennbar, wie schwierig die Anfänge des Projekts waren. Breitlings Sohn Markus sprach die distanzierte Haltung der Rotfelder an, die für die Familie schwer auszuhalten gewesen sei. Im Buch sind Protestplakate auf einem Foto zu sehen: "Projekt Kamel – Nein Danke", heißt es da. Der Rotfelder Josef Schrankenmüller erinnert sich an Protest gegen Kamelhaltung im Ort, sagt aber, dass der Standort außerhalb des Ortes für die Farm ideal gewesen sei. "Dass mit dem Brand alles vorbei sein sollte, war ein Schock", sagt er.

Neuer Besitzer – neues Konzept: Freizeitgelände mit "Fußballgolf"

Denn der Hof war zum Erfolgsmodell geworden, das weit über Rotfelden hinaus bekannt war. Unter den Gästen bei der Buchvorstellung ist Gerda Gassner, Inhaberin einer Kamelreitschule in Österreich. Sie hat beim Bazar einen Rennsattel für Kamele gekauft und erinnert sich an ein gemeinsames Erlebnis mit Breitling: Sie war dabei, als er mit Rotfelder Kamelen in Berlin zu Besuch war und die Tiere durchs Brandenburger Tor geschritten sind. "Der Rückblick zeigt, was der Kamelverein und die Tiere im Herzen der Menschen erreichen konnten", sagt sie.

Die Erinnerung ist auch für die ehemaligen Kamelpatenkinder schön und traurig zugleich. Jasmin Braun, heute 31 Jahre alt, erzählt berührt von der Lesung, dass sie nach den Hausaufgaben früher als Mädchen so gut wie täglich auf den Kamelhof gefahren sei. "Das hat wirklich geprägt. Ich habe viel Eigenverantwortung gelernt. Man hat sich mit Menschen und Tieren mit eigenem Willen auseinandergesetzt", berichtet sie. Breitling sei für sie ein Vorbild, dass man sich durchsetzen kann, wenn man einen Wunsch verfolge.

Nach dem Brand haben unzählige Zuschriften die Breitlings erreicht. "Die Trauer war so groß, weil’s so schön gewesen war", sagt Sohn Jörg Breitling (46). Der Hof habe unterschiedlichste Menschen zusammengebracht. Das Leben seiner Eltern habe sich über Jahre dort abgespielt – auf der Anhöhe am Rande des Schwarzwalds.

Die Idee der Kamelfarm sei im Buch noch einmal festgehalten, lebe aber nicht weiter. Das Gelände wurde verkauft, die verbliebenen sieben Kamele an den neuen Besitzer übergeben. Zuletzt hatte Breitling noch bei deren Pflege mitgeholfen, nach persönlichen Differenzen ist er eigenen Angaben zufolge vor Kurzem aber vollends ausgestiegen.

Der neue Inhaber plant ein Freizeitgelände – zuletzt war daran gedacht, dass man dort "Fußballgolf" spielen kann, und dass Spielangebote für Kinder und Gastronomie angeboten wird. Es ist ein neues – anderes – Konzept.

Breitling sitzt nach der Lesung mit Musik, vielen Umarmungen, Gesprächen und Schulterklopfern an einem Tisch vor der Bühne und signiert zusammen mit seiner Frau Rose Bücher. "Zur Erinnerung und Danke für Alles", schreiben sie mit Silberstift. "Rose und Wilhelm."

DAS BUCH: Wilhelm Breitling "Ein Leben mit Kamelen – Geschichten, Erfahrungen sowie Ratschläge für die Haltung", 239 Seiten, Morija-Verlag, 24,90 Euro

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